Tipps für das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten (update zu 2023)
Durch den Kommentar einer Leserin wurde ich daran erinnert, dass ich bisher einen wichtigen Aspekt noch nicht aufgegriffen habe: Wie beginnt man überhaupt ein solches Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt? Wie spricht man das Thema an, ohne Missverständnisse entstehen zu lassen?
Das tat ich aber vor etwa 3 Jahren in einem eigenständigen Artikel (Tipps für das Gespräch mit Ärztinnen oder Ärzte) den ich heute ergänzen und durch drei Jahre Erfahrung anders schreiben würde und werde.
Gerade das erste Gespräch ist oft wichtiger, als viele denken. Es kann den Grundstein für eine vertrauensvolle ärztliche Begleitung legen – oder zeigen, dass diese Ärztin oder dieser Arzt nicht der richtige Ansprechpartner für dieses Thema ist. Wie so oft im Leben prägt der erste Eindruck den weiteren Verlauf eines Gesprächs. Deshalb sollte das erste Gespräch auch nicht mit der Erwartung geführt werden, sofort Unterstützung für eine spätere Sterbebegleitung zu erhalten.
Viel wichtiger ist zunächst herauszufinden, ob Ihr Gegenüber die heutige Rechtslage kennt, dem Thema grundsätzlich offen gegenübersteht und bereit ist, sich ohne Vorurteile oder falschem oder unvollständiger Verständnis, Grundverständnis mit Ihrem Anliegen auseinanderzusetzen.
Erst wenn diese Grundlage vorhanden ist, lohnt es sich, den nächsten Schritt zu tun, den eigentlichen Entscheidungsprozess und den eigenen Sterbewunsch zu besprechen und dann von Mal zu Mal ausführlicher. (hierzu dann auch gerne den früheren Artikel durchlesen der nun einmal auch schon auf 3 Jahre Erfahrung aufbaut).
Das erste Gespräch ist ein Kennenlernen
Viele Ärztinnen und Ärzte haben sich bislang nur wenig mit der rechtlichen Möglichkeit einer ärztlich begleiteten Sterbehilfe beschäftigt. Manche lehnen sie aus persönlichen Gründen ab, andere kennen die aktuelle Rechtslage nur unvollständig und wieder andere sind grundsätzlich offen, benötigen aber Zeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Deshalb würde ich im ersten Gespräch noch gar nicht um konkrete Unterstützung bitten. Versuchen Sie zunächst herauszufinden:
- Ist die Ärztin oder der Arzt über die heutige Rechtslage informiert?
- Wie ist die persönliche Haltung zum Thema?
- Ist grundsätzlich Gesprächsbereitschaft vorhanden?
- Besteht Interesse, sich mit Ihrer Situation auseinanderzusetzen?
Hören Sie dabei genauso aufmerksam zu, wie Sie selbst gehört werden möchten.
- Erst wenn Offenheit vorhanden ist, folgt das eigentliche Gespräch
- Erst wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass eine sachliche und respektvolle Gesprächsbasis besteht, würde ich um einen gesonderten Gesprächstermin bitten.
- Bitten Sie ausdrücklich um ausreichend Zeit. Ein Gespräch über die Freiverantwortlichkeit lässt sich nicht zwischen zwei Routineuntersuchungen führen.
- Zu Beginn sollte unmissverständlich deutlich werden, dass Sie keinen impulsiven oder akuten Suizid beabsichtigen.
- Erklären Sie, dass Sie sich über einen langen Zeitraum intensiv mit Ihrem Sterbewunsch auseinandergesetzt haben und sich eine wohlerwogene, selbstbestimmte und professionell begleitete Möglichkeit offenhalten möchten.
Die Wortwahl spielt hierbei mehr als eine durchaus wichtige Rolle. Zwischen einem akuten Suizid in einer Krise und einem über lange Zeit entwickelten freiverantwortlichen Sterbewunsch bestehen erhebliche Unterschiede. Missverständnisse lassen sich vermeiden, wenn Sie Ihre Beweggründe ruhig, nachvollziehbar und ohne Zeitdruck schildern.
Zeigen Sie Ihren Entscheidungsprozess
Versuchen Sie nicht, den Arzt von Ihrer Entscheidung zu überzeugen. Zeigen Sie stattdessen, wie Sie zu Ihrer Entscheidung gekommen sind. Dazu gehört beispielsweise,
- welche Alternativen Sie geprüft haben,
- welche Behandlungen Sie erwogen haben,
- mit wem Sie gesprochen haben, darumm auch gerne den Lebenspartner, Freundin mit zu dem Termin nehmen,
- welche Fragen noch offen sind,
- warum Ihr Wunsch über längere Zeit bestehen geblieben ist und sich gefestigt hat.
Fragen Sie Ihren Arzt ausdrücklich auch nach weiteren Alternativen. Nicht weil Sie verpflichtet wären, diese anzunehmen, sondern weil dies zeigt, dass Sie offen für eine sachliche Auseinandersetzung sind und Ihre Entscheidung informiert treffen möchten. Ich kann nur empfehlen dies im Nachgang, in seltenen Fällen im Gespräch dem / der Arzt*in schriftlich zu geben.
WICHTIG - Geben Sie Ihrem Arzt Zeit
Erwarten Sie keine Entscheidung im ersten Gespräch. Bedenken Sie auch Sie brauchten Zeit, Ihre Angehörigen brauchten Zeit. Für viele Ärztinnen und Ärzte, meist den meisten, ist dies ebenfalls ein außergewöhnliches Thema, das erste Mal. Geben Sie Ihrem Gegenüber Zeit, sich Gedanken zu machen, rechtliche Informationen einzuholen oder sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen.
Oft entwickelt sich das eigentliche Vertrauensverhältnis erst nach mehreren Gesprächen. Ich biete an und rate an eine/n Fachanwält*in auf Ihre Kosten dem Arzt für eine Beratungsstunde zu bezahlen, damit er/sie sich absichern kann. Ich empfehle die Anwälte die 2020 vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt und gewonnen habe immer an - aber auch andere Anwälte die sich wirklich mit dem Thema vertraut gemacht haben, werden helfen können.
Falls keine Unterstützung möglich ist
Nicht jede Ärztin und nicht jeder Arzt wird bereit sein, Sie auf diesem Weg zu begleiten. Es ist eine Gewissensentscheidung, eine höchst ggf die höchste ethische Entscheidung, helfen zu können, helfen zu wollen und helfen zu werden.
Bitten Sie in diesem Fall dennoch um Offenheit und fragen Sie, ob eine Kollegin oder ein Kollege bekannt ist, die oder der sich mit dem Thema bereits beschäftigt hat oder offen sein könnte. Ich hatte mehrfach den Fall, dass sich Ärzte an ehemalige Kommilitonen erinnerten die dann halfen oder auch wieder jemanden kannten. Manchmal führt nicht das erste Gespräch ans Ziel, sondern die Empfehlung zu einer anderen Ärztin oder einem anderen Arzt.
Sterbehilfe ist nicht verpflichtend, niemand kann verpflichtet werden.
Mein wichtigster Rat: Gehen Sie niemals in ein Arztgespräch mit dem Ziel, jemanden zu überzeugen.
Gehen Sie mit dem Ziel, verstanden zu werden.
Vertrauen, Verständnis, ein Wille Helfen zu wollen entsteht nicht durch gute Argumente, das eine richtig Wort oder die eine perfekte Formulierung, sondern dadurch, dass Ihr Entscheidungsprozess über längere Zeit nachvollziehbar ist, reflektiert wurde und diskutiert wurde und entschieden wurde und wie gesagt auch dokumentiert wird und wurde und ganz ganz wichtig von einem Selber kommt und von Herzen kommt. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
Schlusswort ...
Durch den Freitod meiner Frau vor inzwischen mehr als fünf Jahren und den gemeinsamen, über elf Jahre andauernden Entscheidungsprozess sowie durch die Begleitung und Beratung weiterer Menschen habe ich vieles gelernt. Dieses Wissen möchte ich weitergeben – nicht, weil es allgemeingültige Antworten gibt, sondern weil Erfahrungen anderen Orientierung geben können.
Meine Hoffnung ist, dass Menschen ihren Sterbewunsch nicht in Einsamkeit oder Verzweiflung bewältigen müssen, sondern die Möglichkeit erhalten, ihn offen, verantwortungsvoll und gut begleitet zu reflektieren. Paradoxerweise, oder ich würde auch sagen verständlicherweise, kann gerade die Gewissheit, im äußersten Fall selbstbestimmt gehen zu dürfen, für manche Menschen dazu beitragen, den Tod nicht vorzuziehen, sondern das Leben länger als erträglich und lebenswert zu empfinden.
Wenn dieser Artikel dazu beiträgt, dass Gespräche zwischen Betroffenen und Ärztinnen und Ärzten respektvoller, verständnisvoller und informierter geführt werden können, dann hat er sein Ziel erreicht.

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