Q&A - Mein Engagement für das Sterben in Würde

Ich habe ja mittlerweile die häufigsten und drängendsten Fragen beantwortet, wenn ich den Überblick nicht verloren habe. 😏
Häufig kam als Folgefrage oder als unterschwellige Frage die nach dem Antrieb und Engagement. 

Darauf könnte ich schlicht antworten:

„Ich engagiere mich für die Sterbehilfe bei Freitodwünschen, weil es mir um Menschlichkeit geht – darum, den Menschen zu sehen, den einzelnen Menschen zu verstehen. Erst daraus kann wirkliche Hilfe entstehen.“

Das beschreibt zwar den Kern meines Antriebs, aber eigentlich ist es nicht nur mein persönlicher Antrieb. Wenn ich andere Helfende richtig verstanden habe, ist genau das die Motivation der allermeisten Menschen, die bereit sind zu helfen.

Aber da ist noch mehr. Mir geht es auch darum, Ängste und Unwissen abzubauen – auf vielen gesellschaftlichen Ebenen.
Mein Engagement richtet sich an Betroffene, an die Gesellschaft, aber ebenso an Politikerinnen und Politiker, die aus unterschiedlichsten Motiven ein „Sterbegesetz“ formulieren wollen – oftmals mit dem Ziel, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts erneut einzuschränken oder zu unterminieren.

Wie mein Engagement konkret aussieht?
Ein großer Teil richtet sich an Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und den Rettungsdienst. Ein gutes Sterben sollte ärztlich begleitet werden, und auch Pflegepersonal sowie Einsatzkräfte sind unmittelbar mit diesem Thema konfrontiert.
Deshalb besuche ich seit einiger Zeit Bereitschaftsabende und Treffen unterschiedlichster Blaulichtorganisationen in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz – nicht nur im Rettungsdienst, sondern auch bei Polizei und Feuerwehr. Besonders intensiv suche ich den Austausch mit PSNV- und Seelsorgeteams, aber ebenso mit politischen Parteien, um über die aktuelle Situation, menschliche Beweggründe und die rechtlichen Rahmenbedingungen zu informieren.

Da ich zusätzlich als Mental Health First Aider, als Sanitäter und in der Suizidprävention tätig bin, werde ich häufig gefragt – manchmal direkt, manchmal unterschwellig –, wie jemand, der Leben retten will, gleichzeitig Menschen bei einem Freitod begleiten kann.
Für mich gehört beides untrennbar zusammen.
So wie das Leben mit einer Geburt beginnt, endet es auch mit Sterben und Tod. In unserer heutigen, industrialisierten Welt werden Leid und Tod jedoch oft verdrängt. Unsere Gesellschaft scheint zunehmend geprägt davon zu sein, nicht sehen zu wollen, was unbequem ist.

Wer – wie ich – auch nur wenige Monate in einem Kampfeinsatz war, Kameraden beim Sterben begleitet hat oder Menschen beim Sterbefasten über Tage und Wochen erlebt hat, der stellt sich irgendwann die Frage, ob Sterben nicht auch etwas Friedliches, Gnadenvolles oder sogar Schönes haben kann. Nicht unbedingt für einen selbst – aber vielleicht für andere.
Hinzu kommt für mich die wohl prägendste Erfahrung meines Lebens: Vor etwa fünf Jahren musste ich meine Frau ihren selbstbestimmten Freitod gehen lassen.
Es war ein Tag, den sie über elf Jahre hinweg geplant hatte. Gleichzeitig mussten wir die unsägliche Zeit des §217 StGB von 2015 bis 2020 durchstehen – eine Zeit, in der meine Frau gegen ihren Willen in die Schweiz hätte gehen müssen, wenn sie ihren Wunsch hätte umsetzen wollen. Das wollte sie nie.
Umso glücklicher war meine Frau nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020, ihren Abschied in Deutschland planen und durchführen zu können – zuhause, in ihrem geliebten Sessel, in ihrer vertrauten Umgebung und in Würde.
Frieden. Erlösung. Befreiung von Schmerzen, Angst und Leid.

Eine Freitodbegleitung hat nichts Brutales an sich – etwas, das bei Suiziden leider häufig anzutreffen ist. Als Rettungssanitäter habe ich in meiner ehrenamtlichen wie hauptamtlichen Zeit viele solcher Situationen erlebt.
Zu erleben, wie würdevoll, geborgen und harmonisch ein begleiteter Freitod verlaufen kann – manchmal sogar mit einem Moment Humor –, hat meinen Blick darauf geprägt.

Meine Frau sagte kurz bevor sie die Infusion öffnete: „Ich bin dann mal weg.“
Ein Satz aus, dem Buch , dem Reisebericht von Hape Kerkeling – einem Buch, das sie sehr liebte.
Und vielleicht muss man dazu wissen, dass wir viele Jahre lang einen Reiterhof in der Nähe des Jakobswegs besaßen. Das Buch, der Gedanke des Unterwegsseins und des Abschiednehmens hatten für uns deshalb immer auch eine sehr persönliche Bedeutung.


Für sterbewillige Menschen ist ein solcher Freitod oft stimmig, weil er über lange Zeit bedacht, abgewogen und bewusst entschieden wurde.
Menschlichkeit im Sterben
Freitode wirken auf mich deshalb oft so menschlich, weil die Menschen in aller Regel nicht in einer sterilen, technischen und fremden Klinikumgebung sterben – begleitet von unbekanntem Personal –, sondern in ihrem vertrauten Umfeld – im eigenen Bett, auf dem Sofa oder im Lieblingssessel, im Kreis ihrer Familie, ihrer Freunde und ihrer Liebsten.
Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang auch zu betonen, dass Sterbehilfevereine immer wieder berichten und belegen können, wie sehr allein die Gewissheit hilft, im Ernstfall Zugang zu Freitodhilfe zu haben – selbst dann, wenn diese Möglichkeit später nie genutzt wird.
Die Sicherheit, einen selbstbestimmten Ausweg zu haben, kann entlasten und innerlich frei machen. Das zeigt sich auch in den Zahlen: Zwischen den vielen Mitgliedern von Sterbehilfevereinen, den Menschen, die nach allen Prüfungen überhaupt eine Genehmigung erhalten, und den vergleichsweise wenigen, die eine Freitodbegleitung tatsächlich in Anspruch nehmen, liegen große Unterschiede.
Viele Menschen gewinnen durch diese Gewissheit neue Kraft zum Weiterleben, mehr Ruhe und oft auch mehr Zeit. Daten aus der Schweiz, Belgien, den Niederlanden oder dem US-Bundesstaat Oregon zeigen, dass schwerkranke Menschen zwar ein todbringendes Medikament erhalten können, dieses nach sorgfältiger Prüfung aber häufig niemals einnehmen – und erst viel später eines natürlichen Todes sterben.


Frühere Q&As

Dies ein weiterer Teil der Q&A Reihe und ich freue mich weiterhin über positiven aber auch konstruktiven Feedbacks und weitere Fragen.





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