Durch Astrid Lindgren's Augen – ein stiller Appell in wahnwitzigen Zeiten „Die Menschheit hat den Verstand verloren“
Der Film nähert sich Astrid Lindgren über ihre Kriegstagebücher aus den Jahren 1939 bis 1945. Texte, die sie in den Jahres des Zweiten Weltkriegs schrieb, als Mutter, als Frau, als frühe Feministin. 70 Jahre lang lagen diese Aufzeichnungen verborgen in einem Wäscheschrank.
Es ist ein leiser, eindringlicher Film, der mich im Kino tief berührt hat – und der noch lange nachwirkt. Selten habe ich Geschichte so nah erlebt, so menschlich und zugleich so erschreckend aktuell.
Heute hören wir darin, durch Astrid Lindgren's Auge und Wahrnehmung, von Angst, Ohnmacht und Fassungslosigkeit – aber auch von innerer Stärke und auch Dankbarkeit.
Besonders berührend ist die Nähe, die der Film herstellt: die Gespräche zwischen ihrer Tochter Karin, ihrer Enkelin Annika und ihrem Urenkel Johan. Sie lesen, erinnern, halten inne. Dabei wird deutlich, wie sich Erfahrungen von Krieg, Angst und Hoffnung durch Generationen ziehen – und wie wichtig es ist, ihnen Raum zu geben, statt sie zu verdrängen.
Sehr nahe ging mir die Geschichte rund um das erste Manuskript für Karin, das Astrid Lindgren ihr – ich meine zum zehnten oder zwölften Geburtstag – schenkte. Schreiben als Akt der Liebe.
Zuvor schickte sie dieses Manuskript an einen Verlag, begleitet von einem Anschreiben, das mich im Film besonders schmunzeln ließ: Lindgren versichert darin augenzwinkernd, dass Pippi Langstrumpf selbstverständlich nichts mit ihren eigenen Kindern zu tun habe. Ihre Kinder seien keineswegs so wild, ungezogen oder anarchisch – und von ihr ganz sicher nicht verzogen. Diese Sorge, sonst womöglich Ärger mit dem Jugendamt zu bekommen, formuliert sie so ehrlich und humorvoll, dass man spürt: Hier schreibt eine reflektierte Mutter mit Haltung und Selbstironie.
Dass dieses Manuskript dennoch zunächst abgelehnt wurde, macht ihre spätere Wirkungsgeschichte umso erstaunlicher und wertvoller.
Was wir und die ganze Welt Astrid Lindgren zu verdanken haben, wird an der Entstehung von Pippi Langstrumpf besonders deutlich.'
Astrid Lindgren begann diese Geschichte in einer Zeit persönlicher Verletzlichkeit: Nach einer Bein- bzw. Fußverletzung war sie selbst wochenlang ans Bett gefesselt. Zuvor hatte sie ihrer Tochter Karin an Krankheitstagen am Krankenbett von Pippi erzählt - Die Idee für den Namen kam von Karin, die ihre Mama bat ihr von einem Mädchen namens Pippi Langstrumpf zu erzählen - so süß.
Aus dieser Phase der Einschränkung, des Stillstands, entstand eine Figur, die Freiheit, Stärke und Selbstwirksamkeit verkörpert – vielleicht auch als Gegenentwurf zu einer Welt, die aus den Fugen geraten war.
Im Kino hatte ich das Gefühl, durch Astrid Lindgrens Augen auf unsere Gegenwart zu blicken. Der Schrecken von Autokratie und 'Unberechenbarkeit' wird nicht abstrakt erzählt, sondern aus der Perspektive einer Mutter, die um die seelische Zukunft der nächsten Generation bangt. Ihre Worte sind leidenschaftliche Appelle an Mitmenschlichkeit, Frieden und Gleichberechtigung – und sie wirken heute erschreckend aktuell.
Denn der Wahnsinn, von dem Astrid Lindgren spricht, ist kein Relikt der Vergangenheit. Wenn man beobachtet, wie politische Macht heute wieder über Spaltung, Angst und Verrohung von Sprache funktioniert, wie autoritäre Muster zurückkehren, dann klingen ihre Tagebucheinträge wie Kommentare zur Gegenwart. Ob man an das Verhalten eines Trump denkt oder an Aussagen der AfD hier in Deutschland – vieles ließe sich mit denselben Worten beschreiben, die Lindgren einst für Hitler und das NS-Regime fand. Mit Astrid Lindgrens Klarheit gesagt: Es ist Wahnsinn.
Dieser Film ist deshalb nicht nur eine Erinnerung, sondern eine Mahnung. Er zeigt, wie wichtig es ist, Menschlichkeit zu bewahren – gerade in Zeiten kollektiver Überforderung. Und er erinnert daran, dass seelische Widerstandskraft oft leise entsteht: im Schreiben, im Erzählen von Geschichten, im Festhalten an Werten. Vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke – damals wie heute.
Geht ins Kino - hört Astrid Lindgren zu - einer starken, intelligenten Frau.
Ich kann den Film nur wärmstens empfehlen!
Trailer zum Film:
Und noch ein Wort ...
zu dem tollen Kino, das ich zufällig entdecken durfte ...
Eigentlich bin ich nur im Saalbau, dem Kino in Heppenheim, gelandet, weil ich den Film weder in Karlsruhe noch in Heidelberg oder Speyer finden konnte. Was als Notlösung begann, entpuppte sich schnell als echtes Highlight. Am Ende bleibt neben dem berührenden Film und mitgenommen worden zu sein von Astrid Lindgren, das Gefühl, etwas Besonderes entdeckt zu haben - ein wahres Lichtspielhaus. Ein Kino, das nicht laut sein will, nicht laut sein muss, um Eindruck zu hinterlassen.
Dieses Kino strahlt eine Ruhe und Würde aus, die man heute nur noch selten findet. Der Charme der 50er Jahre ist überall spürbar, ohne aufgesetzt zu sein oder wirken.
Der Saalbau erinnert daran, wie schön Kino einmal war – und immer noch sein kann.
Saalbau Lichtspiele in Heppenheim
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