Moral Ambition – Über Verantwortung, Erschöpfung und die leise Frage nach Sinn

Ich habe Moral Ambition von Rutger Bregman nicht gelesen, weil ich motivierter oder produktiver werden wollte. Ich habe es gelesen, weil mich sein vorheriges Buch Im Grunde gut sehr berührt hat.
Auch dieses Buch hat mich nicht losgelassen. Nach der Lektüre blieb vor allem eine Frage:

Wie viel Verantwortung kann ein einzelner Mensch tragen, ohne innerlich müde zu werden?
Und meine Antwort darauf ist überraschend klar geworden: wahrscheinlich mehr, als wir oft glauben – gerade weil Verantwortung nicht nur belastet, sondern auch trägt. Oder zumindest, weil es wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln.

Mentale Gesundheit fühlt sich heute oft an wie ein persönliches Projekt: achtsam sein, Grenzen setzen, resilient bleiben. Und trotzdem bleibt bei vielen von uns ein diffuses Gefühl von Leere oder Überforderung zurück. Nicht, weil wir zu wenig an uns arbeiten – sondern weil wir in einer Gesellschaft leben, die Sinn verspricht, ihn aber selten wirklich erfahrbar macht.
Dieses Buch hat mich genau an diesem Punkt abgeholt.

Bregman spricht über Verantwortung, aber nicht im Ton eines moralisch erhobenen Zeigefingers. Er beschreibt sie als etwas, das Orientierung geben kann. Als etwas, das uns nicht zusätzlich beschwert, sondern uns aus einer inneren Passivität herausholt. Beim Lesen habe ich gemerkt, wie sehr mir genau diese Orientierung in manchen Lebensphasen gefehlt hat.

Es gibt Momente, in denen man scheinbar alles „richtig“ macht – arbeitet, reflektiert, sich kümmert – und sich trotzdem innerlich leer fühlt. Moral Ambition benennt dieses Gefühl, ohne es zu pathologisieren. Es macht deutlich, dass Erschöpfung nicht nur individuell entsteht, sondern auch gesellschaftlich. Dass mentale Gesundheit nicht losgelöst betrachtet werden kann von der Frage, wofür wir unsere Zeit, unsere Energie und unsere Aufmerksamkeit einsetzen.

Besonders berührt hat mich die Idee, dass Sinn nicht aus Selbstoptimierung entsteht, sondern aus Verbundenheit. Aus dem Wissen, dass das eigene Handeln Bedeutung hat – für andere Menschen, für Strukturen, für eine Welt, die größer ist als das eigene Innenleben. Für mich war das kein Appell, „mehr zu leisten“, sondern bewusster zu handeln.

Gleichzeitig ist das Buch unbequem. Verantwortung zu übernehmen heißt, Entscheidungen zu treffen. Nicht alles offen zu halten. Nicht alles auszuprobieren. Das kann Angst machen – besonders dann, wenn man ohnehin mit innerer Unsicherheit kämpft. Und doch liegt genau hier für mich ein mental gesunder Gedanke:
Nicht alles müssen. Aber etwas wirklich wollen.

Beim Lesen habe ich immer wieder innegehalten und mich gefragt:

  • Was gibt meinem Leben Richtung – nicht im Sinne von Erfolg, sondern von Stimmigkeit?
  • Wo handle ich aus Überzeugung, und wo nur aus Gewohnheit oder Erwartung?

Diese Fragen sind leise. Aber sie wirken lange nach.

Gegen Ende wurde mir klar, dass ich Moral Ambition auf mehreren Ebenen lese: als Mensch, der sich um mentale Gesundheit bemüht – und auch aus meiner Perspektive als UX Designer. Denn Verantwortung, Orientierung und Sinn sind nicht nur persönliche Themen. Sie tauchen ebenso in den digitalen Räumen auf, die wir gestalten: in Interfaces, in Entscheidungen, in Systemen, die Verhalten lenken und emotionale Zustände mitprägen. Darum habe ich auf meinem Design und UX Blog auch das Buch als Anlass genommen meine Gedanken in diese Richtung zu teilen.

Vielleicht ist das die Verbindung, die für mich bleibt: Mentale Gesundheit ist nicht nur etwas Inneres. Sie entsteht auch dort, wo wir gestalten, strukturieren und Bedeutung ermöglichen. Und Verantwortung bedeutet nicht, sich zu überfordern – sondern bewusst zu wählen, wo und wie wir Wirkung entfalten wollen.

Moral Ambition hat mich ins Nachdenken gebracht und alte Zweifel sortiert. Es hat mir gezeigt, dass Verantwortung nicht nur belastet, sondern Orientierung geben kann – und dass genau dieses Bewusstsein ein wichtiger Schritt zu mentaler Gesundheit ist.
Gleichzeitig merke ich als UX Designer, dass dieselben Fragen nach Orientierung, Verantwortung und Sinn auch in den digitalen Räumen auftauchen, die ich gestalte.

Ein sehr lesenswertes Buch!


Amazon:
Moralische Ambition
Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt Gebundene Ausgabe

von Rutger Bregman (Autor)







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