Sterben begleiten – Sterbehilfe, Sterbebegleitung, Palliativversorgung und Hospizarbeit
Oft werden die Begriffe Sterbehilfe, Sterbebegleitung, Palliativmedizin und Hospizarbeit miteinander vermischt, obwohl sie sehr unterschiedliche Dinge beschreiben. Vielleicht braucht es deshalb gar nicht immer eine große philosophische Diskussion, sondern zunächst einmal ein gemeinsames Verständnis davon, was was ist. Denn nur wenn wir die Begriffe kennen, können wir auch offen darüber sprechen, was wir für uns selbst wünschen. Und vielleicht kann genau das helfen, Angst zu nehmen und Selbstbestimmung zu ermöglichen.
1. Sterbehilfe und Freitodbegleitung
Sterbehilfe ist ein Begriff, der sehr unterschiedlich verwendet wird und deshalb immer wieder zu Missverständnissen führt. Gemeint sein können zum Beispiel medizinische Entscheidungen am Lebensende, der Verzicht auf oder das Beenden bestimmter lebensverlängernder Maßnahmen, aber auch die Begleitung eines Menschen bei einem selbstbestimmten Suizid. Gerade deshalb finde ich es wichtig, genauer hinzuschauen und nicht alles unter dem einen Wort „Sterbehilfe“ zusammenzufassen. Freitodbegleitung bedeutet dabei, einen Menschen bei einem von ihm selbst gewünschten Sterben zu begleiten, ohne den Tod selbst durch eine andere Person herbeizuführen. Es geht also um Selbstbestimmung, um eine eigene und bewusste Entscheidung und nicht darum, einem Menschen das Leben zu nehmen. Für mich ist dabei ein entscheidender Punkt, dass ein solcher Wunsch nicht vorschnell bewertet werden sollte, sondern ernst genommen, besprochen und auf seine Beweggründe hin angeschaut werden muss. Lebenssattheit, unerträgliche Krankheit, Leid, Verlust von Selbstständigkeit oder der Wunsch nach Kontrolle können sehr unterschiedliche Gründe sein. Gerade deshalb gehören für mich zu einer verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit Sterbehilfe immer auch Beratung, Begleitung, Zeit und ein ehrlicher Blick auf alle anderen Möglichkeiten.
2. Sterbebegleitung – Begleitung beim natürlichen Sterben
Sterbebegleitung bedeutet für mich zunächst einmal etwas sehr Einfaches: Da sein. Einen Menschen in seinen letzten Lebenswochen, Tagen, Stunden oder Minuten nicht alleine zu lassen und ihn in seinem natürlichen Sterbeprozess zu begleiten. Dabei geht es nicht darum, etwas „richtig“ zu machen oder den Tod aufzuhalten, sondern darum, Bedürfnisse wahrzunehmen, Sicherheit zu geben, Nähe auszuhalten und manchmal auch einfach gemeinsam zu schweigen. Angehörige können dabei eine ganz wichtige Rolle übernehmen, denn Sterbebegleitung ist nicht ausschließlich eine Aufgabe von professionellen Kräften. Viele Menschen haben allerdings Angst davor, etwas falsch zu machen – dabei braucht es oft viel weniger, als man denkt: Zeit, Ruhe, Aufmerksamkeit und Menschlichkeit. Eine wunderbare Möglichkeit, Sicherheit zu gewinnen, sind deshalb Letzte-Hilfe-Kurse, die von unterschiedlichen Trägern angeboten werden und Wissen rund um das Sterben vermitteln. Dort geht es zum Beispiel darum, was sich im Sterbeprozess verändert, wie man mit Schmerzen, Unruhe, Nahrung und Flüssigkeit umgehen kann und was einem sterbenden Menschen tatsächlich guttun kann. Und vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke: Sterbebegleitung bedeutet nicht, den Tod zu beherrschen, sondern einen Menschen beim Abschiednehmen nicht allein zu lassen.
3. Palliativmedizin und Palliativversorgung
Palliativmedizin richtet ihren Blick nicht darauf, eine schwere oder unheilbare Erkrankung um jeden Preis zu heilen, sondern auf die Lebensqualität des Menschen. Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Angst, Unruhe oder andere belastende Symptome sollen möglichst gut gelindert werden. Dabei geht es um weit mehr als Medikamente: Auch psychische, soziale und spirituelle Bedürfnisse können Bestandteil einer palliativen Versorgung sein. Palliativversorgung kann an sehr unterschiedlichen Orten stattfinden – zum Beispiel zu Hause durch ambulante palliative Dienste, in einer stationären Palliativeinheit im Krankenhaus, in spezialisierten Einrichtungen oder in enger Zusammenarbeit mit Hausärzten, Pflege und anderen Berufsgruppen. Das Ziel ist dabei nicht automatisch, dass ein Mensch unmittelbar stirbt. Palliative Versorgung kann Menschen auch über längere Zeit begleiten und wird längst nicht ausschließlich in den allerletzten Tagen des Lebens eingesetzt. Für mich ist deshalb wichtig, dass Palliativmedizin nicht als „Sterbemedizin“ missverstanden wird, sondern als eine Möglichkeit, trotz schwerer Erkrankung möglichst gut und möglichst selbstbestimmt zu leben. Sie kann helfen, dass Krankheit und Sterben nicht nur aus Angst, Schmerzen und medizinischen Maßnahmen bestehen. Und genau darin liegt eine große Chance: gute palliative Versorgung kann Lebenszeit nicht nur verlängern, sondern vor allem mit mehr Leben füllen.
4. Hospizarbeit und Hospizangebote
Hospizarbeit geht für mich noch einmal einen Schritt weiter, weil sie den Menschen und seine Angehörigen in ihrer gesamten Lebenssituation in den Mittelpunkt stellt. Hospize begleiten Menschen, die an einer fortgeschrittenen und nicht heilbaren Erkrankung leiden und bei denen nicht mehr die Heilung, sondern die Lebensqualität im Vordergrund steht. Das kann stationär in einem Hospiz geschehen, aber auch ambulant durch ambulante Hospizdienste, die Menschen zu Hause oder an anderen Orten begleiten. Dabei sind nicht nur medizinische Fragen wichtig, sondern auch Gespräche, Nähe, Ängste, Wünsche, Abschied, Familienbeziehungen und manchmal ganz einfache Dinge des Alltags. Ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen und Hospizbegleiter spielen dabei eine besondere Rolle und bringen etwas mit, das in unserem stark medizinisierten System manchmal zu kurz kommt: Zeit. Sie können da sein, zuhören, schweigen, erzählen, vorlesen, gemeinsam lachen oder einfach einen Menschen ein Stück begleiten. Hospizarbeit bedeutet für mich deshalb auch, den Tod wieder ein Stück in die Mitte des Lebens zu holen und ihn nicht ausschließlich als medizinisches Problem zu betrachten. Es geht um den Menschen – um seine Geschichte, seine Beziehungen, seine Wünsche und darum, wie er sein Leben bis zuletzt leben möchte.
Vier Begriffe – und doch ein gemeinsames Anliegen
Sterbehilfe, Sterbebegleitung, Palliativversorgung und Hospizarbeit sind also nicht dasselbe. Sie haben unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Voraussetzungen und unterschiedliche Formen der Begleitung. Und trotzdem verbindet sie etwas: der Mensch, der am Ende seines Lebens nicht auf seine Diagnose reduziert werden sollte. Für mich bedeutet Selbstbestimmung deshalb auch, die verschiedenen Möglichkeiten zu kennen und darüber sprechen zu können – ohne Angst, ohne Tabus und ohne vorschnelle moralische Bewertung. Vielleicht sollten wir viel früher damit anfangen, diese Fragen miteinander zu besprechen:
Wie möchte ich leben?
Wie möchte ich behandelt werden?
Was wünsche ich mir, wenn ich schwer krank werde?
Und wie möchte ich sterben?
Denn am Ende geht es bei all diesen Begriffen nicht nur um Medizin, Pflege oder Recht. Es geht um Würde, Freiheit, Nähe, Lebensqualität und um die Möglichkeit, auch am Lebensende noch Mensch zu bleiben.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Form der Begleitung: einen Menschen nicht nur beim Sterben zu sehen, sondern ihn bis zuletzt als den Menschen zu sehen, der er immer war.
Für die einzelnen Themen gerne die nachfolgenden Tagging nutzen.
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