Geplantes Lebensende – über zwei Wege, die sich ähneln

Es gibt Entscheidungen am Lebensende, die nicht plötzlich entstehen, sondern sich über Jahre entwickeln. Sie wachsen aus einer Krankheit heraus, aus Erfahrungen, aus dem schrittweisen Verlust körperlicher Freiheit – und aus der Frage, wann ein Leben für den betroffenen Menschen selbst nicht mehr als lebenswert empfunden wird.

Wenn ich die aktuelle MDR-Berichterstattung über eine Leipzigerin lese, die ihren Weg der Freitodbegleitung in der Schweiz gegangen ist, sehe ich darin Parallelen zu einer sehr persönlichen Geschichte: dem Weg meiner Frau. Auch meine Frau litt an Multipler Sklerose – in einer besonders aggressiven Form, der primär progredienten Multiplen Sklerose (PPMS). Diese Verlaufsform ist dadurch geprägt, dass sie nicht in Schüben verläuft, sondern kontinuierlich fortschreitet. Genau dieses unaufhaltsame Fortschreiten hat über Jahre hinweg ihre Lebensrealität verändert.
Der Gedanke an ein selbstbestimmtes Lebensende war dabei kein kurzfristiger Entschluss, sondern ein langer innerer Prozess. Bereits seit etwa 2011 hat sie sich mit der Möglichkeit eines Freitodes auseinandergesetzt, lange bevor sich die Krankheit in ihrer vollen Schwere gezeigt hat - Meine Frau sagte nach dem das unsägliche Gesetz des §217 StGB in Kraft gekommen ist: 'Ich will zu Hause sterben nicht inn die Schweiz reisen müssen'. 2021 ist sie diesen Weg schließlich gegangen – nach vielen Jahren des Abwägens, des Lebens mit der Erkrankung und der Auseinandersetzung mit den verbleibenden Möglichkeiten.

Was in der MDR-Geschichte deutlich wird, ist etwas, das sich in vielen Fällen wiederholt die ich begleite und kenne und die Studien, Erfahrungen und Zahlen der Sterbehilfefälle: Es sind nicht einzelne Momente, die zu dieser Entscheidung führen, sondern ein fortschreitender Verlust an Selbstständigkeit, körperlicher Kontrolle und Perspektive.

Im Fall der Leipzigerin wie auch im Fall meiner Frau spielte die Erkrankung eine zentrale Rolle. Beide Geschichten zeigen, wie stark der Wunsch nach Selbstbestimmung am Lebensende mit der eigenen Krankheitsgeschichte verbunden ist – und wie lange dieser Gedanke reifen kann.

Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 ist in Deutschland das Recht auf selbstbestimmtes Sterben grundsätzlich möglich. Gleichzeitig fehlt bis heute an einer klare Ausgestaltung und Leitlinie - weniger an einer gesetzliche Regelung (Wieso ich gegen die Gesetzentwürfe im Juli 2023 war). Dadurch entstehen unterschiedliche Wege der Freitodbegleitung – unter anderem über Organisationen wie Dignitas oder die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) in Deutschland und einem weitere Verein, aber auch gewerbliche Anbietern, womit ich ein persönliches, ethisches Problem habe (Wo findet man Sterbehilfe in Deutschland?). 

Gute Strukturen sind für viele Betroffene, aber auch für alle Helfende und auch Angehörige entscheidend, weil sie einen geregelten, begleiteten Rahmen für eine hochpersönliche Entscheidung schaffen. Gleichzeitig bleibt die Frage nach Zugang, Transparenz und ethischer Verantwortung ein zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Debatte.
Aus persönlicher Erfahrung zeigt sich dabei auch, wie unterschiedlich die Perspektive von außen und innen sein kann und auch Sprache und Wortwahl – man sollte Worte wie Suizid und Freitod kontextuell nicht falsch verwenden um ein Bedeutung, Verständnis und notwendige Hilfe und Prävention nicht zu vermischen. Während ein solcher Weg für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar ist, entsteht er für die Betroffenen selbst meist aus einer langen, bewussten und kontinuierlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Situation.

Gute Berichterstattungen wie durch den MDR und kürzlich dem Radio Bremen machen deutlich, dass diese Themen längst nicht nur Einzelfälle betreffen, sondern Teil einer größeren gesellschaftlichen Realität sind. Es geht um die Frage, wie wir mit schwerer Krankheit umgehen, welche Unterstützung wir am Lebensende bieten – und ob es gelingt, Menschen in extremen Situationen einen wirklich selbstbestimmten Rahmen zu ermöglichen. Pflege, Palliativ-Versorgung, Hospiz, etc.

Für mich bleibt dabei vor allem eine Erkenntnis: Solche Entscheidungen entstehen nicht aus einem Moment heraus. Sie entstehen über Jahre.
Und sie stehen immer im Spannungsfeld zwischen Krankheit, persönlichem Empfinden, medizinischer Realität und dem Wunsch nach einem Ende, das als selbstbestimmt und konsequent erlebt wird.




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