Resignative Reife – Akzeptanz des Möglichen und des Unmöglichen

Am Sonntagmorgen fiel im SWR3-Talk, moderiert von Kristian Thees  im Gespräch mit Ildikó von Kürthy, ein Begriff, der mich aufhorchen ließ – es war: Resignative Reife.
Die Haltung dahinter, nach dem ich es nachgeschlagen habe, ist mir vertraut. Mit dem Wort „Reife“ jedoch verbinden sich schnell Vorstellungen von Abschluss, von einem Zustand, der erreicht und dann bewahrt wird. Leben aber ist Bewegung. Vielleicht beschreibt „Haltung“ es treffender: eine innere Ausrichtung, die sich im Erleben formt und weiterentwickelt.
Resignative Reife bedeutet vor allem für mich: Nicht alles ist kontrollierbar. Und nicht alles verlangt Widerstand.

Resignation sagt: Es hat keinen Sinn.

Resignative Reife sagt: Ich erkenne an, was ich nicht ändern kann – und richte meine Kraft auf das, was in meinem Einfluss liegt.

Viele Menschen kennen Phasen, in denen sie ringen – mit Umständen, mit Erwartungen, mit Verlusten, mit Enttäuschungen oder mit der eigenen Ohnmacht. Der Impuls zu kämpfen ist verständlich. Doch resignative Haltung beginnt dort, wo Grenzen nicht länger als Gegner betrachtet werden, sondern als Koordinaten des eigenen Lebensraums. Anerkennen heißt nicht gutheißen. Es heißt, das Unveränderliche nicht dauerhaft zum Schauplatz innerer Verhandlungen zu machen.
Gerade in Zeiten von Verlust oder Unsicherheit ist das kein einfacher Schritt. Doch es bleibt eine Wahl: dem Schmerz alles zu überlassen – oder ihm einen begrenzten Raum zu geben. Gefühle dürfen da sein, ohne das Ganze zu bestimmen.

Auch Angst gehört dazu - dies war auch Thema des Gespräch von Kristian Thees und Ildikó von Kürthy.
Angst ist kein Zeichen von Schwäche, so denke ich, sondern ein Hinweis. Sie darf warnen, aber nicht regieren. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das bewusste Weitergehen trotz ihrer Gegenwart.

Resignative Haltung ist eine Form von Gelassenheit. Nicht als Rückzug aus dem Leben, sondern als reife Art, ihm zu begegnen. Wie in einer Kurve beim Fahren, wie beim gleiten auf Skiern, wie beim Schlittenhundegespann oder auch beim Surfen: Wer starr dagegenhält, verliert die Balance. Wer die Bewegung annimmt, bleibt steuerfähig.
Im Alltag zeigt sich diese Haltung unspektakulär: den Tag beginnen, kleine Aufgaben erfüllen, Gespräche führen, Pausen zulassen. Nichts erzwingen. Gegenwärtig bleiben.

Das Missverständnis bleibt: „resignativ“ klinge nach Aufgeben. In Wahrheit geht es um das Beenden unnötiger Kämpfe. Darin liegt Freiheit. Energie wird frei für das, was gestaltbar ist: Beziehungen pflegen, Verantwortung übernehmen, im Kleinen mutig sein, das Gegenwärtige würdigen.

Würde zeigt sich nicht im Heldentum, sondern im Umgang mit dem Gewöhnlichen. In der Art, wie ein Mensch dem Tag begegnet – respektvoll gegenüber der Realität, klar im eigenen Handeln. Im Licht dieser Haltung habe ich gelernt, „Würde“ neu zu buchstabieren. Würde ist persönlich, persönlicher geht es kaum - Es liegt in der Art, wie man dem Leben und dem Tag begegnet: respektvoll gegenüber dem, was bleibt, dankbar für das, was war, klar gegenüber mir selbst. In diesem Sinn ist „Death with Dignity“ für mich nicht nur eine Haltung gegenüber dem Sterben. Es ist die Haltung gegenüber dem Leben / dem Sein. Ein stilles Einverständnis mit der Wirklichkeit.

Resignative Reife ist kein Ziel, das man erreicht. Sie ist ein Weg, der sich unter den Füßen bildet. Und sie lässt sich üben.

Vielleicht beginnt sie mit drei einfachen Fragen:

  • Was liegt heute außerhalb meines Einflusses?

  • Was liegt innerhalb meines Einflusses?

  • Wohin möchte ich meine Kraft richten?

Hilfreich kann es sein, bewusst loszulassen, was nicht gestaltbar ist – durch ein Gespräch, durch Aufschreiben, durch ein stilles inneres „Ja, es ist so“. Ebenso hilfreich ist es, einen kleinen, konkreten Schritt zu wählen: ein Anruf, eine Entscheidung, eine Grenze, ein Moment der Selbstfürsorge.

Resignative Haltung bedeutet nicht Passivität. Sie bedeutet Klarheit.
Nicht Kapitulation, sondern Fokussierung.
Nicht Rückzug, sondern bewusste Ausrichtung.

Ein leises Ja ...
zu dem, was möglich ist,
zu dem, was unmöglich ist,
und zur eigenen Verantwortung im Dazwischen.

Man muss nicht alles kontrollieren.
Man muss nicht gegen alles kämpfen.
Aber man kann wählen, wie was wann ...


"Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."
Reinhold Niebuhr

"God, grant me the serenity
to accept the things I cannot change,
courage to change the things I can,
and wisdom to know the difference."

Vielleicht liegt genau darin der Kern resignativer Reife:
in der Unterscheidung. In der Klarheit darüber, wo Annehmen gefragt ist – und wo Handeln.





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