Fünf Jahre Sommersonnenwende

Fünf Jahre Sommersonnenwende. Heute vor fünf Jahren wurde meine Frau beigesetzt. Der 21. Juni '21 war kein zufälliges Datum. Sie hatte sich die Sommersonnenwende gewünscht. Den längsten Tag des Jahres. Das Licht.

Fünf Jahre sind vergangen. Vieles hat sich verändert. Das Leben ist weitergegangen, wie das Leben es immer tut. Und doch gibt es Tage wie diesen, an denen die Zeit für einen Moment anders fließt.

Trauer ist seltsam - Trauer ist normal.
Trauer verschwindet nicht einfach. Sie wird nicht irgendwann abgeschlossen, nicht abgelegt wie ein Buch, das man zu Ende gelesen hat. Sie verändert ihre Form.
Aus den großen Wellen werden kleine (vielleicht deshalb sitze ich gerne Sonntagmorgens am Rhein und schau den Wellen zu). Aus dem Schmerz, aus der ‚dunklen Wolke‘ werden einzelne Momente, werden Schwaden.
Ein Lied. Ein Geruch. Ein Gedanke. Ein Datum im Kalender.
Auch nach fünf Jahren gibt es diese kleinen Stücke von Trauer noch. Und das ist in Ordnung.

Denn Trauer ist nichts anderes als die andere Seite der Liebe. Wenn wir einen Menschen tief geliebt haben, bleibt immer etwas von dieser Trauer zurück. Nicht weil wir festhalten, sondern weil die Liebe geblieben ist.
Heute Abend werde ich wieder in den Friedwald fahren.
Zu dem Baum, an dem ihre Urne beigesetzt wurde.
Und wahrscheinlich werde ich wieder auf die Glühwürmchen warten, sowie auch schon die letzten Abende seit ihrem Sterbedatum.

Meine Frau sagte damals zu mir, halb ernst und halb mit ihrem typischen Lächeln, dass mich rund um ihren Todestag und ihre Beisetzung immer Glühwürmchen begleiten würden, wenn ich sie besuchen komme. Seit fünf Jahren tun sie genau das.
Jedes Jahr aufs Neue erscheinen sie zwischen den Bäumen, als würden sie das Dunkel für einen Augenblick vergessen lassen. Natürlich weiß ich, dass sie einfach Glühwürmchen sind. Und trotzdem denke ich jedes Mal an sie.
An ihr Lächeln. An ihren Humor. An ihre Stärke. An die vielen Jahre, die wir miteinander teilen durften.

Und vielleicht ist genau das ihre eigentliche Botschaft. Nicht die Glühwürmchen selbst. Sondern die Erinnerung daran, dass Liebe bleibt.
Manchmal frage ich mich, ob es den Ort gibt, über den wir früher gesprochen haben. Diese kleine Blockhütte irgendwo auf einer großen Wiese an einem Fluß. Umgeben von ihren Pferden, von unseren Pferden, die vor uns gegangen sind, und umgeben von all den Schlittenhunden, die mich durch mein Leben begleitet haben.
Ein Ort ohne Krankheit, ohne Zeit und ohne Abschiede. Ich weiß nicht, ob es ihn wirklich gibt. Aber ich weiß, dass der Gedanke daran mir Frieden schenkt. Und vielleicht reicht das.

Heute, fünf Jahre nach ihrer Beisetzung, spüre ich beides - Die Trauer, die noch immer in kleinen Stücken da ist. Und die Dankbarkeit für alles, was war.

Wenn heute Abend die ersten Glühwürmchen zwischen den Bäumen aufleuchten, werde ich wieder an sie denken. Nicht nur an ihr Sterben. Nicht an die Krankheit. Sondern an ihr, unser Leben - das Leben.
Und an die Liebe, die selbst fünf Jahre später noch hell genug ist, um ihren Weg durch die Dunkelheit zu finden.


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