Zwischen Struktur, Sekunden und Seele.

Im Rettungsdienst zählt jede Sekunde. Entscheidungen fallen unter Druck, Handlungen müssen sitzen, Abläufe greifen. Klare Strukturen, Algorithmen, Handlungsempfehlungen und medizinische Standards sind das Fundament unserer Arbeit. Sie geben Halt, wenn Situationen chaotisch werden. Sie machen es möglich, Leben zu retten, Schaden zu begrenzen und Menschen sicher in weiterführende Versorgung zu bringen.

Diese Strukturen sind kein Korsett – sie sind ein Schutz. Für die Patientinnen und Patienten. Und für uns selbst.

Seit ein paar Tagen treibt mich der Gedanke um kann es so etwas wie eine 'den Menschen sehende' Notfallversorgung im Rettungsdienst geben?

Am Einsatzort liegt der Fokus zunächst auf dem, was lebenswichtig ist:
Atemwege sichern, Blutungen stoppen, Schmerzen lindern, Vitalfunktionen stabilisieren. Diese Maßnahmen haben Priorität, und das zu Recht. Sie entscheiden darüber, ob ein Mensch eine Chance hat, diesen Einsatz zu überleben.
Und doch wissen wir alle: Damit ist noch nicht alles gesagt.

Denn am Einsatzort liegt kein „Fall“, kein „Patient XY“, kein „Polytrauma nach Schema F“. Dort liegt ein Mensch. Ein Mensch mit Angst, mit Schmerzen, mit Kontrollverlust. Oft mit Fragen, die niemand ausspricht. Mit Sorgen, die in keiner Checkliste stehen. Die weder in ein XABCDE, ein SAMPLER(+S) noch in irgendein anderes Schema passen.


Wir begegnen Menschen in Momenten, in denen ihr Leben aus den Fugen gerät.
In Sekunden, die sich einbrennen. In Situationen, die sie so nie erleben wollten – und auf die niemand vorbereitet ist. Hinter jeder Diagnose steht eine Geschichte. Hinter jeder Verletzung ein Mensch, dessen innere Stabilität ebenso erschüttert sein kann wie der Körper.

Je komplexer ein Einsatz, desto größer ist die Herausforderung, diese Ebenen gleichzeitig zu tragen. Nicht, weil uns das Menschliche egal wäre – sondern weil die medizinische Akutversorgung unsere volle Aufmerksamkeit fordert. In diesen Momenten tritt die seelische Dimension zwangsläufig in den Hintergrund. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern aus Notwendigkeit. Und dennoch ist sie da. Spürbar. Belastend. Wirksam.

Hier bewegen wir uns – so empfinde ich es bis heute – im Einsatz auf einem schmalen Grat:
maximale fachliche Präzision bei gleichzeitigem menschlichem Dasein.
Als junger Rettungssanitäter vor über vierzig Jahren war mir dieser Grat noch nicht bewusst. Auch später, in meiner Zeit als Sanitätssoldat, glaubte ich lange, dass professionelles Handeln vor allem bedeutet, zu funktionieren. Maßnahmen umzusetzen. Belastbar zu sein. Abstand zu halten.
Diese Haltung änderte sich - im Dienst während meiner Z2-Zeit in der Bundeswehr , in der AMF Heidelberg innerhalb eines Dienst von drei Monaten im Irak. Ich begleitete einen sterbenden US-amerikanischen Soldaten. Wir waren im selben Monat und im selben Jahr geboren. Ein Detail, das sich unauslöschlich eingebrannt hat. Er lag vor mir, schwer verletzt, sein Leben rann spürbar durch die Finger. Die Möglichkeiten waren begrenzt. In diesem Moment wurde mir meine eigene Ohnmacht schmerzhaft bewusst. Nicht als Sanitätssoldat. Sondern als Mensch. Das hier ist kein „Patient“, ich hätte er sein können. Er war zur Army gegangen, nicht aus Abenteuerlust, sondern mit der Hoffnung, sich später ein College-Studium leisten zu können. Ein junger Mensch mit Plänen, mit einem „Danach“. Und dieses „Danach“ lag in diesem Moment bereits außer Reichweite. Ein Sohn. Jemand, der geliebt wird und vermisst werden wird. Diese Erkenntnis ließ sich nicht mehr ausblenden – und sie wollte es auch nicht.
Seit diesem Einsatz sehe ich Notfallversorgung anders. Fachliche Präzision ist unverzichtbar – aber sie reicht allein nicht aus. Menschlichkeit ist kein Zusatz, kein Luxus für ruhige Lagen.
Sie ist Teil unserer Aufgabe - wie ich es sehe.   
Vielleicht ist es genau das, was dieser schmale Grat wirklich bedeutet: die Fähigkeit, professionell zu handeln und trotzdem nicht aufzuhören, Mensch zu sein.


Menschlichkeit braucht dabei oft keine zusätzlichen Minuten - oft nur 'da sein' oder auch mal wenige Sekunden. Wir kenne  alle unser „10-für-10“-Prinzip - unser strukturiertes Team-Timeout (CRM-Tool), bei dem das Team in kritischen oder chaotischen Situationen für 10 Sekunden innehält, um die Lage zu analysieren und die nächsten 10 Minuten zu planen. Und hier wären hilft oft schon die 1,2 oder 3 Sekunden.
Manchmal reicht ein ruhiger Ton. Ein erklärender Satz. Ein Blickkontakt. Ein ehrliches „Wir sind da“. Ein Funkspruch parallel oder einem Dritten etwas sagen.
Diese scheinbar kleinen Gesten können Halt geben, Angst reduzieren und Orientierung schaffen – gerade dann, wenn alles andere wegbricht. Sie prägen, wie ein Einsatz erinnert wird. Und sie wirken oft länger nach als jede Maßnahme.

An dieser Stelle beginnt eine Dimension der Notfallversorgung, die über reine Akutmedizin hinausgeht: mentale Hilfe oder nennen wir es 'da sein' - erkennen des Menschen - über die Verletzung / Erkrankung hinaus.

Nicht im Sinne von Therapie oder Diagnostik, sondern als grundlegende Haltung. Wahrnehmen. Ansprechen. Stabilisieren. Aushalten. Zuhören, ohne sofort lösen zu müssen. Zu erkennen, wann ein Mensch hilflos ist, wie ein Kind das an der Einsatzstelle keine Bezugsperson hat, oder auch Personen die psychisch an deren Grenze kommt – und wann weitere Unterstützung notwendig ist. (Hier der Hinweis an meine Leser*innen aus den Rettungsdiensten - einfach Eurer Leitstelle Bescheid geben, dass ihr PSNV-B Kräfte braucht, und bedenkt diese fahren ohne Sondersignal an und brauchen schon von daher länger).

Diese Haltung bildet oder könnte die Brücke bilden zur psychosozialen Notfallversorgung. Zur PSNV. Zu Kriseninterventionsteams und weiteren spezialisierten Strukturen. Sie übernehmen dort, wo unsere medizinische Aufgabe endet – und wo für Betroffene, Angehörige und auch für Einsatzkräfte die Verarbeitung oft erst beginnt.


Rettungsdienst und PSNV sind keine getrennten Welten.
Sie sind Teile desselben Versorgungsauftrags. Ein Netzwerk, das nur dann trägt, wenn jede Ebene ihren Platz kennt – und den der anderen respektiert. Hochstrukturierte Medizin, mentale Stabilisierung und psychosoziale Begleitung greifen ineinander.

Eine wirklich gute Notfallversorgung entsteht genau hier. Wenn wir Struktur nicht gegen Menschlichkeit ausspielen. Wenn wir Algorithmen als Werkzeug nutzen – und nicht als Schutzschild gegen Nähe. Wenn wir anerkennen, dass professionelle Distanz und echtes Mitgefühl sich nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Am Ende, bzw von A bis Z, Van Anfahr bis Zufahrt wieder an der Wache - geht es darum, Menschen lebend in eine Klinik zu bringen. ... Aber ...Es geht auch darum, diese Menschen in einem der verletzlichsten Momente ihres Lebens nicht allein zu lassen.

Und darum, dass auch wir als Einsatzkräfte gesehen, entlastet und begleitet werden - Zwischen Struktur, Sekunden und Seele.


Meine Gedanken zum Tag ...
... gerne Feedbacks wie immer über die Kommentare - die ich wie immer nicht veröffentlichen werde, ausser es gibt ausserordentliche Gründe und Wünsche dazu, aber lesen werde ich diese immer und nach Möglichkeit und Dringlichkeit wie immer auch beantworten.

Allen damit einen Gruß an alle in der 'Blaulichtfamilie' - egal welche Farben und Batches Ihr tragt. Danke für Euren Dienst für Menschen.







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