Sterbehilfe zwischen Selbstbestimmung und Verantwortung seit 6 Jahren wieder in Deutschland
Damit wurde ein wichtiges Signal gesetzt: Das Lebensende gehört zur persönlichen Freiheit des Menschen.
Doch mit dieser Freiheit sind neue Herausforderungen entstanden.
In diesem Artikel soll es darum gehen, warum Freitodbegleitung Zeit, Beziehung und das Aushalten von Ambivalenz braucht. Aber auch, dass wo klare Regeln fehlen, Unsicherheit entsteht – für Betroffene, für Angehörige und für all jene, die Menschen in existenziellen Krisen begleiten. Nochmals meine Sicht es fehlt an Regeln und Leitlinien aber nicht ein neues Gesetz.
Wer sich mehr, über die faktische und juristische Seite des Urteils vor 6 Jahren informieren will, ich habe heute einen zweiten Artikel dazu zusammengestellt: Sterbehilfe – eine Frage der Menschenwürde und Freiheit - Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2020
Sterbehilfe und Freitodbegleitung sind keine rein juristischen oder medizinischen Fragen. Sie sind zutiefst menschlich. Es geht um Würde, Schutz, Nähe – und um den verantwortungsvollen Umgang mit Entscheidungen, die oft nicht eindeutig, sondern innerlich widersprüchlich sind.
In diesem Kontext drei Artikel:
Sterbehilfe in Deutschland - Erläutert in 3 bis 4 Minuten (Lesezeit)
Wieso ich gegen die Gesetzentwürfe im Juli 2023 war
Was stellen Sie sich vor, wenn es kein neues Gesetz, wie den §217 StGB geben soll?
Wer um Freitodbegleitung bittet
Die meisten Menschen, die eine Freitodbegleitung in Erwägung ziehen, sind hochbetagt. Viele leben mit schweren körperlichen Erkrankungen, andere mit neurologischen oder psychischen Leiden. Auffällig ist, dass körperlicher Schmerz nur selten der ausschlaggebende Grund ist. Häufiger steht die Angst im Vordergrund, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, abhängig zu werden oder anderen zur Last zu fallen.
Diese Motive zeigen: Der Wunsch nach einem begleiteten Tod ist oft Ausdruck eines tiefen Leidens aber auch immer gepaart mit Fragen und Verunsicherung – nicht selten verbunden mit dem gleichzeitigen Wunsch, weiterleben zu wollen, wenn sich die Umstände ändern. Genau hier liegt eine zentrale Herausforderung der Sterbehilfe: Todeswünsche können nur eindeutig sein mit dem Wissen über die eigene Situation, den Alternativen und was dieser Wunsch für sich selber und andere bedeutet und abverlangt..
In diesem Kontext zwei Artikel:
Sorgen, Angst um die Sterbehilfe
Zahlen und Fakten zur Sterbehilfe / Freitodbegleitung in Deutschland - Diagnosen, Gründe, Entwicklungen 2021–2024
Ambivalenz als menschliche Realität
Wer sich mit dem Gedanken an das eigene Lebensende auseinandersetzt, erlebt häufig widersprüchliche Gefühle. Der Wunsch zu sterben kann neben dem Wunsch zu leben bestehen. Hoffnung und Verzweiflung wechseln sich ab. Viele Menschen schwanken zwischen dem Bedürfnis nach Kontrolle und dem Wunsch nach Entlastung, zwischen Angst vor dem Weiterleben und Angst vor dem Tod.
Diese Ambivalenz ist kein Zeichen von Schwäche oder Unentschlossenheit. Sie ist Ausdruck menschlicher Verletzlichkeit in existenziellen Grenzsituationen. Gerade deshalb braucht Freitodbegleitung Zeit. Entscheidungen können sich verändern, wenn Schmerzen gelindert, Einsamkeit durchbrochen oder neue Formen der Unterstützung erfahrbar werden.
Eine würdeorientierte Sterbehilfe darf Ambivalenz nicht vorschnell auflösen. Sie muss sie wahrnehmen, benennen und aushalten können. Und genau hier liegt wieder eine zentrale Herausforderung der Sterbehilfe: Todeswünsche müssen eindeutig sein.
Links zu: weiteren Artikeln die Ambivalenz zum Thema haben
Freiheit braucht Schutz, Zeit und Beziehung
Eine zentrale Voraussetzung für Sterbehilfe ist, dass die Entscheidung frei und verantwortet getroffen wird. Doch Freiheit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Gespräche, Information und Vertrauen. Besonders wichtig ist eine gute Arzt-Patienten-Beziehung – eine Beziehung, in der beide Seiten offen, ehrlich und ohne Angst vor rechtlichen Konsequenzen sprechen können.
Ärztinnen und Ärzte müssen die Möglichkeit haben, zuzuhören, Zweifel anzusprechen, Alternativen aufzuzeigen und auch eigene Grenzen zu benennen.
Sterbewillige wiederum müssen darauf vertrauen können, dass ihre Worte ernst genommen werden – ohne Pathologisierung, aber auch ohne vorschnelle Bestätigung.
Eine solche Dialogebene kann nur entstehen, wenn Rahmenbedingungen Sicherheit bieten und Gespräche nicht unter einem Klima der Unsicherheit oder des Schweigens stehen.
Sterbehilfe und Fürsorge gehören zusammen
In der öffentlichen Debatte wird Sterbehilfe oft als Gegensatz zur Fürsorge dargestellt. Diese Trennung greift zu kurz. Wer Selbstbestimmung ernst nimmt, muss zugleich sicherstellen, dass Entscheidungen nicht aus Einsamkeit, Überforderung oder fehlender Unterstützung heraus getroffen werden.
Gerade in der Palliativversorgung zeigt sich, dass Todeswünsche sich verändern können, wenn Symptome gelindert und Menschen ganzheitlich begleitet werden.
Auch bei hochaltrigen Menschen ohne lebensbegrenzende Erkrankung stehen häufig soziale Notlagen im Vordergrund - aber auch eine Lebenssattheit kann und darf da sein. Auch hier ist Ambivalenz allgegenwärtig – und verlangt nach Antworten, die über das Angebot der Fürsorge, der Pflege oder eines begleiteten Todes hinausgehen.
Aber es muss auch immer gelten niemand darf zu einem Leben, zu einer Versorgung oder Therapie gezwungen werden - es muss die Wahl möglich sein dem eigenen Leiden ein Enddatum geben zu dürfen und zu können.
Netzwerke statt Vereinzelung
Eine würdevolle Praxis der Freitodbegleitung kann nicht auf Einzelentscheidungen oder isolierte Akteure reduziert werden. Sie braucht verlässliche Netzwerke, in denen medizinische, pflegerische, psychologische, soziale und seelsorgliche Perspektiven zusammenwirken. Solche Strukturen schaffen Raum für Gespräche, für das Prüfen von Alternativen und für Entscheidungsprozesse, die nicht beschleunigt, sondern vertieft werden.
Gerade unterschiedliche fachliche und persönliche Haltungen sind dabei kein Hindernis, sondern eine Voraussetzung für Qualität. Sie helfen, einseitige Sichtweisen zu vermeiden und Ambivalenz nicht als Störung, sondern als Signal ernst zu nehmen.
Solche verlässlichen, menschlichen, fachkundigen, ergebnissoffene Netzwerke finden Betroffene aktuell zumeist nur bei den Sterbehilfevereine, ich warte auf Initiativen durch Ärzteschaft oder anderen Netzwerken.
Siehe auch den Artikel:
Wo findet man Sterbehilfe in Deutschland?
Aspekte (rechtlich / ethisch) für eine verantwortungsvolle Freitodbegleitung
Eine Aufgabe für Gesellschaft und Politik
Eine gute Gesellschaft muss Räume schaffen, in denen Menschen über ihr Lebensende sprechen können – ohne Tabu, ohne Druck, ohne moralische Vorverurteilung. Dazu braucht es politische und rechtliche Rahmenbedingungen, die Freiheit ermöglichen und zugleich schützen: Freiheit, innere Spannungen wahrzunehmen; Freiheit, Zweifel auszusprechen; Freiheit, Entscheidungen zu überdenken oder zu verändern.
Eine würdeorientierte Sterbehilfe muss möglich sein. Sie setzt voraus, dass sterbewillige Menschen ernst genommen werden – in ihrer Autonomie ebenso wie in ihrer Verletzlichkeit. Gleichzeitig braucht es eine gesellschaftliche Haltung, die selbstbestimmte, wohlüberlegte Sterbewünsche aushalten kann, ohne sie zu beschleunigen oder zu instrumentalisieren.
Sterbehilfe ist kein Zeichen des Scheiterns einer Gesellschaft.
Aber der Umgang mit ihr zeigt, wie ernst es eine Gesellschaft mit Würde, Beziehung und Verantwortung meint – bis zuletzt.
Weitere Informationen
Ich habe den Blog nach dem Freitod meiner Frau begonnen und im Lauf der Zeit viele Fragen bekommen die ich unter dem Label / Tagging Q&A gesammelt habe.
Hier finden sich die Sammlung und Antworten auf mehr als der 15 meistgestellten Fragen zu Sterbehilfe, Freitod und Selbstbestimmung
Informationen an die Blaulicht-Familie / Blaulichtorganisationen
Unvermittelt mit einer Situation konfrontiert zu sein, in der nicht eingegriffen werden soll, obwohl alles im eigenen beruflichen Selbstverständnis auf Hilfe ausgerichtet ist, kann verunsichern und nachwirken.

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