PSNV zwischen Nähe, Struktur und Erfahrung

Manche Erfahrungen verlieren mit den Jahren nicht an Gewicht. Sie verändern nur ihre Stimme.
Ich bin Ende fünfzig, kurz vor den Sechzigern – scary –, und vieles, was mich geprägt hat, liegt rund vierzig Jahre zurück. Und doch ist es immer noch präsent, wie ein Schatten, der neben mir geht.

Ich war Sanitätssoldat. Ich habe als Rettungssanitäter gearbeitet. Ich habe Kameraden verloren – auf viele Arten. Einen Kollegen aus dem Rettungsdienst fand ich nach seinem Suizid; dieses Erlebnis hat sich unausweichlich in mein Leben eingebrannt. Egal wie viel Ausbildung, Routine oder vermeintliche Stabilität man mitbringt, in solchen Momenten wird alles fragil.
Und dann war da noch der Einsatz im Irak, wo ich einen US-Soldaten, exakt in meinem Alter, mental bis zu seinem Tod begleitete. Meine Ausbildung – unter anderem durch Trainings der US Army in Heidelberg – half mir damals, funktional zu bleiben, für andere da zu sein und mich selbst nicht zu verlieren.


Heute weiß ich - Resilienz ist kein Schutzschild.
Resilienz ist ein Zustand auf Zeit – lebendig und veränderlich wie das Leben nun einmal ist. Und sie kann oft schneller verschwinden, als wir glauben.

Diese Erkenntnis begleitet mich bis heute in meiner Arbeit in der psychosozialen Notfallversorgung. Mein Schwerpunkt liegt überwiegend in der 1:1-Betreuung: Gespräche mit Einzelpersonen, oft in Situationen, die von außen unspektakulär wirken, innerlich jedoch hoch belastend sind. Genau dort entfaltet PSNV, Trauerbegleitung und Mental-Health-Betreuung ihre größte Kraft: im Zuhören, im Dasein, im Aushalten.

Doch mit den Jahren hat sich mein Blick erweitert. Je mehr ich auf Großschadenslagen, Klimakatastrophen, politische Krisen und meine eigenen Erfahrungen zurückblicke – sei es auf Vorträgen des BBK, wie in Heilbronn vor einigen Wochen, oder in der Reflexion über Einsätze –, desto stärker wird mir bewusst, dass PSNV in diesen Situationen anders funktionieren muss.


Wenn ich an Großschadenslagen denke, sehe ich keine Kategorien oder Schlagworte. Ich sehe Bilder. Ich höre Geräusche. Ich spüre Überforderung, die sich langsam, aber sicher breitmacht. Zugunglücke, eingestürzte Gebäude, Industrieunfälle, großflächige Stromausfälle – das sind keine abstrakten Szenarien, sondern Momente, in denen viele Menschen gleichzeitig Halt verlieren.

Ich denke an Hochwasser, Starkregen, Stürme und Hitzeperioden, in denen ganze Regionen aus dem Gleichgewicht geraten. An Brände, Explosionen, Nächte, die nicht enden wollen. An Gewaltereignisse – Anschläge, Amoklagen –, bei denen Angst schneller ist als jede Einsatzkraft.

Und es gibt die leisen, langwierigen Katastrophen: Pandemien, großflächige Evakuierungen, lang andauernde Versorgungskrisen. Hier belastet nicht ein einzelnes Ereignis, sondern die Dauer, die Unsicherheit, das ständige Warten. Besonders schwer wiegen Situationen mit vielen Todesopfern, mit Kindern oder besonders verletzlichen Menschen – und solche, die unter ständiger medialer Beobachtung stehen, ohne Raum zum Atmen.

Gerade in solchen Momenten wird deutlich: PSNV kann hier nicht wie im Einzelgespräch funktionieren. Sie muss größer denken, strukturierter handeln und dennoch menschlich bleiben. Was gebraucht wird, ist nicht nur Nähe, sondern Orientierung – für Betroffene wie für Helfende gleichermaßen.

Ereignisse wie die Flutkatastrophe im Ahrtal oder schwere Zugunglücke zeigen: PSNV in Katastrophen ist grundlegend anders als im Einzelkontakt. Es geht nicht um einzelne Personen, sondern um große Gruppen psychisch belasteter oder potenziell traumatisierter Menschen – unter Bedingungen von Zeitdruck, Ressourcenknappheit, unklaren Lagen und komplexen Führungsstrukturen.


Das wirft zentrale fachliche Fragen auf - und ich m uss zugeben ich bin kein Stratege - als kreativer Designer bin ich eher anders - aber bei aller kreativität es braucht Struktur und Rahmen:

  • Wie gelingt in solchen Lagen eine belastbare psychische und strukturierte Lagefeststellung?

  • Wie ist PSNV sinnvoll in Einsatz- und Führungsstrukturen integriert – nicht als „'ein' Zusatzangebot“, sondern als relevanter und elementarer Bestandteil der Gesamtstrategie?

  • Wie greifen PSNV-B, PSNV-E und weitere psychosoziale Maßnahmen ineinander, ohne sich gegenseitig zu hemmen?

Großschadenslagen verlangen andere Konzepte als klassische Einzelbetreuung. Sie erfordern klare Strukturen, definierte Zuständigkeiten, abgestimmte Kommunikation und Priorisierung. Sie erfordern die Fähigkeit, mit begrenzten Ressourcen umzugehen, ohne den Anspruch der Menschlichkeit zu verlieren. Und sie verlangen, PSNV als systemisch eingebettete Einsatzkomponente zu verstehen.

Nähe bleibt zentral. Aber Nähe allein reicht nicht.
Ohne Struktur wird sie beliebig – oder sie erschöpft diejenigen, die helfen wollen.


Mit der Distanz von Jahrzehnten sehe ich vieles heute anders. Nicht weniger ernst, aber klarer. Weniger getrieben vom Funktionieren, mehr vom Verstehen. Ich weiß, dass nicht jede Wunde sofort versorgt werden kann – aber dass das bewusste Wahrnehmen, Benennen und gemeinsame Tragen einen Unterschied macht. In einem Notfall, an  der Unfallstelle ist eine Wunde sichtbar und direkt behandelbar, versorgbar - mentale Wunden sind selten so offen sichtbar.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem ich heute stehe: Ich will meine Erfahrungen einbringen. Nicht als absolute Wahrheit, sondern als Einladung zum Denken, Diskutieren, Weiterentwickeln. 

Denn mentale Belastung bleibt – unabhängig von Zeit, Einsatzort oder Funktion – zutiefst menschlich. Und genau deshalb schulden wir ihr sowohl Nähe als auch Struktur.


Was all die Jahre mir gezeigt haben:
Es sind nicht die Rettungen, die in Erinnerung bleiben, sondern die Momente, in denen wir einfach bei jemandem sind, ihn halten und durch die Dunkelheit begleiten – auch ohne Antworten.



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