Antizipatorische Trauer: Was Angehörige bei assistierter Sterbehilfe erleben (Artikel aus der Rheinischen Post)

Ich habe ich in der Rheinischen Post einen bemerkenswert empathischen Artikel über assistierte Sterbehilfe gelesen. Selten gelingt es journalistischen Texten, bei diesem Thema nicht nur die gesellschaftliche oder politische Dimension zu betrachten, sondern vor allem die emotionale Realität der Menschen, die unmittelbar betroffen sind: die Angehörigen.

Dorothee Krings ist es, in meinen Augen und Verständnis, ein guter Artikel gelungen. Freilich störe ich mich wie so oft an der Wahl des Wortes 'Suizid' der zu einem falschen Verständnis führen kann, und meist auch tut, aber von diesem terminologischen, semantischen Aspekt abgesehen empfehle ich den Artikel von Dorothee Krings, Redakteurin der Rheinischen Post „Den Todestermin zu kennen, sind Menschen doch nicht gewöhnt

Screenshot des Artikel - und Link zum Artikel
Es hat mich bewegt was Hannes Müller (den Namen hat die Rheinische Post geändert)  berichtet, und ich kann es mehr als gut nachvollziehen - aber auch aus den Freitodbegleitungen die ich begleitet oder betreut habe, kann ich die Dinge bestätigen die die Ärztin für Psychosomatische Medizin, Anette Kersting, Klinikleiterin am Universitätsklinikum Leipzig darlegt. Meine eigene Frau ging vor etwa fünf Jahren diesen Weg. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Freitodbegleitung, begleite Menschen in ähnlichen Situationen, unterstütze Angehörige, Helfende, Einsatzkräfte, Mitarbeitende in der PSNV und Menschen aus der Seelsorge dabei, mit Tod, Abschied und den emotionalen Folgen umzugehen.

Was der Artikel sehr klar zeigt: Eine Entscheidung für einen selbstbestimmten Freitod betrifft niemals nur den Menschen, der diese Entscheidung trifft. Sie verändert auch das Leben derjenigen, die bleiben. Besonders belastend ist dabei etwas, das wir als Menschen kaum kennen: die Planbarkeit des Todes. Ein konkretes Datum zu kennen, an dem ein geliebter Mensch sterben wird, widerspricht unserem gewohnten emotionalen Erleben von Leben und Abschied.
Viele Angehörige beschreiben genau das als surreal, künstlich oder emotional kaum greifbar.

Und dennoch kann gerade diese Zeit auch etwas ermöglichen, das bei plötzlichem Tod oft fehlt: bewussten Abschied. Gespräche, letzte gemeinsame Momente, unausgesprochene Gedanken, kleine Rituale oder einfach gemeinsame Zeit. Viele Angehörige berichten später, dass genau diese Momente Trost geben — das Gefühl, den anderen nicht allein gelassen zu haben. Hierzu finden meine Leser eine Vielzahl an Artikel die ich dazugeschrieben habe - dass man diese Zeit nutzen soll, zu sprechen, etwas zu unternehmen, etwas zu feiern oder einfach noch einmal zu essen und zu genießen, für sich oder in der Familie oder Freundeskreis.

Besonders wichtig fand ich die Einordnung der Psychosomatikerin Anette Kersting im Artikel. Sie beschreibt sehr treffend das Phänomen der „antizipatorischen Trauer“ — also einer Trauer, die beginnt, bevor der Mensch überhaupt gestorben ist. Genau das erleben viele Angehörige bei schwerer Krankheit oder angekündigter Freitodbegleitung: Der Abschied beginnt innerlich oft Monate vorher.
Diese Form der Trauer wird gesellschaftlich häufig unterschätzt. Viele Betroffene funktionieren nach außen weiter, organisieren Gespräche, kümmern sich um medizinische Unterlagen, sprechen mit Organisationen oder Angehörigen, versuchen stark zu bleiben — und merken oft erst später, wie sehr sie innerlich bereits in einem dauerhaften Ausnahmezustand gelebt haben. Gereiztheit, Schlafprobleme, emotionale Erschöpfung, Rückzug oder diffuse Angst sind dabei keine Schwäche, sondern normale psychische Reaktionen auf eine hochbelastende Situation. In meinen Beratungs- und Informationsgesprächen empfehle ich bei Bedarf auch schon vor dem Ableben das Angebot von Tauerbegleiter*innen zu nutzen - Siehe mehr zu Trauerbewältigung

Prof. Dr. Anette Kersting beschreibt außerdem etwas sehr Wichtiges: Selbst wenn Angehörige die Entscheidung eines Menschen rational verstehen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie sie emotional sofort annehmen können. Genau daraus entstehen oft Schuldgefühle, Ambivalenz, Überforderung oder tiefe innere Konflikte.
Viele fragen sich später ...
... Hätte ich etwas anders machen können?
... Habe ich genug getan?
... War ich wirklich hilfreich?

Diese widersprüchlichen, ambivalenten Gefühle dürfen existieren - weil sie normal sind - da solch ein Entschluss in der Gesellschaft noch immer nicht anerkannt wird und als eine von vielen Optionen anerkannt und erkannt wird. Sie machen Angehörige nicht lieblos oder falsch. Sie machen sie menschlich.
In meiner Arbeit mit Betroffenen und Helfenden erlebe ich immer wieder, wie wenig Raum es gesellschaftlich für diese Gespräche gibt. Noch immer ist Sterben für viele ein Thema, das verdrängt wird. Bei der assistierten Sterbehilfe kommt zusätzlich gesellschaftliche Unsicherheit, moralische Bewertung und oft auch Sprachlosigkeit hinzu.

Dabei brauchen Angehörige genau das Gegenteil: offene Gespräche, Vorbereitung, Begleitung und Menschen, die zuhören können, ohne vorschnell zu urteilen.

Freitodbegleitung ist und bleibt emotional komplex. Zwischen Selbstbestimmung, Liebe, Loyalität, Schuld, Trauer, Erleichterung und Angst entstehen Gefühle, die sich nicht einfach auflösen lassen. Und vielleicht müssen sie das auch gar nicht. Nicht jede Erfahrung rund um Sterben und Tod lässt sich „sauber“ verarbeiten. Manchmal geht es eher darum, lernen zu dürfen, die Widersprüche auszuhalten.

Mir persönlich ist dabei wichtig:
Wir sollten sorgfältig mit Sprache umgehen. Ein wohlerwogener, selbstbestimmter Freitod schwerkranker Menschen ist nicht mit einem impulsiven, aus Verzweiflung entstandenen Suizid gleichzusetzen.
Viele Betroffene treffen diese Entscheidung nach langer Krankheit, intensiven Gesprächen, medizinischer Begleitung und reiflicher Überlegung. Für viele Angehörige ist genau diese Menschlichkeit und Selbstbestimmung ein zentraler Teil des Abschieds.
Was mich allerdings bis heute erschreckt: Wie viele Menschen in helfenden Berufen — Ärzte, Rettungskräfte, Pflegekräfte, Seelsorgende oder Mitarbeitende in psychosozialen Unterstützungssystemen — sich kaum mit dem Thema Freitodbegleitung auskennen, obwohl diese Möglichkeit in Deutschland seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2020 wieder rechtlich möglich ist. (Sterbehilfe in Deutschland - Erläutert in 3 bis 4 Minuten (Lesezeit))

Gerade Menschen, die andere in Krisen begleiten, brauchen Wissen, Sprachfähigkeit und emotionale Sicherheit im Umgang mit Sterben, Tod und selbstbestimmtem Lebensende.
Denn dieses Thema ist längst Teil unserer gesellschaftlichen Realität geworden — ob wir darüber sprechen oder nicht.





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