Freitod und das „Dammbruch-Argument“: Was die Daten wirklich zeigen

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor 6 Jahren kam viel Kritik, davor, in den Tagen der Verhandlung, des Urteils und danach - auch wurde gerade von den Vertretern eines sehr restriktiven Gesetzentwurf gebetmühlenartig von einem 'Dammbruch' gesprochen, einer 'Schieflage' zu der es kommen würde – was sagen die Zahlen wirklich, Zahlen die zu erwarten waren?

Wenn wir über Freitod sprechen, sprechen wir nie nur über Paragrafen oder Statistiken -oder sollten es nicht. Wir sprechen über Leid. Über Menschen und deren individuellen Gedanken. Über Angst vor Kontrollverlust. Über Würde. Über Grenzsituationen.

In meinem Mental-Health-Blog geht es oft um diese Grenzbereiche des Lebens, Krisen und darum, wie verletzlich Menschen sein können. Die Gegner der Freitodbegleitung sprechen nach wie vor von einem 'Dammbruch' oder 'Schieflage' im Zusammenhang mit dem Freitod – es würde alles ins Rutschen kommen und die Zahl der Suizide würde unkontrolliert steigen. Teil der These des 'Dammbruch' ist es, dass besonders Schutzbedürftige unter Druck geraten werden. Diese Vorstellung nennt man die „Theorie der schiefen Ebene“.

Aber ist da etwas dran? Ein Blick auf die Daten aus Belgien – und inzwischen auch aus Deutschland – zeigt ein differenzierteres Bild.


Belgien: > 20 Jahre Erfahrung

Belgien legalisierte 2002 die ärztliche Lebensbeendigung auf ausdrücklichen Wunsch. Eine 2025 in JAMA Network Open veröffentlichte Analyse des Forschers Luc Deliens untersuchte sämtliche registrierten Fälle zwischen 2002 und 2023.

  • Die Ergebnisse nach mehr als zwei Jahrzehnten:
  • Die absolute Zahl der Fälle ist gestiegen
  • Ein wesentlicher Teil dieses Anstiegs lässt sich jedoch durch die Alterung der Bevölkerung erklären.
  • Es gibt keine Hinweise auf eine unkontrollierte Ausweitung auf vulnerable Gruppen.
  • Menschen mit höherem Bildungsgrad stellen häufiger Anträge als sozial benachteiligte Personen.
  • Sehr alte Menschen oder Personen mit Depression erhalten statistisch seltener eine Bewilligung.

Eine internationale Vergleichsstudie in JAMA Internal Medicine mit fast 185.000 begleiteten Todesfällen aus 20 Rechtsordnungen kam zu einem ähnlichen Schluss: Unterschiede ergeben sich stärker aus der Art der Erkrankung (z. B. hohen Zahlen bei Erkrankungen wie ALS) als aus politischen Rahmenbedingungen.

Mit anderen Worten: Die Daten liefern bislang keine empirische Bestätigung für die befürchtete „Dammbruch“-Entwicklung - Somit findet die „Theorie der schiefen Ebene“ keine Belege.


Deutschland seit 2020: Was ist hier passiert?

Am 26. Februar 2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht § 217 StGB für nichtig. Damit wurde das Recht auf selbstbestimmtes Sterben grundsätzlich anerkannt.

Seitdem steht die Frage im Raum: Hat dieses Urteil zu einem Anstieg der Suizidzahlen geführt?

Nach Angaben des Statistisches Bundesamt (Destatis) nahmen sich 2024 in Deutschland 10.372 Menschen das Leben. Das sind 0,7 % mehr als im Vorjahr und 7,1 % mehr als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. In dieser Zahl sind jedoch auch die begleitete Freitode enthalten.

Die geschätzte Zahl der Freitodbegleitungen 2024 lagen bei ca. 1.200 Menschen die eine Freitodbegleitung in Anspruch nahmen – rund 11,5 % der registrierten Suizide.

Das bedeutet: Ein Teil des Anstiegs erklärt sich durch regulierte, ärztlich begleitete Verfahren. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass sogenannte „Brutalsuizide“ nicht im gleichen Maße gestiegen sind.


Ein Blick in die Praxis

Konkrete Einblicke liefert DIGNITAS-Freitodbegleitung-Deutschland e.V..

Seit dem Urteil 2020 bis Ende 2025 erhielten 1.405 Mitglieder ein „provisorisches grünes Licht“ von kooperierenden Ärztinnen und Ärzten.

Davon:

  • 70 % nahmen später eine Freitodbegleitung in Anspruch.
  • 14 % verstarben an ihrer Erkrankung ohne Begleitung.
  • 14 % leben weiterhin – mit der Zusage als eine Art „Notausgang“.

Bemerkenswert ist: Fast ein Drittel der Menschen wartete mehr als drei Monate zwischen ärztlicher Zusage und tatsächlicher Inanspruchnahme. Einige entschieden sich letztlich dagegen.

Das klingt nicht nach Kontrollverlust.
Es klingt nach Abwägung.



Health und die Angst vor Druck

Die „Theorie der schiefen Ebene“, die Angstszenarien der Gegner des selbstbestimmten Sterben, die mit einem nicht belegbaren „Dammbruch“ argumentieren - stehen nun den Fakten gegenüber - die klar aussagen, dass eine Liberalisierung könnte suizidale Impulse verstärken oder psychisch erkrankte Menschen unter Druck setzen nicht belegen. Die bisherigen Daten zeigen:

  • keine explosionsartige Zunahme
  • keine systematische Verschiebung hin zu sozial Schwächeren
  • keine empirische Bestätigung einer „schiefen Ebene“

Das heißt nicht, dass es keine Risiken gibt. Und es heißt ganz sicher nicht, dass Prävention unwichtig wäre - mir jedenfalls war immer und ist die Suizidprävention die Basis allen Tuns in dem Kontext mit einem Sterbewunsch. 

Was ich mir von Gegnern erhoffe ist das Anerkennen: Das die Realität komplexer ist als die Angst.


Ein persönlicher Schluss

Für mich ist dieses Thema zutiefst individuell   -  aber auch ambivalent.

Als jemand, der sich intensiv mit mentaler Gesundheit beschäftigt, ist es wichtig suizidale Krisen von dauerhaften, freiverantwortliche, wohlerwogenen und abgewogene Freitodentscheidungen zu unterscheiden und zu trennen.  Die Zahlen erzählen bislang eine andere Geschichte. Sie zeichnen kein Bild eines Dammbruchs, sondern eines verantwortungsvoll gerahmten, seltenen und oft lange abgewogenen Entscheidungsprozesses.



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