Zwei Blätter, ein Weg – warum PSNV zählt (Rückschau auf einen PSNV-E Lehrgang)

Zwei intensive Ausbildungswochen - eine im Dezember und eine weitere im März liegen hinter mir und uns.
Sie haben mir nicht nur Methoden und Wissen der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) vermittelt, sondern vor allem gezeigt, warum diese Arbeit so wertvoll ist.
Labelings, die Titulierungen  sind da das Eine, ob wir nun im Peer Support, PSU, in PSNV-E und PSNV-B, in KIT‑Kriseninterventionsteams ausgebildet und tätig sind, oder auch in Unternehmen im PSNV-U, wie ich es in meiner Firma sein kann als MHFA und Trauerbegleitung - was wir alle tun ist dieses - wir sind als Menschen für Menschen da.

Was war nun in diesem beiden Wochen des PSNV-E Lehrgangs

Wir waren eine Gruppe aus verschiedenen Regionen und Verbänden. Unterschiedlich in den Hintergründen, einig in der Haltung: füreinander da sein, besonders dann, wenn es schwer wird -dies gild und galt für die zwei Wochen wie auch für unsere Arbeit und die Zukunft.
Woche eins: Struktur von PSNV in Deutschland und im DRK- Kollegiale Ansprechpartner im Kontext PSNV- Prävention, Einsatzbegleitung und Einsatznachsorge- Stress, Belastung und Psychotrauma- Stressreaktion und Stressbelastung, Grundlagenwissen und die Einzelgespräche
Woche zwei: Vertiefung, Gruppensettings wie Debriefing und der Blick auf alle, die Einsätze tragen – auch die Kolleginnen und Kollegen in den Leitstellen. Auch zur Sprache kamen Themen wie viele Varianten der Sucht und auch das Thema Suizid.
Am Ende blieb mehr als Fachinhalte: das Miteinander und die Gewissheit, dass PSNV im täglichen Umgang beginnt.


Das Bild das ich zum Kurs im Kopf habe ...

Ein Motiv, ein geistiges Bild, hat mich durch die Ausbildung getragen begleitet: ein rotes Kajak (ob das Rot des Kayaks etwas mit dem Rot unseres DRK zu tun hat, mag sein, glaube ich eher nicht, da ich da ich bei Rot eher an actives Leben denke, und dafür steht es ggf. auch) auf einem Fluss, zwei Ufer, am Horizont ein Berg, der aber erst erschien als eine Teilnehmerin von ihren Berg-Touren, Auf- und Abstiege erzählte, und dass dies ihr Kraft gibt - jedenfalls ist solch ein Berg am Ziele am Horizont, ein gutes Ziel.

Die Ufer stehen für Spannungsfelder, in denen wir uns bewegen: helle und dunkle Zeiten, Einzel- und Gruppengespräche, Orientierung versus Unwillen des Lebens, ... u name it.

Das Wasser symbolisiert, was Belastungen in uns auslösen: Angst, Stress, Leere – mal ruhig, mal aufgewühlt. Und das Boot wird durch den Fluss des Lebens bewegt, geführt und auch mal in Turbulenzen gebracht.

In den Händen halten wir ein Paddel mit zwei Blättern: ein aktives und ein entlastendes. Erst beides zusammen gibt Stabilität und Bewegung.

Balance finden

  • Das Boot = du.
  • Wasser und Wellen = Gefühle und Stress.
  • Paddel = Strategie: Aktiv handeln und entlastend Abstand gewinnen.
  • Rudern oder treiben lassen – beides ist wichtig.
    • Aktiv
      • Sich den Gefühlen, Gedanken oder Aufgaben stellen, bewusst handeln.
      • Aufgaben anpacken, Gefühle benennen, Probleme strukturieren, mit jemandem sprechen.
    • Entlastend / Entspannend
      • Temporär Abstand schaffen, Intensität reduzieren, Selbstschutz wahren.
      • Spazieren gehen, Sport, Musik, Atemübungen, kreative Tätigkeiten.

Zu viel Rudern führt in die Überforderung, zu viel Treiben in den Stillstand - nur eines der beiden Ruder zu nutzen, lässt uns nur auf der Stelle kreiseln. Es geht um Balance - es geht um beide Ruderblätter - Man muss nicht ständig rudern, aber man darf auch nicht nur treiben.


Was die Ausbildung gegeben hat

Ja, es gab Werkzeuge: Wissen über Stressreaktionen, Belastung und Psychotrauma; Prävention, Begleitung, Nachsorge; klare Rollen und Grenzen; Coping und Psychohygiene. Vor allem wuchsen Handlungssicherheit – und wieder einmal das Wissen wie wichtig ein verlässliches Netzwerk ist. Entscheidend bleibt die Haltung, mit der wir Menschen begegnen.

PSNV ist kein Randthema. Sie stützt diejenigen, die funktionieren müssen, wenn andere nicht mehr können. Dafür braucht es Menschen, die hinschauen, zuhören, präsent sind – im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr, in Hilfsorganisationen, in der Zusammenarbeit mit Polizei und Leitstellen, und überall dort, wo Teams Belastungen tragen. (mehr zu PSNV)


Mein leiser, positiver Aufruf

  • Engagiere dich, wenn du kannst: im Peer Support, in PSNV‑E oder PSNV‑B, in anderen Bereichen oder mache eine MHFA Ausbildung, die mittlerweile auch von vielen Firmen angeboten werden. 
  • Pflege Haltung im Alltag: sensibel mit Kolleginnen und Kollegen umgehen, Räume öffnen, in denen Gesagtes und Ungesagtes Platz haben.
  • Stärke dich selbst: Resilienz und Psychohygiene ist keine Kür, sondern Voraussetzung, damit wir anderen gut begegnen können.


Ein Schlußgedanke und persönlicher Dank

Seelische Verletzungen verdienen die gleiche Aufmerksamkeit wie körperliche. Sie sind oft nicht sichtbar, hinterlassen keine offensichtlichen Wunden – und wirken gerade deshalb tiefer und länger nach.
Was im Inneren entsteht, lässt sich nicht einfach verbinden oder ruhigstellen. Es braucht Zeit, Raum und Menschen, die hinschauen und zuhören. Unbeachtet können solche Belastungen weiterwirken: in Gedanken, im Verhalten, im Alltag.
Gerade weil sie im Verborgenen liegen, sind sie so kritisch. Und genau deshalb ist es so wichtig, sie ernst zu nehmen.

Ich schreibe seit Jahren – das Schreiben ist Teil meiner eigenen Resilienz und prägt meinen Blick auf Menschen, Gestaltung und Miteinander. Diese zwei Wochen haben mich erneut gelehrt, wie viel entsteht, wenn Beziehung, Vertrauen und Haltung zusammenkommen. Danke an die Lehrenden, die Gruppe und alle, die diese Erfahrung möglich gemacht haben. Mögen sich unsere Wege wieder kreuzen – und mögen wir weiter paddeln, mit zwei Blättern, auf dem Weg, auf dem Fluß.




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