Gedanken zum Start ins Jahr 2026 - Haltung in unruhigen Zeiten: Warum Zuversicht zur Pflicht wird

2025 war ein Jahr, das mich gelehrt hat, wie nah sich Erschöpfung, Verantwortung und Hoffnung begegnen können. Zwischen dem Druck im Beruf, den Einsätzen für Menschen und dem Schreiben auf meinem Blog sei es beruflich über die Veränderungen im Digitalen Raum und dem Design und meinem Mental Health Blog und wie wir alle den Umbrüchen, Zusammenbrechen im Weltgeschehen und Weltpolitik habe ich gespürt, wie zerbrechlich Stabilität sein kann – und wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen, wenn die Welt lauter, roher und unberechenbarer wird.
Dieses Jahr hat mir vor Augen geführt: Menschlichkeit ist kein Luxus, sondern ein täglicher Akt – leise, entschieden und manchmal unbequem.

Ein Jahr der Nähe und Verantwortung

2025 war für mich ein Jahr, in dem sich vieles verdichtet hat. Viel Arbeit, viel Verantwortung – im Beruf, im Sanitäts- und Rettungsdienst bei ASB und DRK, und im Schreiben über mentale Gesundheit, Verlust und Würde. Es war kein Jahr der Distanz, sondern eines der Nähe: zu Menschen in Ausnahmesituationen, zu eigener Erschöpfung, aber auch zu der Frage, was Haltung eigentlich bedeutet, wenn die Welt lauter, roher und unberechenbarer wird.

Während ich mich im Alltag um Stabilität bemüht habe, schien sie geopolitisch immer brüchiger zu werden.
Ein Donald Trump, der politische Kommunikation zur permanenten Grenzüberschreitung macht.
Ein Wladimir Putin, der Macht als Recht versteht und Gewalt als legitimes Mittel.
Zwei Männer, unterschiedlich – und doch verbunden durch eine Geringschätzung von Regeln, Institutionen und menschlicher Würde – sei es bei Putins Überfällen auf die Ukraine oder Trumps Vorgehen gegen Venezuela.
Was sie eint, ist nicht nur ihre Unberechenbarkeit, sondern der Versuch, Verrohung zur Normalität zu erklären.


Wenn Normalität zur Grausamkeit wird
Es ist nicht normal, wenn ein Präsident Länder verächtlich macht, Menschen verspottet, Medien delegitimiert oder diplomatische Grundregeln missachtet – und dies nicht als Ausnahme, sondern als Methode. Sprache wird dann zur Waffe, Respekt zur Schwäche erklärt, Wahrheit zur verhandelbaren Größe. Es ist ebenso wenig normal, wenn ein Präsident mit militärischer Gewalt Fakten schafft, Grenzen verschiebt und Leben zerstört, während die Welt zögert, beschwichtigt oder sich gezwungen sieht, sich daran „zu gewöhnen“.
Genau hier liegt die eigentliche Gefahr: nicht nur in der Tat selbst, sondern in unserer Reaktion darauf. In dem Moment, in dem Empörung zur Müdigkeit wird, in dem das Ungeheuerliche alltäglich erscheint und wir beginnen, Maßstäbe zu senken, um handlungsfähig zu bleiben.
Gewöhnung stumpft ab. Sie verschiebt das moralische Koordinatensystem – leise, schleichend, fast unmerklich. Und plötzlich verteidigen wir nicht mehr Werte, sondern nur noch Ruhe. Nicht mehr Würde, sondern Stabilität um jeden Preis.


Haltung und Zuversicht
Vielleicht war es kein Zufall, dass mich gerade in diesem Jahr Patti Smith so begleitet hat. Ihre Haltung – verletzlich, unbequem, aufrecht – erinnert mich daran, dass Menschlichkeit nichts Abstraktes ist.
Dass man sich der Welt nicht entziehen muss, um sich selbst treu zu bleiben. Und dass Kreativität, Sprache und Aufrichtigkeit Formen von Widerstand sein können – leise, aber wirksam.

In meinem Text über Zuversicht habe ich geschrieben, dass Zuversichtlichkeit kein Gefühl ist, das einfach kommt. 2025 hat mir das bestätigt.
Zuversicht ist eine bewusste Entscheidung gegen Zynismus. Gegen das innere Abschalten. Gegen den Satz: „Man kann ja doch nichts ändern.“ Gerade angesichts politischer Akteure, die auf Erschöpfung, Angst und Gleichgültigkeit setzen, wird Zuversicht zu einer Haltung – fast zu einer Pflicht.


Haltung zeigen im Alltag
Im Sanitätsdienst, im Rettungsdienst als First Responder, und in dem, was ich oder auch Du ehrenamtlich und engagiert tust, wird diese Haltung konkret. Dort zählt nicht Ideologie, sondern Präsenz. Nicht Macht, sondern Verlässlichkeit. Vielleicht ist genau das der Gegenentwurf zu einer Welt, in der politische Führungsfiguren Stärke mit Rücksichtslosigkeit verwechseln: füreinander da sein, ohne große Worte. Verantwortung übernehmen, ohne Applaus zu erwarten.


Looking forward …
Wenn ich auf 2026 und die folgenden Jahre blicke, dann tue ich das nicht naiv. Auch wenn mich hier und da Menschen als naiv bezeichnen, meist mit der nachfolgenden Aussage, dass sie das tun, weil ich mich so oft für Dinge im Leben, im Job, im Design engagiere, die kaum erreichbar erscheinen. Ich schaue nun mal, wo es mir gelingt, zuversichtlich zu bleiben – und auch wenn ich als Freund der Mathematik bin, muss ich akzeptieren, dass man nicht alles berechnen kann.

Die Welt wird nicht berechenbarer werden. Autoritäre Versuchungen werden bleiben. Demokratische Strukturen werden weiter unter Druck stehen. Aber ich bin überzeugt: Trump, Putin und andere Vertreter dieser Weltsicht haben erst dann wirklich gewonnen, wenn wir ihre Verrohung als neue Normalität akzeptieren. Das will ich nicht.

Ich glaube weiterhin daran, dass Freiheit Würde meint. Dass Demokratie von Menschen lebt, die nicht perfekt sind, aber wachsam. Dass Zuversicht nicht heißt, die Augen zu schließen, sondern offen zu bleiben – für das Schwere ebenso wie für das Mögliche.

Wir werden einander brauchen. Aufmerksamkeit. Unterstützung. Und den Mut, Haltung zu zeigen, auch wenn sie nicht laut ist. Vielleicht gerade dann.


Schlussgedanken …
Vielleicht irren die, die mich naiv nennen, nicht völlig. Vielleicht irre auch ich mich. Aber ich weiß, was passiert, wenn man aufhört, an das Unwahrscheinliche zu glauben: Man beginnt, sich einzurichten. Skepsis darf bleiben. Zynismus nicht. Zwischen beidem verläuft für mich die Grenze – und an ihr möchte ich stehen bleiben.

Ich habe keine Gewissheit, dass es reicht. Dass Haltung, Aufmerksamkeit und leise Zuversicht stark genug sind. Aber ich weiß, dass sie nur gemeinsam tragen. Wenn wir einander ernst nehmen, wenn wir nicht abstumpfen, wenn wir Würde nicht delegieren. Vielleicht ist das kein großer Ausblick. Aber es ist ein Anfang – und mehr will ich mir nicht anmaßen.




Das Bild zu diesem Artikel zeichnete ich Anfang 2025 und nutze es schon für einen anderen Artikel, der sich um die massiven Veränderungen in den USA drehte.
Mehr von meinen Zeichnungen und Gemälden auf Instagram.


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