Assistierter Freitod in Österreich: Einblick in Begleitung, Sicherheit und ethische Verantwortung
... intensive Auseinandersetzung mit Sterben,
... Begleitung am Lebensende
... und assistierter Sterbehilfe / assistiertes Sterben.
Ausgangspunkt ist ihre Suche nach einer Medizin, die den ganzen Menschen in den Blick nimmt – körperlich, seelisch und existenziell. Diese fand sie in der Palliativmedizin, die sie nicht nur fachlich, sondern auch persönlich geprägt hat. Die Arbeit mit sterbenden Menschen, so Kanneider, schärfe den Blick für das Wesentliche im Leben und erfordere vor allem Zuhören, Beziehung und die Bereitschaft, Endlichkeit auszuhalten.
Ein zentraler Schwerpunkt des Gesprächs ist die assistierte Sterbehilfe in Österreich nach der Gesetzesänderung 2022.
Kanneider widerspricht der verbreiteten Annahme, dass ein Sterbewunsch aus mangelnder palliativmedizinischer Versorgung entstehe. Die meisten Menschen, die diesen Weg wählen, seien gut informiert, palliativ angebunden und hätten sich über längere Zeit mit ihrer Situation auseinandergesetzt. Der Wunsch zu Sterben sei selten ein spontaner Impuls, sondern Teil eines reflektierten Prozesses.
Dabei betont Kanneider die klare Unterscheidung zwischen einer akuten suizidalen Krise und einem authentischen Sterbewunsch im palliativen Setting. Letzterer gehe häufig mit innerer Klärung, Beziehung, Begleitung und Selbstbestimmung einher und sei nicht mit psychiatrischer Suizidalität vergleichbar. Offene Gespräche darüber wirkten oft entlastend und könnten Lebensqualität zurückgeben. Schon das Erstellen einer Sterbeverfügung bedeute für viele Menschen einen wichtigen Zugewinn an Handlungsfähigkeit in einer von Verlusten geprägten Situation.
Aus ihrer Praxis berichtet Frau Dr. Kanneider , dass regulierte Formen der assistierten Sterbehilfe Schutz, Transparenz und Sicherheit bieten – im Gegensatz zu verdeckten, oft gewaltsamen Suiziden, über die kaum gesprochen werde. Die häufig geäußerte Sorge, vulnerable Menschen könnten unter Druck geraten, könne sie aus ihrer Erfahrung nicht bestätigen. Entscheidend seien vielmehr die professionelle Einbettung, klare rechtliche Rahmenbedingungen und eine sorgfältig begleitete Entscheidungsfindung.
Ein Aspekt, den ich aus dem sehr intensiven Gespräch besonders hervorheben möchte, ist die Wortwahl und unsere Wahrnehmung von Sterbehilfe. Es geht hier ausdrücklich nicht um Töten. Wir müssen genau auf unsere Sprache achten, denn Worte steuern unsere Gedanken und die inneren Bilder, die wir uns machen. Viele Gegner unterstellen der Sterbehilfe Gewalt – doch das ist falsch: Sterbehilfe ist kein Gewaltakt gegen andere oder sich selbst. Sie ist Ausdruck von Mitgefühl und zugleich von Selbstgefühl, ein bewusstes, begleitetes Gestalten des eigenen Lebensendes.
Ab Minute 30 wird außerdem über die orale Einnahme des Sterbemittels gesprochen. Frau Dr. Kanneider spricht sich klar für diese Form aus und erläutert ihre Gründe nachvollziehbar: Sie betont die Einfachheit, Würde und Selbstbestimmung, die der Trinkprozess ermögliche. Ich selbst neige eher zur Infusionsform, vor allem aus Sicherheitsgründen – um zu vermeiden, dass das Medikament durch Erbrechen, Verschlucken oder zu langsames Trinken nicht vollständig aufgenommen wird, oder dass der Patient vor Abschluss der Dosis einschläft. Trotz begleitender Medikamente wie Paspertin gegen Übelkeit kann es bei oraler Einnahme zu Komplikationen kommen, da Natriumbentobarbital bitter und scharf schmeckt.
Rechtlich erklärt Frau Dr. Kanneider , dass Natrium-Pentobarbital (Pentobarbital-Natrium) in Deutschland kaum verfügbar ist, weil kein gesetzlicher Rahmen für die Anwendung bei Sterbebegleitungen existiert. Deshalb werden Sterbebegleitungen in Deutschland meist über Thiopental per Infusion durchgeführt, da diese Substanz nur intravenös wirkt. Dies zeigt, wie eng medizinische, praktische und gesetzliche Rahmenbedingungen miteinander verknüpft sind und warum die Wahl der Darreichungsform weit über persönliche Präferenzen hinausgeht.
Alternativen wie palliative Sedierung oder Sterbefasten beschreibt Kanneider als oft körperlich und emotional belastend, sowohl für den Patienten als auch für Angehörige. Im Vergleich dazu ermögliche der assistierte Freitod und die Sterbehilfe – wenn er gut reguliert und professionell begleitet sei – mehr Klarheit, inneren Raum und bewusste Abschiednahme. Wenn eine Wahl bestünde, würde Frau Dr. Kanneider diesen Weg für sich selbst bevorzugen. Gleichzeitig betont sie ausdrücklich, dass keine dieser Entscheidungen moralisch zu bewerten sei.
Ethisch plädiert Frau Dr. Kanneider für ihr Konzept einer „Fürsorge zur Autonomie“: Selbstbestimmung entstehe nicht isoliert, sondern durch Beziehung, Zuwendung und professionelle Begleitung. Sterben versteht sie als Teil medizinischer Verantwortung. Abschließend reflektiert sie ihre eigene Haltung zum Lebensende: Wichtig sei, das eigene Leben als stimmig erleben und den letzten Weg bewusst und begleitet mitgestalten zu können.
Ein sehr lohnenswerter Podcast / Interview von 2 Stunden Länge (und jede Minute ist hörenswert):
https://youtu.be/P7N9ZjDSR5c?si=aY3vuWqjemuiZYA6

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