PSNV-H – Die fehlende Verbindung im System der PSNV – Psychosozialen Notfallversorgung
Warum Struktur und Nachsorge für Spontanhelfende entscheidend sind
Ohne gute Vernetzung – organisationsintern, aber vor allem organisationsübergreifend – fehlt bei größeren Einsatzlagen und Katastrophen oft genau das, was wir eigentlich am dringendsten brauchen:
Struktur, Vorbereitung und Nachsorge.
Für Betroffene (PSNV-B) und Einsatzkräfte (PSNV-E) gibt es etablierte Konzepte. Doch eine Gruppe fällt immer wieder durch das Raster: Spontanhelfende. Menschen, die einfach da sind, helfen wollen – und dabei nicht selten psychisch an ihre Grenzen kommen. Dabei ließe sich ein Großteil dieser Belastung mit vergleichsweise einfachen organisatorischen und psychosozialen Maßnahmen abfedern.
Ich arbeite selbst seit langem im Bereich der Mentalen Gesundheit und auch psychosozialen Notfallversorgung, ich bin als Peer und PSNV-E-Kraft unterwegs und über verschiedene Organisationen hinweg vernetzt. Viele meiner Leser*innen wissen das.
Und vielleicht ging es euch ähnlich wie mir, als ich über einen Artikel im BBK-Magazin gestolpert bin: PSNV-B, PSNV-E, vielleicht noch PSNV-U – alles bekannt ... aber PSNV-H? ... Neu, und gleichzeitig sofort logisch.
Was der Artikel sehr klar zeigt: Spontanhelfende sind kein Randphänomen. Im Gegenteil. Bei großen Schadenslagen – ob Hochwasser, Starkregen oder andere Katastrophen – sind sie ein fester Bestandteil der Hilfeleistung. Menschen ohne Einbindung in bestehende Strukturen, ohne Ausbildung, ohne Vorbereitung. Und genau darin liegt das Problem. Denn sie erleben oft das Gleiche wie Einsatzkräfte: Tod, Zerstörung, Verzweiflung. Nur ohne das „Gerüst“, das wir in unseren Organisationen haben.
Die Zahlen sind deutlich.
Knapp die Hälfte der befragten Spontanhelfenden berichtet von hoher psychischer Belastung. In Interviews werden Schlafstörungen, Burnout und sogar stationäre Aufenthalte beschrieben. Was dabei auffällt: Es sind nicht nur die Ereignisse selbst, die belasten. Es ist auch das Drumherum. Unklare Zuständigkeiten, fehlende Kommunikation, mangelnde Einbindung. Anders gesagt: fehlende Struktur verstärkt Belastung.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch die andere Seite. Dort, wo es funktionierende Koordination gab – wie etwa beim sogenannten Helfer-Shuttle – konnten Belastungen spürbar abgefedert werden. Durch einfache Dinge: kurze Einweisungen am Morgen, gemeinsames Essen am Abend, Raum für Austausch. Das klingt unspektakulär. Ist aber hochwirksam. Denn genau hier greifen die bekannten Wirkprinzipien von Resilienz: Sicherheit, Orientierung, soziale Einbindung, Selbstwirksamkeit.
Und damit sind wir bei einem entscheidenden Punkt:
Psychosoziale Unterstützung beginnt nicht erst, wenn jemand zusammenbricht. Sie beginnt bei Struktur.
Das stellt die klassische Logik der PSNV ein Stück weit auf den Kopf. Während PSNV-B und PSNV-E stark zwischen „Betroffenen“ und „Einsatzkräften“ unterscheiden, bewegen sich Spontanhelfende irgendwo dazwischen – und passen damit in kein sauberes Schema. Sie sind nicht vorbereitet wie Einsatzkräfte, erleben aber ähnliche Belastungen. Und wenn Unterstützungsbedarfe sichtbar werden, sind sie oft längst wieder weg, zurück in ihrem Alltag, ohne Anbindung an irgendein System.
Genau hier setzt PSNV-H an: psychosoziale Notfallversorgung für Spontanhelfende. Kein komplett neues System, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Mit angepassten Ansätzen, niedrigschwellig, erreichbar, flexibel. Und vor allem: mitgedacht von Anfang an.
Was bedeutet das konkret?
Vor einem Einsatz geht es darum, Menschen überhaupt zu sensibilisieren. Realistische Erwartungen schaffen, über mögliche Belastungen sprechen, einfache Strategien zur Selbstfürsorge vermitteln. Während des Einsatzes braucht es klare Strukturen, feste Ansprechpersonen, Pausenräume, Orientierung. Und nach dem Einsatz – das ist der kritischste Punkt – einen sauberen Abschluss. Ein bewusstes „Rausgehen“ aus der Lage, Austausch, Information darüber, was normale Reaktionen sind und wo man sich melden kann, wenn es später schwierig wird.
Denn genau da entsteht aktuell oft ein Vakuum. Die Nachfrage nach Unterstützung steigt, aber die Angebote sind nicht mehr erreichbar. Kontakte fehlen, Zuständigkeiten sind unklar. Und so bleiben Menschen mit ihren Erlebnissen allein.
Das ist kein individuelles Versagen. Es ist ein strukturelles. Und damit auch lösbar.
Die Kernaussage aus dem BBK-Artikel ...
... lässt sich ziemlich klar auf den Punkt bringen – Psychische Belastung bei Spontanhelfenden ist erwartbar – und sie ist beeinflussbar. Organisation wirkt. Struktur schützt. Gemeinschaft stabilisiert. Und Nachsorge entscheidet oft darüber, ob aus einer belastenden Erfahrung etwas Verarbeitbares wird – oder etwas, das langfristig nachwirkt.
Für uns im PSNV-Kontext bedeutet das vor allem eines:
Wir müssen unsere Perspektive erweitern. Weg vom reinen Reagieren, hin zum Mitgestalten von Rahmenbedingungen. Mehr Vernetzung, mehr Abstimmung, mehr gemeinsame Konzepte – organisationsübergreifend. Und vielleicht auch die Bereitschaft, neue Begriffe wie PSNV-H nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern mit Leben zu füllen.
Denn am Ende stehen da Menschen, die helfen wollten.
Und die ein System verdient haben, das sie dabei nicht alleine lässt.
Mein Learning und Schlussgedanke ...
- Ohne gute Vernetzung,
- ohne klare Strukturen
- und ohne durchdachte Nachsorge
... werden Spontanhelfende auch in Zukunft durch die Maschen fallen.
Mit relativ einfachen organisatorischen und psychosozialen Maßnahmen ließe sich das jedoch deutlich reduzieren.
Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, das Thema gemeinsam weiterzudenken. Danke an alle. Gerne Euer Feedback persönlich oder durch Kommentare - für die wie immer gilt ich Veröffentliche keine Kommentare aber lese diese immer und wenn ich antworten kann und soll dann tue ich das nach Möglichkeit.
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Meine Begriffs-Definition:
PSNV-B (für Betroffene):
Richtet sich an Menschen, die direkt von einem belastenden Ereignis betroffen sind, z. B. nach Unfällen, Todesfällen oder Katastrophen. Ziel ist es, akute Stabilisierung zu ermöglichen, Orientierung zu geben und erste Schritte in der Verarbeitung anzustoßen.
PSNV-E (für Einsatzkräfte):
Unterstützt Einsatzkräfte vor, während und nach belastenden Einsätzen im Umgang mit Stress und Extremsituationen. Neben Prävention (z. B. Resilienztraining) geht es auch um Einsatzbegleitung und Nachsorge durch Peers oder speziell geschulte Kräfte.
PSNV-U (für Unternehmen):
Fokussiert sich auf die psychosoziale Unterstützung von Mitarbeitenden in Unternehmen nach kritischen Ereignissen am Arbeitsplatz. Ziel ist es, Arbeitsfähigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen und betriebliche Strukturen in der Krisenbewältigung zu stärken.
PSNV-H (für Spontanhelfende):
Adressiert Menschen, die ungeplant bei Einsätzen helfen und nicht in bestehende Strukturen eingebunden sind. Sie kombiniert Elemente aus PSNV-B und PSNV-E, muss aber besonders niedrigschwellig, flexibel und auch nach dem Einsatz noch erreichbar sein.

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