Wenn das Helfen an seine Grenzen kommt
Solche Meldungen verschwinden oft schnell wieder aus den Nachrichten. Für viele sind sie kaum mehr als eine Randnotiz. Mich machen sie nachdenklich.
Nicht, weil außergewöhnliche Einsatzlagen etwas Neues wären. Sondern weil sie immer häufiger sichtbar machen, was viele Menschen im Gesundheitswesen schon lange erleben: Unsere Systeme funktionieren – aber oft nur noch, weil Menschen weit über das hinausgehen, was eigentlich dauerhaft leistbar ist.
Seit meinem 15. Lebensjahr engagiere ich mich im Ehrenamt. Vor rund vierzig Jahren war ich hauptamtlich als Rettungssanitäter tätig. Heute bin ich weiterhin als Sanitäter aktiv, fahre in der Motorradstaffel des ASB und begleite beim DRK Einsatzkräfte im Rahmen der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV-E und als Peer). Außerdem beschäftige ich mich seit vielen Jahren intensiv mit Mental Health / Mentaler Gesundheit.
In all diesen Jahrzehnten hat sich vieles verändert. Die Ausbildung ist professioneller geworden - Ich bin dankbar und habe großen Respekt vor den Kolleg*innen die nun Notfallsanitär*innen sind. Die Technik ist moderner. Die medizinischen Möglichkeiten sind heute beeindruckend.
Was sich nicht verändert hat, sind die Menschen. Und genau sie geraten zunehmend unter Druck.
Erst vor wenigen Tagen begleitete ich einen Kollegen nach einem belastenden Einsatz. Die hohen Temperaturen hatten ihm körperlich stark zugesetzt. Durch die enorme Arbeitsbelastung blieb ihm kaum Zeit, ausreichend zu trinken. Ausgerechnet er, der seine Patientinnen und Patienten immer wieder daran erinnert, bei dieser Hitze genug zu trinken, hatte selbst kaum auf sich achten können. Am späten Abend führten wir ein PSNV-E-Gespräch.
Wir sprachen über den Einsatz. Über die körperliche Erschöpfung. Vor allem aber darüber, was diese Stunden emotional mit ihm gemacht hatten. Ich hörte zu, gab ihm Raum, seine Gedanken zu sortieren und das Erlebte zu reflektieren.
Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie schmal der Grat manchmal ist.
Wer anderen hilft, vergisst erstaunlich oft, auf sich selbst zu achten.
Vielleicht gehört das ein Stück weit zum Helfen dazu. Wir richten unseren Blick zuerst auf die Menschen, die unsere Unterstützung brauchen. Das ist richtig. Aber manchmal müssen wir auch lernen, den Menschen neben uns wahrzunehmen. Und manchmal sogar uns selbst.
In der Psychosozialen Notfallversorgung erleben wir immer wieder, dass Menschen selten an einem einzelnen dramatischen Ereignis zerbrechen. Häufig ist es die Summe vieler kleiner Belastungen. Zu wenig Schlaf. Zu wenig Erholung. Zu viele Einsätze. Zu viele Schicksale. Und zu wenig Zeit, all das zu verarbeiten.
Psychische Gesundheit geht selten von heute auf morgen verloren. Sie nutzt sich langsam ab. Ach deshalb glaube ich, ist erkannt worden, dass Mental Health längst ein Thema des Bevölkerungsschutzes geworden ist. Nicht erst dann, wenn jemand zusammenbricht, sondern lange vorher. Psychosoziale Unterstützung ist kein Luxus und keine nette Ergänzung. Sie ist ein wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Hilfeleistungssystems.
Ich bin stolz darauf, seit über fünfundvierzig Jahren Teil dieses Ehrenamtes zu sein. Ich habe unzählige Menschen kennengelernt, die ihre Freizeit, ihre Wochenenden und manchmal sogar ihren Urlaub opfern, um anderen zu helfen. Dieses Engagement verdient unseren größten Respekt. Aber Ehrlichkeit gehört ebenfalls dazu.
Ehrenamt kann unterstützen. Es kann auffangen. Es kann außergewöhnliche Lagen mittragen.
Es darf jedoch nicht dauerhaft die Lösung für strukturelle Probleme sein.
Vielleicht sollten wir die aktuellen Hitzetage deshalb nicht nur als Wetterereignis betrachten. Sie sind auch ein Spiegel. Sie zeigen uns, wie belastbar unser Gesundheitswesen noch ist – und wo seine Grenzen liegen.
Ich wünsche mir, dass wir über die psychische Gesundheit von Einsatzkräften genauso selbstverständlich sprechen wie über neue Fahrzeuge oder moderne Medizintechnik. Denn am Ende retten nicht Fahrzeuge Leben.
Es sind Menschen – Und diese Menschen brauchen manchmal selbst jemanden, der ihnen zuhört.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis nach all den Jahren im Ehrenamt: Helfen beginnt nicht erst beim Patienten. Es beginnt dort, wo wir auf diejenigen achten, die Tag für Tag für andere da sind.
Zahlen für Karlsruhe kann man in diesem kurzen Video hören instagram des DRK Kreisverband Karlsruhe
In einem meiner nächsten Artikel möchte ich den Blick weiten. Denn all dies entsteht nicht nur durch engagierte Menschen. Sie braucht auch politische Entscheidungen, starke Strukturen und eine Gesellschaft, die erkennt, dass Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz weit mehr ist als Blaulicht und Sirenen.

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