Monat zur Aufklärung über Co-Abhängigkeit / Co-Betroffenheit
Wenn Geben zur Selbstaufgabe wird
Manche Menschen geben so lange, bis kaum noch etwas von ihnen selbst übrig ist.
Sie hören zu, halten aus, springen ein, übernehmen Verantwortung. Still. Verlässlich. Immer wieder.
Von außen wirkt das wie Stärke oder besondere Fürsorge.
Von innen fühlt es sich oft ganz anders an: erschöpfend, einengend, leer.
Das ist kein persönliches Versagen.
Es ist ein Signal.
Der Januar gilt als Awareness-Monat für Co-Abhängigkeit / Co-Betroffenheit. Vielleicht braucht dieser Monat genau diese doppelte Benennung – weil sie sichtbar macht, dass es hier nicht um Schuld geht, sondern um Menschen, die mitleben, mittragen und häufig unsichtbar mitbetroffen sind.
Warum „Co-Betroffenheit“ wichtig ist
Der Begriff Co-Abhängigkeit beschreibt relevante Beziehungsmuster, trägt aber oft eine schwere, bewertende Bedeutung. Viele Menschen erleben ihn als Vorwurf – und reagieren mit Scham statt mit Verständnis.
Co-Betroffenheit setzt einen anderen Fokus.
Er macht deutlich: Menschen sind nicht „falsch“, sondern durch Nähe, Verantwortung oder langanhaltende Belastung mitbetroffen.
Co-Betroffenheit bedeutet:
-
emotional mitzuleiden, ohne selbst die Ursache zu sein
-
Verantwortung zu tragen, weil man da ist – nicht, weil man versagt
-
auf eine dauerhafte Ausnahmesituation menschlich zu reagieren
Sprache, die das anerkennt, kann entlasten.
Sie öffnet den Raum für Selbstmitgefühl – und für Veränderung.
Was Co-Abhängigkeit / Co-Betroffenheit beschreibt
Gemeint sind Beziehungsmuster, in denen eigene Bedürfnisse dauerhaft zurückgestellt werden, um andere zu stabilisieren, zu beruhigen oder emotional „zusammenzuhalten“.
Grenzen verschwimmen. Schuldgefühle ersetzen Selbstfürsorge.
Was oft als Hilfsbereitschaft beginnt, wird zur stillen Selbstaufgabe.
Nicht aus Egoismus, sondern aus Loyalität, Angst oder dem Wunsch, gebraucht zu werden.
Diese Muster entstehen nicht nur im Kontext von Suchterkrankungen, sondern auch:
-
bei psychischen oder chronischen Erkrankungen
-
in Familien mit dauerhafter emotionaler Instabilität
-
in Pflege-, Helfer- oder Verantwortungskontexten
-
in Freundschaften oder Teams mit unausgeglichenen Rollen
Allen gemeinsam ist: Geben ersetzt Gleichgewicht.
Woran man Co-Betroffenheit erkennen kann
Hilfreiche Fragen können sein:
-
Fühle ich mich verantwortlich für Gefühle, die nicht meine sind?
-
Habe ich Angst vor Abgrenzung, weil ich Beziehungen nicht verlieren will?
-
Weiß ich noch, was ich brauche?
Grenzen zu setzen bedeutet nicht, weniger mitfühlend zu sein.
Es bedeutet, Verantwortung wieder dorthin zu geben, wo sie hingehört.
Unterstützung ist erlaubt
Angebote wie Mental Health First Aid (MHFA) oder Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) können helfen, Belastungen früh zu erkennen – bei anderen und bei sich selbst – ohne sich selbst zu verlieren.
Auch Beratung, Therapie, Supervision oder Selbsthilfegruppen können dabei unterstützen, alte Muster zu verstehen und neue Handlungsspielräume zu entwickeln. Ohne Schuld. Ohne Druck.
Schlussgedanken
Der Awareness-Monat für Co-Abhängigkeit / Co-Betroffenheit erinnert daran:
Echte Unterstützung ist nicht einseitig.
Beziehungen dürfen tragen – nicht auszehren.
Wer sich hier wiederfindet, ist nicht schwach.
Oft sind es besonders aufmerksame, verantwortungsvolle und mitfühlende Menschen, die zu viel geben.
Veränderung beginnt nicht mit Selbstvorwürfen, sondern mit einer Erlaubnis:
sich selbst wichtig zu nehmen.
Aufklärung schafft Sprache.
Sprache schafft Wahlmöglichkeiten.
Und genau darum geht es – in diesem Monat und darüber hinaus.
Hilfsangebote in Deutschland – an wen man sich wenden kann
Niemand muss mit diesen Mustern allein bleiben. Es gibt in Deutschland vielfältige, niedrigschwellige und professionelle Unterstützungsangebote:
Psychotherapeutische und ärztliche Unterstützung
Psychotherapeut*innen (gesetzlich oder privat):
Hilfe bei der Aufarbeitung von Beziehungsmustern, Grenzsetzung, Selbstwert und Überlastung.Hausärzt*innen können erste Ansprechpersonen sein und bei Bedarf weitervermitteln.
Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen:
- 116 117 (kostenfrei, bundesweit)
Beratungsstellen
Psychosoziale Beratungsstellen (kommunal oder kirchlich getragen)
Unterstützung bei familiären, partnerschaftlichen und emotionalen Belastungen.Ehe-, Familien- und Lebensberatung
Auch ohne religiöse Bindung nutzbar, häufig kostenfrei oder einkommensabhängig.
Angebote bei Sucht- und Belastungskontexten
Da Co-Abhängigkeit, wie oben gesagt, häufig im Umfeld von Suchterkrankungen entsteht:
Suchtberatungsstellen (z. B. Caritas, Diakonie, AWO, DRK)
Angehörigengruppen wie:
Diese Angebote richten sich ausdrücklich an Angehörige, nicht nur an Betroffene.
Telefonische und anonyme Hilfe - telefonseelsorge.de
TelefonSeelsorge
0800 111 0 111 | 0800 111 0 222
Rund um die Uhr, anonym, kostenfreiHotlines zur Lebenshilfe
116 123 116 123-Nummern für Hotlines zur Lebenshilfe
Nummer gegen Kummer - nummergegenkummer.de
- 116 111 , Kinder & Jugendliche können wegen jedem Thema anrufen.
- 0800 111 0550 . Für alle Erziehenden, anonym & kostenlos.
Unterstützung für Helfende und Einsatzkräfte
Gerade für Menschen in sozialen, pflegenden oder ehrenamtlichen Rollen:
PSNV-Angebote (Psychosoziale Notfallversorgung)
Für Einsatzkräfte, Helfende und deren Angehörige – zur Entlastung, Stabilisierung und Prävention.Supervision und kollegiale Beratung
Besonders wichtig bei dauerhafter emotionaler Verantwortung.
Selbsthilfe
Selbsthilfegruppen zu Angehörigen-, Beziehungs- oder Erschöpfungsthemen
Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen – oft entlastend und stärkend.
Suche in Deiner Nähe.Vermittlung z. B. über NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen).
Ein wichtiger Hinweis - Wichtig nicht nur in diesem Monat
Hilfe in Anspruch zu nehmen ist kein Zeichen von Schwäche.
Es ist ein Schritt hin zu Verantwortung – für sich selbst.
Wer merkt, dass Geben zur Selbstaufgabe geworden ist, darf Unterstützung suchen, ohne erst „zusammenbrechen“ zu müssen.

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