Der letzte Schritt – Aktive Sterbehilfe – Blick nach Belgien

Ich schreibe diesen Artikel heute zum Thema Aktive Sterbehilfe, nach dem ich den Artikel  Sterbehilfe in Belgien: Der Wille, zu sterben | taz.de von Bernd Müllender in der TAZ gelesen habe. Ich habe der Thema Aktive Sterbehilfe immer wieder schon gestreift und besprochen und will es heute erneut machen.

Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2020 hat sich in Deutschland etwas verändert.
Nicht laut, nicht plötzlich, aber tiefgreifend. Der Staat darf einem Menschen den selbstbestimmten Wunsch zu sterben nicht grundsätzlich verwehren. Assistierter Sterbehilfe ist möglich geworden.
Und doch bleibt das Thema schwer, leise, tastend. Vielleicht, weil es um das Größte geht: um Freiheit, Würde, Angst, Leiden – und um die Frage, wie ein Mensch gehen darf.

Wenn man, wenn ich, von Deutschland nach Belgien blickt, blickt man auf ein Land, das einen anderen Weg gegangen ist. Dort ist nicht nur die assistierte Sterbehilfe erlaubt, bei der der sterbewillige Mensch selbst den letzten Schritt vollzieht. Belgien erlaubt auch aktive Sterbehilfe. Ärztinnen oder Ärzte dürfen das todbringende Medikament verabreichen.

Für viele Menschen überschreitet genau das eine Grenze. Auch ich empfinde diese Grenze. Nicht aus moralischer Überheblichkeit oder religiöser Gewissheit heraus, sondern weil es einen entscheidenden Unterschied gibt: ob ein Mensch selbst den letzten Akt seines Lebens ausführt – etwa den Hahn einer Infusion öffnet oder einen Knopf drückt – oder ob ein anderer Mensch diesen Schritt übernehmen muss.


Assistierte Sterbehilfe ist Begleitung – so ist mein Verständnis des Wort und dem Tun. Das Wort enthält bereits etwas Wesentliches. Begleitung bedeutet: da sein, tragen helfen, Schmerzen lindern, Angst auffangen, den Wunsch ernst nehmen. Aber und das Wesentliche, und nicht nur rechtlich, die Entscheidung und die letzte Handlung bleiben beim sterbewilligen Menschen selbst.
Das verändert die Verantwortung nicht nur rechtlich, sondern auch menschlich und seelisch.

Wer die Berichte aus Belgien liest, die Bernd Müllender in der taz nennt, spürt, wie schwer auch dort dieser Moment bleibt. Die belgische Ärztin Catherine Roy beschreibt die aktive Sterbehilfe nicht als technischen Vorgang, sondern als körperlichen Schmerz. Ein letzter Blick. Ein letztes „Ja?“. Dann die Spritze. Der Mensch stirbt innerhalb von Sekunden oder Minuten. Friedlich vielleicht – aber nie banal.
Und genau das verdient Ehrlichkeit. Aktive Sterbehilfe ist kein 'anderes Adjektiv', ist kein Verwaltungsakt, kein medizinischer Routineeingriff.
Es verlangt einem Arzt, einer Ärztin oder einem Helfer etwas ab, das weit über gewöhnliche medizinische Verantwortung hinausgeht. Nicht nur fachlich, sondern ethisch und emotional.
Gerade deshalb überzeugt mich der belgische Umgang mit dieser Frage in einem Punkt: Dort sprechen die Beteiligten offen über die Belastung. Über Zweifel. Über Gewissensfragen. Über die Notwendigkeit langer Gespräche und echter Begleitung.
Niemand in diesen Berichten wirkt leichtfertig. Im Gegenteil. Die Würde des Sterbenden scheint gerade daraus zu entstehen, dass alle Beteiligten die Schwere dieses Moments anerkennen.
Und dennoch glaube ich: Die aktive Sterbehilfe sollte Ausnahme bleiben.


Nicht, weil Leiden verlängert werden muss. Nicht, weil jeder Schmerz ertragen werden sollte. Sondern weil der letzte Schritt, wenn irgend möglich, beim sterbewilligen Menschen selbst liegen sollte. Solange ein Mensch noch in der Lage ist, eine Hand zu bewegen, mit den Augen einen Impuls auszulösen, mit einem Finger den Ablauf zu beginnen, sollte genau das der Weg sein. Der eigene Wille bleibt dadurch sichtbar und unmittelbar.


Aber es gibt Grenzsituationen. Menschen mit ALS etwa, deren Geist klar bleibt, während der Körper vollständig versagt. Menschen, die weder sprechen noch schlucken noch einen Finger bewegen können. Menschen, die ihren Wunsch eindeutig und über lange Zeit geäußert haben – und am Ende physisch nicht mehr in der Lage sind, die letzte Handlung selbst auszuführen.
In solchen seltenen Ausnahmefällen kann ich verstehen, warum aktive Sterbehilfe für manche der einzig verbleibende Weg zu einem selbstbestimmten Tod wird. Nicht als gesellschaftliches Ideal. Nicht als normale Lösung. Sondern als letzter Ausdruck von Mitgefühl gegenüber einem Menschen, dessen Wille noch lebt, obwohl der Körper bereits jede Möglichkeit verloren hat, ihn umzusetzen.

Gerade deshalb braucht dieses Thema Schutzräume statt Ideologien - und hier braucht es Politiker die einen guten Rahmen erarbeiten - da denke ich an Politiker wie Prof. Dr. Armin Grau.
Es braucht keine kalte Technokratie des Sterbens, aber auch keine moralische Verurteilung von Menschen, die unerträglich leiden.
Es braucht Ärzte, Pflegende, Psychologen und Angehörige, die ernst nehmen, was Sterbende sagen.
Und ebenso braucht es Grenzen, Sorgfalt und eine Kultur des Zweifelns.

Denn Sterbehilfe darf niemals etwas werden, das effizient erscheint. Niemals eine ökonomische Option. Niemals eine gesellschaftliche Erwartung an Kranke, Alte oder Pflegebedürftige.


Was mich an manchen Stimmen aus Belgien berührt, ist nicht die Freigabe der aktiven Sterbehilfe selbst. Es ist die Haltung dahinter: dass man den sterbenden Menschen sieht. Nicht als Fall. Nicht als Problem. Sondern als Mensch mit Angst, Würde, Erschöpfung und einem letzten eigenen Willen.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Maßstab jeder Debatte über Sterbehilfe:
Ob wir es schaffen, sowohl das Leben als auch den Wunsch zu sterben mit derselben Ehrlichkeit und derselben Menschlichkeit auszuhalten.



In diesem Kontext:

Informationen zur Sterbehilfe in Belgien und mehr

Zahlen und Fakten zur Sterbehilfe

Aus meiner Reihe Q&A Reihe
die beiden Artikel  Informationen wo und wie man Sterbehilfe in Deutschland findet  und  Warum ich Aktive Sterbehilfe kritisch, aber in Ausnahmefällen befürwortend sehe



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