Ethik im Ausnahmezustand der Wiederbelebung – Mut, Würde, Haltung: Was Reanimation von uns verlangt

https://www.grc-org.de/files/Contentpages/document/8_Grafik_3Schritte.pdf
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Anlässlich des Red Cross Month  im März der vor allem in den Vereinigten Staaten begangen wird – der vor allem der Würdigung von Ehrenamtlichen und der Förderung von Blutspenden, Katastrophenhilfe und Erste-Hilfe-Ausbildung dient aber auch der Erinnerung wie wichtig Reanimations ist – schreibe ich diesen Artikel mit einem Blick auf Mentale Aspekt und Ethik.

Ich habe in meinem Leben viele Herzen schlagen sehen. Und ich habe erlebt, wie manche wieder zu schlagen begannen. Aber ich habe auch neben Menschen gekniet, bei denen es still blieb. Ich erinnere mich an Wohnzimmer mit Familienfotos an der Wand, an enge Flure, an kalte Asphaltstraßen im Regen. Ich erinnere mich an Hände, die meine Jacke oder unsere Rettungsdienstkoffer festhielten, während wir um Sekunden kämpften.

Ich arbeitete  als Rettungssanitäter und als Sanitätssoldat - und nun im Alter, noch etwas Motorradstaffel und Sanitätsdienst - und engagiere mich für Mentale Gesundheit, was für die Blaulichtkolleg*innen und Betroffenen heißt auch im Bereich der PSNV. Ich habe viel gesehen – Dinge, die man nicht vergisst. Blut. Tränen. Hoffnung, die sich verzweifelt ral oder mit den Blicken an einen Monitor klammerten. Und diese unfassbare Stille, wenn klar wird, dass sich nichts mehr tut.

Mit der Zeit habe ich verstanden: Reanimation ist nicht nur Herzdruckmassage. Sie ist nicht nur ein AED, kein Algorithmus, kein Schema, das man sauber abarbeitet. Natürlich brauchen wir all das. Es rettet Leben. Aber wer nur auf den Brustkorb schaut, verpasst den Menschen. Wer nur auf den Monitor starrt, übersieht die Würde.
Denn selbst wenn das Herz steht, ist da noch immer ein Mensch. Mit einer Geschichte. Mit Beziehungen. Mit jemandem, der ihn liebt.
Als Sanitäter – früher Rettungsanitäter und als Sanitätssoldat – habe ich viel Scheiße gesehen. Aber gerade deshalb weiß ich: Die Würde des Menschen endet nicht mit dem Kreislaufstillstand.

Ethische Überlegungen vor, während und nach der Reanimation sind kein Beiwerk, sondern Fundament unseres Handelns.
Der Deutsche Rat für Wiederbelebung (German Resuscitation Council; GRC) beschreibt in seinen Leitlinien klar, dass wir ethisches Verhalten im Rahmen einer Reanimation bewusst machen und leben sollten / müssen. In meinen Augen, geht es nicht nur um Leitlinien für Algorithmen – es geht um Haltung – und ich bin dankbar, dass ich dies nicht alleine so sehe.

Die Anwesenden / Umstehenden bei einem Notfall etwa tragen oft eine enorme Last. 
Die Anleitungen durch Rettungsleitstelle bzw. der Disponent die den Anrufer Schritt für Schritt zur Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) anleitet, bis der Rettungsdienst eintrifft, ist so wertvoll.
Anwesenden / Umstehenden müssen zur CPR, Cardiopulmonary Resuscitation, Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) oder kardiopulmonale Reanimation. ermutigen, ohne sie unter Druck zu setzen.
Wir müssen klarstellen, dass Helfende rechtlich geschützt sind, und ja auch das kostet wieder 1-2 Sekunden Zeit. Aber Zivilcourage darf nicht durch Angst gelähmt werden.


Wichtig zu wissen

Ein Laie, der in guter Absicht eine Reanimation versucht, ist praktisch nicht verklagbar, solange er nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig handelt. Bei einer Reanimation dürfen sogar Rippen brechen, wenn es im Rahmen der Wiederbelebung passiert – ist es rechtlich kein Problem und passiert mit zunehmenden Alter des/der Patient*in. Rechtlich ist es sogar gefährlicher, nicht zu helfen. Pflicht zur Hilfeleistung (§ 323c StGB) Jeder ist verpflichtet, in einer Notlage im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfe zu leisten. Wer nicht hilft, obwohl es zumutbar wäre, macht sich strafbar (unterlassene Hilfeleistung).


Aber zur Ethik im Ausnahmezustand der Wiederbelebung

Ethische Fragen begegnen uns nicht im sterilen Raum, nicht im Seminarraum, sondern zwischen Sofa und Esstisch, im Büro, in der Werkstatt oder auf der Baustelle, auf der Straße - oder gar auf dem Spielplatz. Die Situation ist plötzlich da - steht einem Menschen plötzlich mitten im Raum gegenüber, wenn Angehörige / Passanten die Helfenden, ob erfahrende Helfer oder auch und noch viel mehr Laienhelfer, da diese Menschen anschauen und in ihren Blicken gleichzeitig Hoffnung und Angst liegen.
Dann ist ein ethisches Handeln bei einer Reanimation kein Zusatz ist, sondern Grundlage. Für mich ist das keine abstrakte Empfehlung. Es ist Alltag. Es ist Haltung.

Viele meiner Leser sind keine Blaulichtkolleg*innen. Vielleicht hast du noch nie eine Reanimation gesehen. Vielleicht hoffst du, es nie zu müssen. Und doch kann der Moment kommen, in dem du der oder die Einzige bist, die helfen kann  -auch wenn der letzte EH Erste Hilfe Kurs lange - sehr lange zurückliegt.
Hier und jetzt zählt nicht Perfektion. Dann zählt Mut. Dann zählt, dass du beginnst zu drücken. Niemand erwartet fehlerfreie HLW von dir. Aber jemand braucht deine Hände.
Und du bist rechtlich geschützt – das ist wichtig zu wissen. Zivilcourage darf nicht an Angst scheitern.



https://www.grc-org.de/files/Contentpages/document/1_Ueberlebenskette.pdf

https://www.grc-org.de/files/Contentpages/document/1_Ueberlebenskette.pdf

  
Gleichzeitig habe ich gelernt, wie schwer es ist, Entscheidungen zu treffen, wenn niemand weiß, was der Mensch gewollt hätte. „Was hätte er gewollt?“ ist einer der häufigsten Sätze, die ich höre. Und oft folgt darauf Schweigen. Dieses Schweigen wiegt schwerer als jede Ausrüstung, die wir tragen.

Vorsorge

Vorausschauende Versorgungsplanung klingt nach Bürokratie, aber eigentlich ist es ein Akt der Fürsorge. Eine Patientenverfügung ist kein Formular für die Schublade. Sie ist eine Stimme für den Moment, in dem man selbst nicht mehr sprechen kann. Deshalb spreche ich darüber – im Privaten, im Kollegenkreis, auch in meinem beruflichen Umfeld, wenn es passt. Nicht belehrend. Sondern ehrlich. Mit meiner Familie. Mit Freunden. Mit Menschen, die im Ernstfall entscheiden müssten. Die wichtigste Frage ist nicht, was medizinisch machbar ist. Sondern was für mich persönlich lebenswert bedeutet.
Hier zu einem früheren Artikel zu dem Thema - Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht.

In der Situation

Wenn wir reanimieren, zerbricht für andere oft gerade eine Welt. Ich habe Angehörige erlebt, die dabeibleiben wollten. Und ich finde, wenn sie es wünschen, sollten sie diese Möglichkeit bekommen – begleitet, erklärt, aufgefangen.
Denn während wir medizinisch handeln, nehmen sie Abschied oder klammern sich an Hoffnung. Beides verdient Respekt.

Und wenn wir irgendwann sagen müssen: „Wir beenden die Reanimation“, dann ist das kein technischer Satz. Es ist ein Moment, der sich einprägt. Natürlich spielen Prognose, Kontext und der mutmaßliche Wille des Patienten eine Rolle. Manchmal auch die Frage nach Organspende – der Gedanke, dass aus einem Ende neues Leben entstehen kann. Aber über allem steht die Würde. Jede Entscheidung muss getragen sein von Transparenz, Verantwortung und Menschlichkeit.

Ich habe gelernt, dass Reanimation mehr ist als Leben retten. Manchmal bedeutet sie auch, Sterben zu begleiten. Sie bedeutet, einen Menschen nicht auf seinen Kreislauf zu reduzieren. Technik kann ein Herz wieder zum Schlagen bringen. Aber nur unsere Haltung entscheidet, ob wir dem Menschen gerecht werden.

Und genau darum geht es mir.



Deutsche Rat für Wiederbelebung
(German Resuscitation Council; GRC) 

Alle Folien des GRC finden Sie / Ihr hier: Leitlinien des GRC

Die Folie die ich nachfolgend zeige findet sich hier: 35_EthischeUberlegungen.pdf 



Ethische Überlegungen vor, während und nach der Reanimation

Im Zentrum sollte das Ethisches Verhalten im Rahmen einer Reanimation klar dastehen.

1. Notfallzeugen 

  • Ermutigen Sie Notfallzeugen zur CPR ohne übermäßigen Druck auszuüben 
  • Stellen Sie den Rechtsschutz von Notfallzeugen klar

2. Vorausschauende Versorgungsplanung 

  • Basierend auf den Werten und Präferenzen des Patienten 
  • Frühzeitiger Dialog 
 mit dem Patienten 
 und seiner Familie 
  • Zugänglichkeit von Patientenverfügunge 

3. Beteiligung 
 der Familie

  • Geben Sie Familien die Möglichkeit, dabei zu sein 
  • Stellen Sie ein geschultes Teammitglied zur Unterstützung der
 Familie frei

4. Beendigung der Reanimation und Organspende

  • Berücksichtigen Sie bei der Beendigung der CPR den Kontext, die Präferenzen des Patienten und alle prognostischen Faktoren 
  • Sorgen Sie für Strategien zur Organspende, um die Verfügbarkeit von Organen zu verbessern
  • Passen Sie die Beendigung der Reanimation an, wenn Sie eine Spende nach Kreislaufstillstand planen





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