Zwischen Helfen und Aushalten – wenn medizinisches Personal mit Suizidalität oder auch einem Sterbewunsch konfrontiert werden
Die Unterscheidung ist wichtig. Ein Freitod stellt sich als eine wohlüberlegte, dauerhafte und frei verantwortete Entscheidung eines Menschen dar, sein Leben zu einem selbst gewählten Zeitpunkt zu beenden. Suizidalität hingegen als Ausdruck einer Krise: geprägt von Verzweiflung, Überforderung, Hoffnungslosigkeit oder dem Wunsch, einem unerträglichen inneren Zustand zu entkommen.
Unabhängig davon, wie wir diese Begriffe verwenden, stehen medizinische Fachkräfte täglich vor einer großen Herausforderung.
Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte, Psychotherapeutinnen, Psychotherapeuten und Mitarbeitende im Rettungsdienst begegnen Menschen in ihren schwersten Lebenssituationen. Sie erleben Leid, Verlust, psychische Erkrankungen und existenzielle Krisen oft unmittelbarer als die meisten anderen Berufsgruppen.
Die Psychiaterin und Suizidforscherin Ute Lewitzka betont immer wieder, dass Suizidalität Raum braucht – auch und gerade im fachlichen Austausch. Denn nur wenn offen über Suizidgedanken gesprochen werden kann, lassen sich Krisen frühzeitig erkennen und Menschen wirksam begleiten.
Wenn ich in meinem Hauptjob der Stadtplanung, der Architektur und im Design arbeite dreht sich sehr sehr vieles um Risikofaktoren oder statistische Wahrscheinlichkeiten. Auch hier geht es schon immer auch um Menschen und Psychologie.
Im Medizinischen und der Psychologie selber um so weniger nicht allein um Risikofaktoren oder statistische Wahrscheinlichkeiten.
Wenn es um Menschen geht, geht es um Begegnung. Um die Fähigkeit, schwierige Fragen zu stellen. Um das Aushalten von Verzweiflung. Und um die Bereitschaft, einem Menschen auch dann zuzuhören, wenn es keine einfachen Lösungen gibt.
Aus meiner Erfahrung als Sanitätssoldat, und einer der heftigsten Erlebnisse in dieser Zeit war eine bis auf wenige gleichaltrigen US Soldaten den ich in seinen letzten Tagen im Irak-Einsatz bis zu seinem Versterben beistand, und im Rettungsdienst, war es ein Kollege nach einem Suizid – von all dem und mehr weiß ich, wie belastend solche Situationen sein können.
Wer beruflich hilft, steht häufig zwischen Verantwortung und Ohnmacht. Nicht jede Krise lässt sich auflösen. Nicht jedes Leid kann genommen werden. Und nicht jeder Suizid kann verhindert werden.
Gleichzeitig zeigt die Forschung eindeutig: Suizidprävention wirkt. Viele Menschen, die eine schwere suizidale Krise überleben, finden später wieder Lebensperspektiven, Ambivalenz und Veränderungen im Leben und Lebensperspektiven sind normal und sind wir doch alle gewöhnt, oder sollten es gewöhnt und damit vertraut sein.
Deshalb sind frühe Hilfen, vertrauensvolle Gespräche, therapeutische Begleitung, gute Nachsorge und soziale Unterstützung von unschätzbarem Wert.
Ein Aspekt wird dabei oft übersehen: Auch medizinisches Personal selbst ist gefährdet. Die hohe Verantwortung, emotionale Belastungen, Schichtdienste, Personalmangel und die tägliche Konfrontation mit Krankheit und Tod hinterlassen Spuren. Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienstmitarbeitende sind nicht nur Helfende. Sie sind auch Menschen mit eigenen Grenzen, Verletzungen und Krisen.
Wirksame Präventionskonzepte müssen deshalb beides umfassen: den Schutz der Patientinnen und Patienten ebenso wie den Schutz derjenigen, die sie versorgen.
... Über Suizidalität zu sprechen schafft nicht Gefahr, sondern Möglichkeiten.
... Möglichkeiten, Leid sichtbar zu machen.
... Möglichkeiten, Unterstützung anzubieten.
... Möglichkeiten, Leben zu retten.
Und zugleich Möglichkeiten, die schwierigen Fragen nach Selbstbestimmung, Würde und dem Wunsch nach einem selbst gewählten Lebensende offen und respektvoll zu diskutieren.
Schweigen hilft niemandem.
Gespräche hingegen können all zu oft den entscheidenden Unterschied machen.
Artikel in diesem Kontext:
Viele der Fragen, die ich hier anspreche, habe ich bereits in meinem Artikel „Der letzte Schritt – Aktive Sterbehilfe – Blick nach Belgien“ berührt. Dort standen die Belastungen von Sterbenden, Angehörigen und medizinischen Fachkräften im Mittelpunkt, die mit Entscheidungen am Lebensende verbunden sind. Die psychischen Herausforderungen unterscheiden sich zwar je nach Situation, doch sie zeigen stets, wie wichtig Gespräche, Begleitung und menschliche Nähe sind.In meinem Artikel „Warum es Ärzt*innen oft schwerfällt, über ein selbstbestimmtes Lebensende zu sprechen“ bin ich auch bereits auf die ethischen, psychologischen und strukturellen Gründe eingegangen, die solche Gespräche oft erschweren.
Ich möchte mit meiner Arbeit und mit meinen Texten für mehr Offenheit werben, bessere Gesprächskultur und die Bereitschaft, auch schwierige Themen gemeinsam auszuhalten.

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