PSNV beginnt im Alltag - RETTUNGSDIENST
Buchrezensionen gehören für mich inzwischen zur vertrauten Routine. Fachzeitschriften sind hingegen Neuland – zumindest für mich. Doch diesmal geht es nicht um die Zeitschrift selbst, sondern um ihren Schwerpunkt: die Psychosoziale Notfallversorgung im 'RETTUNGSDIENST' – Zeitschrift für präklinische Notfallmedizin.
Wie im Einsatzdienst gibt es hier ein erstes Mal – und wenn ein Thema es verdient, näher betrachtet zu werden, dann ist es die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV). Sie betrifft uns alle, im Alltag wie in außergewöhnlichen Lagen.
Wenn von PSNV gesprochen wird, denken viele zunächst an Großschadenslagen, Terroranschläge oder Naturkatastrophen. Ereignisse also, die außergewöhnlich erscheinen. Doch die Belastung entsteht im Einsatzdienst oft nicht im Ausnahmezustand – sondern im Alltag:
- Ein Rettungswagen fährt zur Reanimation eines Kindes.
- Die Feuerwehr wird zu einem Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang alarmiert.
- Die Polizei überbringt eine Todesnachricht.
- Das Technische Hilfswerk arbeitet stundenlang in zerstörter Infrastruktur.
- DLRG-Kräfte suchen nach vermissten Personen im Wasser.
Keines dieser Szenarien ist spektakulär im Sinne nationaler Schlagzeilen. Und doch sind sie emotional hoch belastend. Einsatzkräfte werden mit Leid, Verlust, Überforderung und manchmal Ohnmacht konfrontiert. Was nach außen professionell abgearbeitet wirkt, hinterlässt im Inneren Eindrücke, seelische Wunden und Schnitte.
Gerade weil diese Situationen zum „Tagesgeschäft“ gehören, werden sie häufig unterschätzt. Belastung entsteht nicht nur durch das Extreme, sondern durch Wiederholung: durch die Summe vieler Einsätze, Schichtdienst, Zeitdruck, Personalengpässe, dokumentarische Anforderungen, gesellschaftliche Erwartungen und nicht selten verbale oder körperliche Aggression.
PSNV setzt genau hier an. Sie problematisiert normale Stressreaktionen nicht, sondern hilft, sie einzuordnen. Schlafstörungen, innere Unruhe oder gedankliches Nachhängen nach belastenden Einsätzen sind zunächst normale Reaktionen. Entscheidend ist, dass Raum besteht, darüber zu sprechen – ohne Stigmatisierung oder implizite Schwächezuweisung.
PSNV im Alltag bedeutet vor allem:
- Strukturierte Einsatznachbesprechungen
- Kollegiale Gespräche auf Augenhöhe
- Führungskräfte, die Belastung wahrnehmen und ansprechen
- Klare, niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungssystemen
Es geht um Kultur – weg vom reinen „Aushalten“, hin zu reflektierter Professionalität.
Organisationen wie DRK, ASB, MHD, JUH, Feuerwehr, THW, DLRG oder Polizei funktionieren stark über Teamdynamik. Bleiben Belastungen unausgesprochen, wirken sie im System weiter: in Form von Gereiztheit, Rückzug, Zynismus oder innerer Distanzierung.
Werden sie angesprochen, normalisiert und gemeinsam eingeordnet, stärkt das Vertrauen und den Zusammenhalt. Psychische Stabilität ist kein individueller Luxus, sondern eine operative Ressource.
- Wir müssen sie frühzeitig thematisieren – im Dienstzimmer, im Fahrzeug, in der Führungsebene.
- Es braucht den Mut, nach belastenden Einsätzen nicht nur technische Abläufe zu reflektieren, sondern auch die menschliche Seite.
- Es braucht Führungskräfte, die Gespräche aktiv anbieten, und Kolleginnen und Kollegen, die einander aufmerksam wahrnehmen.
Machen wir es selbstverständlich, über Belastung zu sprechen. Schaffen wir Räume für 'Mensch sein'. Verankern wir PSNV nicht als Option, sondern als festen Bestandteil professionellen Handelns.
Mit zunehmender Komplexität von Einsatzlagen wächst die Bedeutung von PSNV.
In langanhaltenden Flächenlagen, bei Großbränden, Hochwasser oder Amoklagen kommen zusätzliche Stressoren hinzu: unklare Informationslagen, hohe mediale Aufmerksamkeit, moralische Dilemmata, physische Erschöpfung, Verantwortung über lange Zeiträume. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie tragfähig die psychosoziale Struktur im Hintergrund ist.
Wer im Alltag gelernt hat, Belastung zu reflektieren, wer Nachbesprechungen als selbstverständlichen Bestandteil professioneller Arbeit kennt und wer Führung als fürsorglich und klar erlebt, geht auch stabiler in außergewöhnliche Lagen. PSNV entfaltet ihre größte Wirkung nicht erst im Großschadensfall, sondern durch kontinuierliche Verankerung im täglichen Dienstbetrieb.
PSNV darf nicht als isoliertes „Zusatzangebot“ verstanden werden. Sie ist Teil moderner Strukturen – etwas, das ich vor 40 Jahren bei meinen ersten Schritten in der Bundeswehr noch nicht kannte, erst recht nicht im ehrenamtlichen oder hauptamtlichen Rettungsdienst. Durch den engen Kontakt zur US-Army (angeschlossen an die AMF – Allied Command Europe Mobile Force) konnte ich erste Ausbildungen im Bereich mentaler Gesundheit kennenlernen.
So selbstverständlich wie persönliche Schutzausrüstung und taktische Ausbildung damals in der US-Army waren, sollten heute auch psychosoziale Strukturen zur Einsatzvorbereitung dazugehören. Wer Menschen in existenziellen Krisen begleitet, muss auch die eigenen Kräfte im Blick behalten. Darum gibt es PSNV-B (für Betroffene) und PSNV-E (für Einsatzkräfte), bis hin zu KIT – Krisenintervention-Teams.
Große Einsatzszenarien bleiben besondere Herausforderungen. Doch ihre Bewältigung beginnt im Kleinen: im täglichen Miteinander, in der Art, wie über Einsätze gesprochen wird, im Umgang mit Fehlern und in der Haltung gegenüber Belastung.
Psychosoziale Notfallversorgung beginnt nicht mit der Katastrophe.
PSNV beginnt mit dem nächsten Einsatz.

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