Gedanken zum gemeinsamen Freitod von Alice und Ellen Kessler
Es gibt Themen, die wir als Gesellschaft oft meiden, obwohl sie zutiefst menschlich sind. Seit dem Freitod meiner Frau setze ich mich auf vielen Ebenen damit auseinander – im Austausch mit Organisationen, politischen Entscheidungsträgern und vor allem mit den betroffenen Menschen selbst. Einer dieser zentralen Aspekte ist der Freitod: nicht als impulsive Verzweiflungstat, sondern als bewusste, selbstbestimmte Entscheidung am Ende eines gelebten Lebens.
Genau deshalb vertausche ich in meinem Blog im Regelfall nie das Wort Suizid mit Freitod, denn das Wort Suizid es trägt ein völlig anderes Bild und Verständnis in sich – eines von Schmerz, Isolation und innerer Not. Der Begriff Freitod hingegen beschreibt Freiverantwortlichkeit, Würde und Autonomie.
Der gemeinsame Freitod der Kessler-Zwillinge - wie publiziert ist das gewählte Todesdatum heute am 17. November gewesen - und diese beiden Frauen haben mit deren freien Entscheidung die Diskussion erneut in den öffentlichen Raum gebracht.
Alice und Ellen Kessler, ein Leben lang unzertrennlich, haben auch den letzten Schritt gemeinsam und bewusst gewählt. Begleitet wurden sie von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). In kurzen Zügen erklärt: Die DGHS stellt sicher, dass die Entscheidung freiwillig, überlegt und rechtlich sauber dokumentiert ist – medizinisch, juristisch und ethisch. (Ein ausführlicher Artikel wie Sterbehilfevereine arbeiten habe ich hier verlinkt.)
Was mich an ihrer Geschichte berührt, ist nicht der Abschied selbst, sondern die Konsequenz ihrer Haltung:
Zwei Frauen, die ein außergewöhnliches Leben führten – geprägt von Kunst, Disziplin, internationalem Erfolg, aber auch von einer Kindheit voller Brüche – entschieden, dass auch ihr letzter Akt ihnen gehören sollte. Sie legten den Tag ihres Todes fest, bereiteten sich organisatorisch vor, informierten Behörden und verabschiedeten sich in einer Stille, die man nur als Ausdruck tiefster Verbundenheit bezeichnen kann.
Diese Entscheidung kann und soll niemandem aufgezwungen werden. Nicht jeder Mensch wünscht sich Kontrolle über sein Lebensende, nicht jeder möchte einen geplanten Abschied – und das ist genauso legitim.
Aber die Möglichkeit zu haben, über das eigene Sterben mitzubestimmen, ist für viele ein Akt der Selbstachtung. Ein Raum für Freiheit. Ein Raum für Würde.
Der Freitod der Kessler-Zwillinge erinnert uns daran, dass Selbstbestimmung nicht an der Schwelle des Todes enden muss. Und dass Liebe – in ihrem Fall die unerschütterliche Bindung zweier Schwestern – auch im letzten Schritt Ausdruck finden kann.
Nachtrag vom 18.November
Heute lese ich in der RP-Online die Aussage eines Theologen mit der Überschrift:'Ethikrat-Mitglied warnt vor Normalisierung des freien Suizids'
Es ist bedauerlich, dass der Theologe und Ethiker Jochen Sautermeister
die Berichterstattung über frei gewählte Suizide als bedenklich
bezeichnet und eine Normalisierung der assistierten Sterbehilfe ablehnt. Ohne sich , wie ich es verstanden habe, sich mit Tod der Kessler-Schwestern wirklich auseinandergesetzt zu haben, betonte er, dass auch bei schwerst- und sterbenskranken Menschen nur in den wenigsten Fällen tatsächlich ein stabiler, selbstbestimmter Sterbewunsch vorliege.
Diese Haltung zeigt eine mangelnde Auseinandersetzung mit den
tiefgreifenden und wohlüberlegten Entscheidungen, die Menschen in
solchen Situationen treffen.
Es ist wichtig und steht ausser Frage, dass unfreiwillige, impulsive oder durch psychische
Erkrankungen geprägte Suizide klar zu unterscheiden von Entscheidungen eines Freitod,
bei denen Menschen nach langer Reflexion und im Bewusstsein ihres
Leidens oder einer schweren Krankheit über ihr Lebensende nachdenken.
Diese Differenzierung von Suizid vs. Freitod ist notwendig, um eine offene, ehrliche und
gesellschaftlich tragfähige Diskussion zu ermöglichen.
Die Forderung nach einem Verbot von Theologe und Ethiker Jochen Sautermeister, der geschäftsmäßigen Sterbehilfe und der Normalisierung der assistierten Sterbehilfe verkennt die Tatsache, dass viele Menschen in extremer Leiden und Krankheit eine würdevolle und selbstbestimmte Wahl treffen möchten. Statt Verbote zu fordern, sollten wir uns darauf konzentrieren, bessere Rahmenbedingungen für eine menschenwürdige Pflege und Begleitung am Lebensende zu schaffen - wie die Entscheidung auch immer der / des Betroffenen sein mag.
Eine offene und ehrliche Diskussion über Sterbehilfe ist notwendig, um die individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Betroffenen zu respektieren. Wir sollten die Komplexität und Vielfalt menschlichen Leidens anerkennen und eine Gesellschaft schaffen, die wahrhaftig mitfühlend und unterstützend ist.
Artikel in diesem Kontext:
Sterbehilfe in Deutschland - Erläutert in 3 bis 4 Minuten (Lesezeit)
Wo findet man Sterbehilfe in Deutschland
Wenn du selbst gerade in einer schweren Zeit steckst
Ein geplanter, selbstbestimmter Freitod ist etwas grundlegend anderes als Verzweiflung oder akute innere Not. Wenn du emotional belastet bist oder dunkle Gedanken hast, wende dich bitte an Menschen, die dir helfen können.
Kontakte - Hilfe Im Fall von psychiatrischer Krisen
Notfall
Notaufnahme in der Akutpsychiatrie: In größeren psychiatrischen Kliniken existieren Notaufnahmen mit Fachärzt*innen, die ähnlich funktionieren wie die körperliche Notfallmedizin. Diese sind 24 Stunden täglich erreichbar.
Schnelle Hilfe im Notfall: 112 (Rettungsdienst)
Bei Vergiftungen:
Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen etc. rufen Sie bitte direkt den Notarzt – in Deutschland über die Nummer 112
Giftnotruf
Kostenfreie Informationen bei Verdacht auf Vergiftungen geben rund um die Uhr folgende Giftnotrufe:
Giftnotruf der Charité: 030 19240
Giftnotruf der TU München: 089 19240
Vergiftungs-Informations-Zentrale: 0761 19240
Hilfe - Rufnummern und Websites
- Sozialpsychiatrischer Dienst
- eigenen Wohnort
Telefon: 0228 71002424
Telefonseelsorge, bundeseinheitliche Nummern
Die Telefonseelsorge bietet kostenfreie Beratung per Telefon, Mail, Chat oder vor Ort. Sie ist für jeden da, für alte und junge Menschen, Berufstätige, Nicht-Berufstätige, Auszubildende, Rentner, für Menschen jeder Glaubensgemeinschaft und natürlich auch Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit. Die Gespräche sind anonym und die Mitarbeiter*innen rund um die Uhr erreichbar.
Telefon. 116 123
http://www.telefonseelsorge.de/
Evangelisch.: 0800 111 0 111
Katholisch: 0800 111 0 222
Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche und Eltern
Nummer gegen Kummer e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern ein kompetenter Ansprechpartner zu sein bei kleinen und großen Sorgen, Problemen und Ängsten.
Telefon Beratung für Kinder und Jugendliche: 116 111
Elterntelefon: 0800 111 0 550
https://www.nummergegenkummer.de/
Nationale Kontakt- und Informationsstelle (NAKOS) zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
Die NAKOS ist die zentrale bundesweite Anlaufstelle in Deutschland rund um das Thema Selbsthilfe. Als Knotenpunkt vernetzt NAKOS die relevanten Akteure. Interessierte, Betroffene und Angehörige finden hier alle notwendigen Informationen. Dabei zeigt NAKOS die Vielfalt und Möglichkeiten gemeinschaftlicher Selbsthilfe auf und fördert und vertritt sie gegenüber Politik und Gesellschaft.
Telefon: 030 - 31 01 89 60
Weitere Hilfe - Gesprächsangebote und Suizidprävention
Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.
Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 - 443 509 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de
Hebräischsprachige Hotline "Matan": ‚Matan‘ ist ein Projekt der Beratungsstelle ‚OFEK‚ e. V. und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Telefonnummer: 0800 - 000 16 42 Hotline-Zeiten: Jeden Tag der Woche 20:00-22:00 - Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Kirchlichen Telefonseelsorge (KTS) durchgeführt und durch die Deutsche Fernsehlotterie gefördert.
Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de

Ich veröffentliche keine Kommentare, lese aber jede einzelne Nachricht sorgfältig.
ReplyDeleteBitte habt Verständnis, dass ich selten unmittelbar antworte – meist fließen eure Fragen und Gedanken in künftige Beiträge ein, damit sie auch anderen helfen können.
Wenn ihr eine direkte Rückmeldung benötigt, schreibt bitte eure Kontaktdaten und den Grund dazu; ich prüfe dann behutsam, ob und wie ich antworten kann.
I don’t publish comments, but I read every single message carefully.
Please understand that I rarely respond directly — most questions and thoughts find their way into future posts, so they can help others as well.
If you need a personal reply, please include your contact information and the reason for your message; I will then carefully consider whether and how I can respond.