Bevölkerungsschutz stärken heißt auch: das Ehrenamt endlich ernst nehmen
Das ist richtig und notwendig.
Denn wer in den vergangenen Jahren Einsätze erlebt hat – sei es bei Hochwasserlagen, Extremwetter, Großschadensereignissen oder in psychosozialen Einsatzsituationen – weiß: Deutschland hat beim Bevölkerungsschutz erheblichen Nachholbedarf.
Doch bei aller Diskussion über Technik, Infrastruktur und staatliche Strategien wird oft ein entscheidender Punkt vergessen:
Der Bevölkerungsschutz in Deutschland steht und fällt mit dem Ehrenamt.
Dies betone ich , da morgen am 23. Mai 2026 zum ersten Mal ein oder der Ehrentag stattfinden soll, Artikel folgt asap.
Tausende Ehrenamtliche tragen das System
Ob DRK, ASB, Johanniter, Malteser, DLRG, Feuerwehr, THW oder viele weitere Organisationen: Ohne ehrenamtliche Einsatzkräfte würde unser Hilfeleistungssystem innerhalb kürzester Zeit an seine Grenzen kommen. Auch gerade im Bereich der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) zeigt sich das besonders deutlich und zeigt sich mir, Menschen in extremen Belastungssituationen brauchen nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch menschliche Begleitung, Stabilisierung und Unterstützung.
Ich selbst bin seit vielen Jahren ehrenamtlich aktiv – überwiegend im DRK, im Bereich PSNV im Raum Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg. Zusätzlich engagiere ich mich im Karlsruher Raum in der Motorradstaffel des ASB. Auch nach vielen Jahren im Einsatz bringe ich mein Wissen und meine Erfahrung weiterhin bewusst ein, weil ich überzeugt bin, dass Ehrenamt mehr ist als eine Aufgabe. Es ist Verantwortung für unsere Gesellschaft.
Doch genau dieses Fundament beginnt zunehmend zu bröckeln.
Die Zahlen wirken stabil – die Belastung steigt trotzdem massiv
Oberflächlich betrachtet wirken die Zahlen zunächst beruhigend. Laut aktuellen Veröffentlichungen engagieren sich weiterhin rund 1,76 Millionen Menschen im Bevölkerungsschutz.
Doch Fachleute und Organisationen schlagen zunehmend Alarm.
Denn die eigentliche Problematik liegt inzwischen nicht mehr allein in der Anzahl der Ehrenamtlichen, sondern in der realen Belastbarkeit der bestehenden Strukturen. Studien und Fachveröffentlichungen aus dem Bevölkerungsschutz weisen darauf hin, dass die vorhandenen Systeme trotz formal stabiler Zahlen zunehmend an ihre Belastungsgrenzen geraten.
Die Anforderungen steigen:
- mehr Extremwetterlagen,
- längere Einsätze,
- komplexere Schadenslagen,
- Cyberbedrohungen,
- demografischer Wandel,
- steigende psychische Belastungen,
- Nachwuchsprobleme,
- Schwierigkeiten bei Führungsfunktionen.
Die Realität ist:
Moderne Krisenvorsorge funktioniert nicht allein durch neue Fahrzeuge, bessere IT oder zusätzliche Lagerhallen. Im Ernstfall braucht es Menschen:
- Menschen, die ausrücken,
- Menschen, die organisieren,
- Menschen, die zuhören,
- Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Und genau diese Menschen geraten zunehmend unter Druck.
Mehrfachmitgliedschaften verzerren die Realität
Dies diskutierten wir intensiv auch am Dienstag diese Woche im "Disastertalk". Mit diesem "Disastertalk" startete die DGKM und DKKV ihre Kooperation, mit verschiedene gemeinsame Aktivitäten zu zentralen Zukunftsfragen des Bevölkerungsschutzes.
Mehrfachmitgliedschaften sind normal und üblich - aber es kommt ein Problem, über das kaum offen gesprochen wird:
Viele Ehrenamtliche engagieren sich gleichzeitig in mehreren Organisationen. Jemand kann beispielsweise beim DRK aktiv sein, zusätzlich bei der Feuerwehr unterstützen und parallel noch im THW eingebunden sein.
Statistisch erscheinen diese Personen oft mehrfach – real stehen im Einsatzfall aber trotzdem nur einzelne Menschen zur Verfügung. Die offiziellen Zahlen wirken dadurch teilweise stärker, als die tatsächliche personelle Einsatzfähigkeit möglicherweise ist. Gerade in großflächigen Krisensituationen kann das problematisch werden.
Wer im Ehrenamt hilft, wird im Hauptberuf oft gleichzeitig gebraucht
Ein weiterer oft unterschätzter Punkt:
Viele ehrenamtlich engagierte Menschen arbeiten hauptberuflich in kritischen Infrastrukturen.
Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte oder Mitarbeitende in Kliniken können im Katastrophenfall häufig gar nicht in ihren ehrenamtlichen Organisationen helfen, weil sie zuerst in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder anderen systemrelevanten Bereichen benötigt werden.
Auch dadurch reduziert sich die reale Einsatzstärke erheblich.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie viele Ehrenamtliche haben wir offiziell?“
Sondern: „Wie viele stehen im Ernstfall tatsächlich zur Verfügung?“
Hilfsorganisationen fühlen sich erneut außen vor
Genau hier setzt auch die Kritik vieler Hilfsorganisationen am neuen „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ an.
Zwar wird der Ausbau staatlicher und technischer Krisenfähigkeit angekündigt, doch die soziale und operative Realität vieler Hilfsorganisationen bleibt weiterhin weitgehend unberücksichtigt.
Vor allem drei Punkte werden von vielen Organisationen kritisch gesehen:
Fehlende strukturelle Reformen
Die gesetzlichen Regelungen zur Helferfreistellung bleiben weiterhin unangetastet. Damit fehlt nach wie vor eine echte Gleichstellung ehrenamtlicher Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen – insbesondere bei Ausbildung, Übungen und Einsätzen.
Während THW und Feuerwehren vielerorts deutlich bessere Rahmenbedingungen besitzen, kämpfen Organisationen wie DRK, ASB, Johanniter, Malteser oder DLRG im Alltag weiterhin mit unklaren Freistellungsregelungen und mangelnder Unterstützung durch Arbeitgeber.
Erst bei offiziell festgestellten Großschadenslagen greifen häufig Sonderregelungen oder kommunale Bescheinigungen.
Doch Krisenvorsorge darf nicht erst dann ernst genommen werden, wenn die Ausnahme bereits eingetreten ist.
Fehlende nachhaltige Finanzierung
Auch die langfristige Finanzierung bleibt vielerorts ungeklärt. Viele Organisationen fordern seit Jahren eine deutlich stärkere finanzielle Absicherung des Bevölkerungsschutzes sowie eine verlässliche Ausfinanzierung zentraler Strukturen und Reserven.
Denn moderne Fahrzeuge, Ausstattung und Ausbildung kosten Geld – vor allem aber kostet es Ressourcen, Ehrenamt langfristig attraktiv und tragfähig zu halten.
Fehlende ganzheitliche Resilienzstrategie
Kritisiert wird außerdem, dass bislang kein wirklich umfassender gesellschaftlicher Ansatz zur Stärkung der Resilienz erkennbar sei.
Ein Notfallratgeber oder einzelne Selbstschutzkampagnen allein reichen nicht aus, um eine Gesellschaft widerstandsfähig zu machen. Resilienz bedeutet in diesem Kontext:
- stabile soziale Strukturen,
- starke Kommunen,
- funktionierende Hilfsorganisationen,
- psychische Stabilität,
- gesellschaftlicher Zusammenhalt,
- und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Bevölkerungsschutz braucht Menschen – nicht nur Konzepte
Die aktuellen Beschlüsse der Bundesregierung sind ein wichtiger Schritt. Moderne Krisenvorsorge, soziale Infrastruktur, Klimaresilienz, Cyberabwehr und stabile kommunale Versorgung sind zentrale Zukunftsaufgaben.
Aber echte Sicherheit entsteht nicht allein durch mehr Geld für staatliche Strukturen.
In meinen Augen und Wahrnehmung, beginnt und entsteht sie dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – nachts, an Wochenenden, nach belastenden Einsätzen und oft zusätzlich zu Familie und Beruf.
Das BBK bezeichnete das Ehrenamt zuletzt nicht ohne Grund als „tragfähiges Fundament“ des Bevölkerungsschutzes.
Wenn die Bundesregierung den Bevölkerungsschutz wirklich ernst meint, dann muss sie endlich auch die Hilfsorganisationen stärken – denn genau sie schützen, versorgen und betreuen die Menschen im Ernstfall. Nicht nur in Sonntagsreden. Sondern strukturell, finanziell und gesellschaftlich.

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