PTBS Awareness Month – Warum dieser Monat so wichtig ist

Es gibt Momente in einem Einsatz, die bleiben. Manchmal ein Geräusch. Manchmal ein Geruch. Manchmal ein Gesicht. Tage, Wochen, Jahre später kann ein einziger Reiz genügen, um einen Menschen zurück an einen Ort zu bringen, den er eigentlich längst hinter sich gelassen hatte.
Genau hier beginnt das Thema, über das wir im Juni sprechen sollten:
Posttraumatische Belastungsstörung – kurz PTBS.
Aber um es gleich zum Start zu sagen NICHT NUR IM JUNI, dieser Monat und diese Tage sollen nur die Achtsamkeit für das Thema die BEachtung schärfen, zuhören und da sein müssen wir das ganze jahr, für uns, für unsere Lieben und unser Umfeld im Privaten wie im Job.

Der Juni steht weltweit im Zeichen der Aufklärung über diese Erkrankung – PTBS.
Der PTBS Awareness Month soll Sichtbarkeit für eine Diagnose schaffen, die Millionen Menschen betrifft und dennoch häufig missverstanden, übersehen oder sogar stigmatisiert wird.

Psychische Verletzungen sind nicht sichtbar wie ein gebrochener Arm oder eine Operationsnarbe. Aber um so spürbarer und heftiger können sie das Leben eines Menschen nachhaltig verändern. Genau deshalb ist Aufklärung so wichtig – denn Verständnis ist oft der erste Schritt zu Hilfe, Unterstützung und Heilung.

Für mich persönlich hat dieses Thema eine besondere Bedeutung. Seit vielen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich und beruflich im Bereich der psychischen Gesundheit, der Trauerbegleitung sowie der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV). Dabei unterscheidet man drei Bereichen:
PSNV-B – für Betroffene nach belastenden Ereignissen
PSNV-E – für Einsatzkräfte aus Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei und anderen Blaulichtorganisationen
PSNV-U – für Unternehmen und deren Mitarbeitende nach belastenden Vorfällen im beruflichen Umfeld

Meine ersten Berührungspunkte mit Krisenintervention und psychischer Belastung liegen viele Jahre zurück. Bereits als 19-jähriger Sanitätssoldat in Heidelberg konnte ich erste Erfahrungen sammeln – damals noch im Rahmen der Allied Mobile Force (AMF) der NATO und in Zusammenarbeit mit Angehörigen der US Army. Dort begann mein Verständnis dafür, wie tief belastende Ereignisse Menschen prägen können.


Ein kurzer Blick auf die Geschichte der PTBS

Traumafolgestörungen sind keineswegs ein modernes Phänomen. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg wurden ähnliche Symptome bei Soldaten beschrieben. Damals sprach man unter anderem von „Kriegsneurose" oder „Shell Shock". Lange Zeit fehlte jedoch ein wissenschaftliches Verständnis für die tatsächlichen Ursachen und Folgen solcher Belastungen.

Einen entscheidenden Beitrag zur Anerkennung der PTBS leisteten die Erfahrungen von Veteranen des Vietnamkrieges. Die psychischen Folgen ihrer Einsätze machten deutlich, dass traumatische Erlebnisse auch viele Jahre nach dem eigentlichen Ereignis schwerwiegende Auswirkungen haben können. Die Forschungsergebnisse dieser Zeit führten schließlich dazu, dass die Posttraumatische Belastungsstörung 1980 offiziell als eigenständige Diagnose anerkannt wurde.


Eine normale Reaktion auf ein nicht normales Ereignis

Wer ein schwer belastendes Ereignis erlebt, reagiert häufig mit Angst, Traurigkeit, Schlafstörungen, Unruhe, Schock oder Konzentrationsproblemen.
Dabei ist eine Erkenntnis zentral, die in der Krisenintervention seit vielen Jahren vermittelt wird:
Eine Akute Belastungsreaktion (ABR) ist eine normale Reaktion auf ein nicht normales Ereignis.

Nach schweren Unfällen, dem plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen, Gewalterfahrungen, Katastrophen oder anderen außergewöhnlichen Ereignissen sind solche Reaktionen zunächst völlig verständlich und menschlich. Sie zeigen, dass Körper und Psyche versuchen, ein belastendes Erlebnis zu verarbeiten. In vielen Fällen klingen diese Symptome nach einiger Zeit wieder ab.


Wenn die Belastung bleibt

Manchmal gelingt diese Verarbeitung jedoch nicht ausreichend. Die Erinnerungen bleiben präsent, lebendig, die Belastung nimmt nicht ab oder verstärkt sich sogar. Dann kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.
Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Wiederkehrende belastende Erinnerungen – ungewollt und oft im Alltag auftretend
  • Flashbacks – das plötzliche, intensive Wiedererleben des Ereignisses
  • Albträume – häufig mit direktem Bezug zum Trauma
  • Vermeidungsverhalten – Orte, Menschen oder Gespräche werden gemieden
  • Schlafstörungen
  • Anhaltende innere Anspannung
  • Konzentrationsprobleme
  • Emotionale Taubheit oder Rückzug

Auslöser für eine PTBS können beispielsweise sein:

  • Schwere Verkehrsunfälle
  • Naturkatastrophen
  • Kriegserlebnisse / Terroranschläge
  • Körperliche oder sexuelle Gewalt
  • Schwere medizinische Notfälle
  • Der plötzliche Verlust nahestehender Menschen
  • Belastende Einsätze bei Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei oder Militär
  • Das wiederholte Erleben von Tod und schwerem menschlichem Leid


PTBS und Komplexe PTBS (kPTBS) 

Neben der klassischen PTBS kennt die moderne Traumaforschung auch die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS, international auch CPTSD genannt. In meiner Army Zeit kam oft auch „C-PTSD" → „PTBS-C" zum Sprachgebrauch).
Während die klassische PTBS häufig nach einem einzelnen oder zeitlich begrenzten traumatischen Ereignis entsteht, entwickelt sich eine kPTBS meist durch langandauernde oder wiederholte Traumatisierungen.

  • Mögliche Ursachen sind beispielsweise:
  • Häusliche Gewalt
  • Emotionaler, körperlicher oder sexueller Missbrauch
  • Vernachlässigung in der Kindheit
  • Wiederholte Gewalterfahrungen in Beziehungen
  • Folter
  • Geiselhaft
  • Langandauernde Kriegserfahrungen

Zusätzlich zu den klassischen PTBS-Symptomen leiden Betroffene häufig unter tiefgreifenden Schwierigkeiten im Selbstwertgefühl, Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen und einer dauerhaft beeinträchtigten Emotionsregulation.
Die Folgen reichen oft weit über die eigentliche Traumatisierung hinaus und können das gesamte Leben beeinflussen.


Wenn Sätze verletzen, statt zu helfen

Trotz aller Fortschritte in Forschung und Therapie wird PTBS noch immer viel zu häufig missverstanden.Besonders bei Einsatzkräften von Rettungsdiensten, Feuerwehren, Polizei, Hilfsorganisationen, Leitstellen und anderen Blaulichtorganisationen begegnet man leider immer noch Aussagen wie:

„Dann musst du eben härter werden."

„Man darf sich das nicht so zu Herzen nehmen."

„Dafür braucht man ein dickeres Fell."

„Dann ist das vielleicht der falsche Beruf für dich."

Solche Aussagen verkennen die Realität. Traumafolgestörungen haben nichts mit mangelnder Belastbarkeit oder persönlicher Schwäche zu tun. Sie sind mögliche Folgen außergewöhnlicher Belastungen, denen Menschen in ihrem Leben ausgesetzt sein können.
Auch im Gesundheitswesen erleben Betroffene leider immer wieder, dass Traumafolgestörungen nicht erkannt, unterschätzt oder nicht ausreichend ernst genommen werden. Obwohl das Wissen über Trauma und seine Auswirkungen heute deutlich größer ist als noch vor wenigen Jahrzehnten, besteht weiterhin erheblicher Aufklärungsbedarf.


Der PTBS Awareness Month geht uns alle an

Der globale PTBS Awareness Month im Juni ist deshalb weit mehr als nur eine symbolische Aktion. Er schafft Sichtbarkeit für Menschen, deren Verletzungen oft unsichtbar bleiben. Er fördert Verständnis statt Vorurteile und macht deutlich, dass psychische Gesundheit denselben Stellenwert haben muss wie körperliche Gesundheit.
Er erinnert uns daran, dass hinter jeder Diagnose ein Mensch steht. Ein Mensch, der Unterstützung verdient. Ein Mensch, der Verständnis verdient. Und ein Mensch, dessen Erfahrungen ernst genommen werden müssen.
Gerade deshalb ist dieser Monat so wichtig – für Betroffene, für Angehörige, für Einsatzkräfte, für Unternehmen und letztlich für unsere gesamte Gesellschaft.

Wer über psychische Belastungen spricht, zeigt keine Schwäche.

Wer Hilfe sucht, zeigt Stärke.

Und wer zuhört, kann manchmal mehr bewirken, als er selbst ahnt.


Was du heute und immer tun kannst

Awareness, Achtsamkeit, ... für Einander da sein beginnt im Kleinen. Drei Dinge, die jede und jeder von uns tun kann:

  1. Zuhören, ohne zu bewerten. Wer von einem belastenden Erlebnis erzählt, sucht selten nach Lösungen – sondern nach Raum.
  2. Sätze hinterfragen. „Stell dich nicht so an" ist nie eine Hilfe. „Wie geht es dir wirklich?" oft schon.
  3. Wissen weitergeben. Sprich im Freundeskreis, im Kollegenkreis darüber, frag in deinem Unternehmen nach PSNV-Strukturen. Oder auch Teile diesen Artikel.

Manchmal beginnt Hilfe mit einem ehrlichen Satz an einen Menschen, dem man vertraut. Auch darum ist MHFA  Mental Health First Aid so wichtig.
Sichtbarkeit entsteht nicht durch einen Monat im Jahr. Sie entsteht dadurch, dass wir das ganze Jahr über hinschauen.


Anlaufstellen, wenn du oder jemand in deinem Umfeld Unterstützung braucht

In akuten Krisen wendet man sich bitte an den / die eigene/n Arzt*in, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notruf unter der Telefonnummer 112


Telefonseelsorge (kostenfrei, 24/7): 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222

SMan kann mit der Telefonseelsorge telefonieren, mailen, chatten oder in deren Beratung gehen.

Hilfe zur Selbsthilfe bietet die Telefonseelsorge  auch in deren  App KrisenKompass.


Info-Telefon Depression: 0800 / 33 44 5 33
Mo, Di, Do: 13:00 – 17:00 Uhr
Mi, Fr: 08:30 – 12:30 Uhr
Das Info-Telefon Depression ist kostenfrei.
Am bundesweiten Info-Telefon Depression erhalten Betroffene und Angehörige Informationen
... zur Erkrankung Depression
... zur Behandlung und
... zu Hilfsmöglichkeiten und Anlaufstellen vor Ort
 

Nummer gegen Kummer (für Kinder & Jugendliche): 116 111


Hilfe in Lebenskrisen bietet auch der Arbeitskreis Leben mit Schwerpunkt auf Suizidprävention - ich habe primär Kontakt zum AKL Freiburg der AKL ist vor allem in Baden-Württemberg stark vertreten.


Notfallseelsorge / PSNV: über die örtliche Leitstelle 112

DeGPT (Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie) – Verzeichnis qualifizierter Trauma-Therapeut*innen

Trauma-Ambulanzen und spezialisierte Beratungsstellen in deiner Region


Manchmal beginnt Hilfe nicht mit einer Hotline, sondern mit einem ehrlichen Satz an einen Menschen, dem man vertraut.
Auch darum ist MHFA  Mental Health First Aid so wichtig.
Sichtbarkeit entsteht nicht durch einen Monat im Jahr. Sie entsteht dadurch, dass wir das ganze Jahr über hinschauen.


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