Wenn Sekunden alles verändern – Schienensuizid und die seelischen Folgen für Lokführer
Für Außenstehende bedeutet das oft eine Streckensperrung oder Verspätungen. Für die Menschen im Führerstand jedoch ist es ein Ereignis, das sich unauslöschlich ins Leben einschreibt.
Bremswege von mehreren hundert Metern lassen keine Chance, ein solches Ereignis zu verhindern. Dieses Wissen ist rational nachvollziehbar – die emotionale Realität dahinter trifft die Betroffenen jedoch mit einer Wucht, die sich von außen kaum ermessen lässt.
Viele Lokführer berichten nach solchen Ereignissen von anhaltenden psychischen Belastungen PTBS:
- Flashbacks - aufdrängende Erinnerungen
- Albträume
- Schlafstörungen
- innere Unruhe
- Konzentrationsstörungen
- Vermeidungsverhalten sowie Schuld- oder Schamgefühle
Reaktionen und Gefühle zumal diese Eisenbahner objektiv keine Verantwortung tragen.
Das Gefühl der absoluten Ohnmacht, kombiniert mit der unmittelbaren Nähe zum Geschehen, macht Schienensuizide zu einer besonders belastenden Erfahrung. Oft folgt nach außen hin rasch der Alltag, während innerlich nichts mehr „normal“ ist. Akut Belastungsreaktionen sind ganz normale Reaktionen auf nicht normale Ereignisse.
Was dabei leicht vergessen wird: Lokführer und andere Eisenbahner sind keine anonymen Funktionsträger. Sie tragen Verantwortung für Menschen, Technik und Sicherheit – und gleichzeitig die Last dessen, was sie erleben. Die Eisenbahnen und ÖPNV Betriebe haben darauf reagiert: Speziell ausgebildete Kräfte der Psychosozialen Betreuung und Notfallversorgung begleiten Betroffene nach sogenannten Personenunfällen. Sie bieten Gespräche, Stabilisierung und Unterstützung – unmittelbar nach dem Ereignis und, wenn nötig, auch langfristig.
Diese Form der Fürsorge ist essenziell. Sie signalisiert:
Psychische Verletzungen sind real, ernst zu nehmen und kein Zeichen von Schwäche.
Mentale Gesundheit ist eine Grundvoraussetzung dafür, einen solchen Beruf überhaupt ausüben zu können.
Und nicht nur bei der Eisenbahn. Auch bei Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei sowie bei weiteren Hilfsorganisationen wie dem THW ist PSNV ein fester Bestandteil der Einsatznachsorge. Überall dort, wo Menschen mit Tod, Leid und Extremsituationen konfrontiert werden, braucht es professionelle psychosoziale Unterstützung.
Schienensuizide enden nicht mit dem Stillstand eines Zuges.
Solche Ereignisse wirken weiter in den Menschen, die im Führerstand saßen, die Lokführer und andere Eisenbahner, die helfen mussten, wie Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei, und weitere, die Verantwortung trugen aber auch Unbeteiligte von Augenzeugen und vielen anderen Menschen.
Offen darüber zu sprechen, hinzusehen und Unterstützung anzunehmen und anzubieten, ist ein notwendiger Schritt, um mentale Gesundheit sichtbar zu machen und zu schützen.
Bahnbetreiber tragen Verantwortung durch bauliche Maßnahmen an bekannten Gefährdungspunkten, durch technische Sicherungen, aber auch durch Schulungen ihres Personals im Erkennen kritischer Situationen und im Umgang mit Menschen in akuten Krisen.
Ebenso wichtig ist eine enge Zusammenarbeit mit Polizei, Rettungsdiensten und psychosozialen Fachstellen, um schnell und koordiniert handeln zu können.
Suizidprävention ist ohne weitere Diskussion ein wichtiges Thema. Dazu gehören niedrigschwellige Hilfsangebote, gut vernetzte Angebote, erreichbare Beratungsstellen, Präventionsprogramme, aber auch ein Umfeld, das zuhört, ohne zu bewerten.
Suizidprävention im Bahnkontext schützt nicht nur potenziell Betroffene, sondern auch Lokführer, Zugbegleiter, Einsatzkräfte und Augenzeugen vor traumatischen Erlebnissen. Jeder verhinderte Schienensuizid bewahrt nicht nur ein Menschenleben, sondern verhindert auch weitreichende seelische Folgen für viele andere.
Prävention ist damit ein wesentlicher Bestandteil von Sicherheit im Eisenbahnbetrieb – nicht nur technisch, sondern vor allem menschlich.
Für weiterführende und inhaltlich verwandte Themen bitte das nachfolgende Tagging nutzen, das ganz am Ende des Artikel zu finden ist.
Kontakte - Hilfe Im Fall von psychiatrischer Krisen
Notfall
Notaufnahme in der Akutpsychiatrie: In größeren psychiatrischen Kliniken existieren Notaufnahmen mit Fachärzt*innen, die ähnlich funktionieren wie die körperliche Notfallmedizin. Diese sind 24 Stunden täglich erreichbar.
Schnelle Hilfe im Notfall: 112 (Rettungsdienst)
Bei Vergiftungen:
Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen etc. rufen Sie bitte direkt den Notarzt – in Deutschland über die Nummer 112
Giftnotruf
Kostenfreie Informationen bei Verdacht auf Vergiftungen geben rund um die Uhr folgende Giftnotrufe:
Giftnotruf der Charité: 030 19240
Giftnotruf der TU München: 089 19240
Vergiftungs-Informations-Zentrale: 0761 19240
Hilfe - Rufnummern und Websites
- Sozialpsychiatrischer Dienst
- eigenen Wohnort
Telefon: 0228 71002424
Telefonseelsorge, bundeseinheitliche Nummern
Die Telefonseelsorge bietet kostenfreie Beratung per Telefon, Mail, Chat oder vor Ort. Sie ist für jeden da, für alte und junge Menschen, Berufstätige, Nicht-Berufstätige, Auszubildende, Rentner, für Menschen jeder Glaubensgemeinschaft und natürlich auch Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit. Die Gespräche sind anonym und die Mitarbeiter*innen rund um die Uhr erreichbar.
Telefon. 116 123
http://www.telefonseelsorge.de/
Evangelisch.: 0800 111 0 111
Katholisch: 0800 111 0 222
Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche und Eltern
Nummer gegen Kummer e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern ein kompetenter Ansprechpartner zu sein bei kleinen und großen Sorgen, Problemen und Ängsten.
Telefon Beratung für Kinder und Jugendliche: 116 111
Elterntelefon: 0800 111 0 550
https://www.nummergegenkummer.de/
Nationale Kontakt- und Informationsstelle (NAKOS) zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
Die NAKOS ist die zentrale bundesweite Anlaufstelle in Deutschland rund um das Thema Selbsthilfe. Als Knotenpunkt vernetzt NAKOS die relevanten Akteure. Interessierte, Betroffene und Angehörige finden hier alle notwendigen Informationen. Dabei zeigt NAKOS die Vielfalt und Möglichkeiten gemeinschaftlicher Selbsthilfe auf und fördert und vertritt sie gegenüber Politik und Gesellschaft.
Telefon: 030 - 31 01 89 60
Weitere Hilfe - Gesprächsangebote und Suizidprävention
Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.
Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 - 443 509 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de
Hebräischsprachige Hotline "Matan": ‚Matan‘ ist ein Projekt der Beratungsstelle ‚OFEK‚ e. V. und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Telefonnummer: 0800 - 000 16 42 Hotline-Zeiten: Jeden Tag der Woche 20:00-22:00 - Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Kirchlichen Telefonseelsorge (KTS) durchgeführt und durch die Deutsche Fernsehlotterie gefördert.
Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de

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