Ausgerechnet bei der Hilfe für die Seele wird gespart – Kürzung bei Psychotherapeut*innen

Ab dem 1. April sollen die Honorare für ambulante Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gekürzt werden – um rund 4,5 Prozent.
Gleichzeitig wird argumentiert, dass an anderer Stelle Zuschläge steigen, etwa für Praxis- und Personalkosten. Unterm Strich soll das ein Ausgleich sein. Doch wer sich die Realität der psychotherapeutischen Versorgung anschaut, merkt schnell:
Diese Rechnung geht nicht auf. Die Waagschalen sind nicht ausgewogen.

Es ist eine politische Entscheidung. Und wie jede politische Entscheidung sendet sie ein Signal.

Das Problem ist nicht neu. Seit Jahren wissen wir, dass die psychische Versorgung in Deutschland überlastet ist. Therapieplätze sind knapp. Wartezeiten von mehreren Monaten sind für viele Menschen längst Normalität. Manche warten ein halbes Jahr oder länger auf ein erstes reguläres Gespräch. Andere finden überhaupt keinen Platz. Und genau in dieser Situation entscheidet man sich, die Vergütung für die Menschen zu kürzen, die diese Versorgung überhaupt erst möglich machen.

Psychotherapie ist kein Bereich, in dem man einfach „effizienter arbeiten“ kann, wenn Geld fehlt. Eine Therapiestunde lässt sich nicht verdichten wie ein Produktionsprozess.
Sie besteht aus Zeit, aus Aufmerksamkeit, aus Verantwortung. Und aus der Arbeit hochqualifizierter Fachkräfte, die bereits jetzt in einem System arbeiten, das vielerorts an seine Grenzen stößt.
Natürlich stimmt es: Praxiskosten steigen. Mieten, Energie, Personal – all das wird teurer. Deshalb werden bestimmte Zuschläge erhöht.
Doch diese Steigerungen decken Nebenkosten. Sie gleichen keine realen Honorarkürzungen aus. Ich sage das, weil ich nun wieder und wieder binnen von Stunden und Tagen dieses Gegenrechnen von den Krankenkassen und den Politischen Vertretern aus den üblichen Ecken höre und lese.

Was bleibt, ist ein politisches Signal. Und dieses Signal lautet:
Ausgerechnet dort, wo Menschen Hilfe bei Depressionen, Angststörungen oder schweren Lebenskrisen suchen, wird gespart.

Das ist schwer nachvollziehbar - für mich nicht nachvollziehbar. Denn gleichzeitig hören wir seit Jahren – völlig zu Recht –, wie wichtig mentale Gesundheit ist. In Kampagnen, in politischen Reden, in gesellschaftlichen Debatten. Psychische Erkrankungen sollen und müssen entstigmatisiert werden. Menschen sollen sich Hilfe holen.
Aber Hilfe beginnt nicht bei Worten  – Hilfe beginnt bei Strukturen, die funktionieren.
Wenn Menschen monatelang auf Therapie warten müssen und gleichzeitig die Bedingungen für Therapeutinnen und Therapeuten schlechter werden, dann verschärft man ein Problem, das ohnehin schon groß ist.

Ich habe viel und oft mit Menschen zu tun, die diese Hilfe brauchen. Ich schreibe über mentale Gesundheit, über Depressionen, über Erschöpfung und darüber, wie wichtig es ist, sich Unterstützung zu holen.
Doch genau deshalb wirkt diese Entscheidung wie ein politischer Widerspruch. Jahrelang wird betont, wie zentral mentale Gesundheit für unsere Gesellschaft ist – und gleichzeitig verschlechtert man die Bedingungen für diejenigen, die diese Hilfe überhaupt ermöglichen. Das passt nicht zusammen.

 
Und es wirft eine grundsätzliche Frage auf: Welche Prioritäten setzen wir wirklich?
Wenn selbst in einem ohnehin überlasteten System noch gekürzt wird, dann geht es längst nicht mehr nur um Zahlen.
Dann geht es um ein politisches Signal – und dieses Signal lässt mich zunehmend zweifeln, ob mentale Gesundheit tatsächlich den Stellenwert hat, den man ihr öffentlich zuschreibt.

Was mir dabei zusätzlich Sorge bereitet, sind die möglichen Folgen solcher Entscheidungen.
Wenn Honorare sinken und wirtschaftlicher Druck steigt, wird es für manche Praxen schlicht schwerer, ausschließlich gesetzlich Versicherte zu behandeln. Es ist nicht schwer vorherzusehen, dass sich dann mehr Therapeutinnen und Therapeuten stärker auf Selbstzahlerinnen und Selbstzahler oder privat Versicherte konzentrieren könnten – nicht aus mangelnder sozialer Verantwortung, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.

Eine weitere Entwicklung könnte sein, dass weniger Therapeutinnen und Therapeuten den Schritt in die eigene Praxis wagen oder bestehende Praxen ihre Kapazitäten reduzieren. Wer sieht, dass die Arbeitsbelastung hoch ist und die finanziellen Rahmenbedingungen gleichzeitig unsicherer werden, überlegt sich diesen Berufsweg zweimal. Für Patientinnen und Patienten würde das schlicht noch längere Wartezeiten bedeuten.

Und schließlich besteht die Gefahr, dass sich die psychotherapeutische Versorgung weiter spaltet: in eine schnell verfügbare Hilfe für diejenigen, die sie privat bezahlen können – und in ein überlastetes System für alle anderen. Wenn das passiert, verlieren wir etwas Grundlegendes: die Idee, dass psychische Gesundheit Teil einer solidarischen Gesundheitsversorgung ist.

Gerade deshalb ist diese Entscheidung mehr als eine haushaltspolitische Maßnahme. Sie beeinflusst, wie Versorgung in Zukunft aussehen wird – und wer sie tatsächlich noch erreicht.



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