Unsichtbare Krise: Belastungen bei Vätern und was Familien hilft nach der Geburt

Der November gilt für viele als ein Monat der Schwere – dunkler, stiller und oft emotional fordernder als andere Zeiten im Jahr. Kein Wunder, dass gerade jetzt vermehrt über Depressionen gesprochen wird, über das, was sich leise in den Alltag schiebt und doch so viele betrifft. Die grauen Tage erinnern uns daran, wie wichtig es ist, diesen Blick zu erweitern und auch die psychische Gesundheit von Jeder und Jedem sichtbar zu machen – besonders dann, wenn sie in einer Lebensphase stehen, die ohnehin alles auf den Kopf stellt.

Im Mai diesen Jahres habe ich in der Woche der mentalen Gesundheit in meinem Blog über Depressionen bei Müttern geschrieben. Etwa jede fünfte Frau leidet während der Schwangerschaft oder nach der Geburt an einer psychischen Erkrankung, beispielsweise Depressionen oder Angststörungen.
Doch ebenso wird kaum darüber gesprochen, dass auch Väter nach der Geburt eines Kindes psychisch aus dem Gleichgewicht geraten können.

Dabei zeigen Studien, dass etwa jeder zehnte Vater depressive Symptome entwickelt. Viele von ihnen fühlen sich überfordert, erschöpft oder fremd in ihrer neuen Rolle – und dennoch schweigen die meisten.


Studien:

Mindfulness, Self-compassion, and Psychological Wellbeing as Correlates of Paternal Bonding in Pregnancy - Inhalt: Untersucht, wie Achtsamkeit, Selbst-Mitgefühl, repetitives negatives Denken, Stress, Depression und Angst bei werdenden Vätern mit der Bindung an das ungeborene Kind zusammenhängen. - Link zur Studie

Paternal Perinatal Depression, Anxiety, and Stress and Child Development - Inhalt: Systematischer Review & Meta-Analyse (48 Kohorten) über väterliche perinatale psychische Belastung (Depression, Angst, Stress) und deren Zusammenhang mit der kindlichen Entwicklung bis ins Jugendalter. Link zur Studie

Anxiety in Fathers and Father-Infant Attachment - Inhalt: Untersucht den Zusammenhang von väterlicher Angst in der Schwangerschaft mit der pränatalen Vater-Kind-Bindung. Faktoren wie Bildungsstand, finanzielle Situation oder Harmonie mit der Partnerin spielen eine Rolle. Link zur Studie


Depression sieht bei jedem anders aus

Eine Depression nach der Geburt sieht bei Vätern oft anders aus als bei Müttern. Statt Traurigkeit zeigen sich häufiger Gereiztheit, innere Anspannung oder das Gefühl, ständig kurz vorm Explodieren zu stehen.

  • Viele Männer berichten, dass sie sich kaum noch freuen können – nicht über das Baby, nicht über Dinge, die früher Halt gegeben haben.
  • Dazu kommen Erschöpfung, Schlafstörungen und die quälende Unsicherheit, ob man der Vater ist, der man gern sein möchte.
  • Manche flüchten sich in Arbeit oder Ablenkung, um den Druck nicht spüren zu müssen.
  • Andere ziehen sich emotional zurück, weil sie das Gefühl haben, ohnehin zu versagen.

Für Paare ist diese Phase besonders herausfordernd.
Die Geburt verändert alles: Schlaf, Routinen, Nähe, Selbstbild.
Während die Partnerin vielleicht mit körperlicher oder seelischer Erschöpfung kämpft, versucht der Vater, stark zu bleiben und keine zusätzliche Last zu sein. Dadurch entstehen leicht Missverständnisse. Oft wirkt der Vater distanziert oder gereizt, obwohl er in Wahrheit überfordert ist.
Gleichzeitig fühlt sich die Partnerin allein gelassen, weil sie seine innere Not nicht erkennt oder nicht benennen kann.

Der wichtigste Schritt ist deshalb Offenheit. Ruhige Gespräche – auch wenn die Stimmung angespannt ist – schaffen Klarheit und Verbindung.
Es geht nicht darum, sofort Lösungen zu finden, sondern um den Mut, auszusprechen, wie es wirklich geht. Ebenso wichtig ist es, Verantwortung fair zu verteilen. Wer sich gegenseitig kleine Pausen ermöglicht und realistisch einschätzt, was gerade leistbar ist, nimmt Druck von beiden Seiten.
Und manchmal braucht es mehr als Selbstfürsorge: professionelle Unterstützung, bevor sich die Krise verhärtet. Viele Paare berichten, dass ein einziges entlastendes Gespräch – mit einer Beratung, einem Arzt, einer Therapeutin – schon viel verändert.

In Deutschland gibt es inzwischen mehrere Anlaufstellen, die Vätern in dieser Situation helfen. Hausärzte und psychotherapeutische Praxen sind oft der erste Zugang. Familien- und Erziehungsberatungsstellen bieten kostenlose und vertrauliche Gespräche für beide Eltern an. Organisationen wie die Väter gGmbH, Online-Beratungsangebote der bke, sowie lokale Vätergruppen in Familienzentren schaffen Raum, um Erfahrungen zu teilen. Auch niedrigschwellige Angebote wie die Nummer gegen Kummer oder digitale Selbsthilfegruppen können ein erster Schritt sein, wenn es schwerfällt, offen zu sprechen.


Entscheidend ist zu wissen:
Eine Depression nach der Geburt ist kein persönliches Versagen.

Sie ist eine häufige seelische Krise – und je früher Väter darüber sprechen, desto schneller kann sich die Situation entspannen.
Die ersten Monate mit einem Baby sind intensiv und überwältigend.
Wenn wir akzeptieren, dass beide Eltern Unterstützung brauchen dürfen, entsteht ein Umfeld, in dem Familien stabiler, verbundener und ehrlicher miteinander leben können.




Was hilft Betroffenen?

1. Gespräch mit der Partnerin oder Vertrauensperson

Offenheit ist der erste Schritt – vielen Männern fällt genau das am schwersten.

2. Professionelle Unterstützung

  • Hausärzte / Hausärztinnen

  • Psychoterapia (z. B. Verhaltenstherapie)

  • Beratungsstellen für junge Familien

3. Vätergruppen

Austausch mit anderen Vätern entlastet enorm – sowohl lokal als auch online.

4. Struktur und Selbstfürsorge

Schon kleine Maßnahmen wie feste Schlafphasen, kurze Auszeiten, Tagesstruktur oder Bewegung können helfen.


Darum es wichtig zu sprechen

Depressionen beeinflussen nicht nur die Personen selbst, sondern:

  • die Partnerschaft,

  • das familiäre Klima,

  • und die Bindung und Entwicklung des Kindes.

Wenn Belastungen früh erkannt und behandelt werden, wirkt sich das positiv auf die gesamte Familie aus.




Comments

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