Was geschieht mit dem Menschen, wenn Sinn verloren geht?

Ende Mai 2026 gab Sting dem Guardian anlässlich der Rückkehr seines Musicals *The Last Ship* ins Londoner West End ein bemerkenswertes Interview. Darin sprach er nicht nur über Musik und Theater, sondern auch über den Verlust industrieller Arbeitswelten, den Wandel von Gemeinschaften und die Frage, welche Folgen es für Menschen und Gesellschaften hat, wenn traditionelle Formen von Arbeit verschwinden. Einige seiner Gedanken haben mich weit über das eigentliche Thema des Interviews hinaus beschäftigt. Sie berühren Fragen nach Sinn, Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt – Themen, die eng mit unserem psychischen Wohlbefinden verbunden sind.

Deshalb möchte ich in diesem Beitrag einige der Gedanken aufgreifen, die Stings Aussagen bei mir ausgelöst haben.
Auf meinem UX-Blog habe ich das Interview zum Anlass genommen, über Design, die Mensch-Technologie-Beziehung und die wachsende Rolle von künstlicher Intelligenz in kreativen Prozessen nachzudenken , aber hier geht es mir weit stärker um die Mentalen Aspekte.

„It’s a rare thing for modern men to actually use their hands and use their strengths to do anything. We’ve lost something there.“
Sting, Gordon Matthew Thomas Sumner, Mai 2026

„I don’t have any answers, but maybe the toxicity in society at the moment is a result of the fact that we’ve lost that direction for our energy.“
Sting, Gordon Matthew Thomas Sumner, Mai 2026

Als ich diese Aussagen von Sting las, kamen mir zunächst an Werften, Fabriken und handwerkliche Berufe in den Sinn und in den Kopf. An Arbeitswelten, die über Generationen hinweg nicht nur Einkommen sicherten, sondern auch Identität stifteten. Orte, an denen Menschen gemeinsam etwas erschufen und am Ende des Tages sehen konnten, was ihre Arbeit hervorgebracht hatte. 
Als Architekt und Stadtplaner natürlich auch an die ersten Ideen in England und Schottland in denen humane Arbeitersiedlungen und gesündere Häuser gebaut wurden.
Sting sprach über den Niedergang solcher Arbeitswelten. Doch je länger ich über seine Worte nachdachte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass sie auf eine viel größere gesellschaftliche Entwicklung verweisen.

Denn vielleicht haben wir in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur bestimmte Berufe verloren. Vielleicht haben wir auch einen Teil dessen verloren, was vielen Menschen Orientierung, Zugehörigkeit und Sinn gegeben hat.
Arbeit ist nun einmal weit mehr als eine wirtschaftliche Tätigkeit. Für viele Menschen, die meisten Menschen, beantwortet sie grundlegende Fragen: Wer bin ich? Wofür werde ich gebraucht? Wo gehöre ich dazu? Was hinterlasse ich?
Wenn diese Antworten unsicher werden, betrifft das nicht nur den Arbeitsmarkt. Es betrifft unser Selbstverständnis.

Gleichzeitig erleben wir eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Technologische Entwicklungen beschleunigen sich. Künstliche Intelligenz verändert Berufe und Arbeitsweisen. Gesellschaftliche Debatten werden schärfer.
Viele Menschen haben das Gefühl, dass sich die Welt schneller verändert, als sie Schritt halten können.
Dabei geht es nicht nur um die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Oft geht es um etwas Tieferes: die Sorge, die eigene Rolle in einer sich wandelnden Welt zu verlieren.
Der Psychologe Viktor Frankl schrieb einst, dass Menschen nicht in erster Linie nach Glück streben, sondern nach Sinn. ( Viktor Frankl: Man’s Search for Meaning, deutsch: „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, erstmals 1946 veröffentlicht)
Sinn entsteht häufig dort, wo wir erleben, dass unser Handeln Bedeutung hat. Wo wir etwas beitragen. Wo wir Verantwortung übernehmen. Wo wir Teil von etwas Größerem sind.

Genau deshalb finde ich Stings Beobachtung so interessant.
... Vielleicht geht es nicht wirklich um Handarbeit.
... Vielleicht geht es um Selbstwirksamkeit.

... Um das Gefühl, mit den eigenen Fähigkeiten etwas bewirken zu können.
... Um die Erfahrung, gebraucht zu werden.
... Um die Verbindung zwischen dem, was wir tun, und dem, wer wir sind.

Diese Fragen werden durch künstliche Intelligenz nicht kleiner, sondern größer. Denn erstmals erleben wir Werkzeuge, die nicht nur körperliche Arbeit unterstützen, sondern zunehmend auch Aufgaben übernehmen, die lange als Ausdruck menschlicher Kreativität und Intelligenz galten.
... Texte werden geschrieben.
... Bilder werden erzeugt.
... Analysen erstellt.
... Ideen entwickelt.
Vieles davon beeindruckend schnell und oft erstaunlich gut. Doch unabhängig davon, wie leistungsfähig diese Systeme werden, oder gerade deshalb, bleibt eine andere Frage bestehen:
Welche Rolle möchten wir Menschen in dieser Entwicklung spielen?

Denn mentale Gesundheit entsteht nicht allein durch Komfort und Effizienz. Sie entsteht auch durch das Erleben von Bedeutung, durch soziale Beziehungen und durch die Erfahrung, etwas aus eigener Kraft gestalten zu können.

Vielleicht liegt die Herausforderung der kommenden Jahre deshalb nicht nur darin, neue Technologien zu entwickeln.
Vielleicht liegt sie ebenso darin, Räume zu schaffen, in denen Menschen weiterhin Sinn, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit erfahren können.


In seinem Musical The Last Ship stellt Sting eine Frage, die weit über die Welt der Schiffbauer hinausreicht:

„For what are we men without a ship to complete?“

Natürlich geht es in diesem Zusammenhang um Werftarbeiter. Doch die Frage berührt etwas viel viel Größeres, etwas  Universelles.

Was geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr haben, an dem wir gemeinsam bauen?
Was geschieht mit uns, wenn wir den Bezug zu dem verlieren, was wir erschaffen?

Und was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn immer mehr Menschen nicht mehr wissen, wo ihr Platz ist?

Ich kenne die Antworten nicht. Es macht mich nachdenklich. Aber ich glaube, dass diese Fragen für unsere mentale Gesundheit ebenso wichtig sind wie jede Diskussion über Technologie, Wirtschaft oder Politik. Vielleicht sogar wichtiger.




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