Wer Bevölkerungsschutz ernst meint, muss in Menschen investieren
In den vergangenen Jahren wurde viel über Bevölkerungsschutz gesprochen – und das ist gut so. Der russische Angriff auf die Ukraine, die Corona-Pandemie, Hochwasser, Waldbrände und die Folgen des Klimawandels haben deutlich gemacht, wie wichtig ein leistungsfähiger Bevölkerungsschutz ist.
Es wurde investiert. Und ja es wurden auch neue Fahrzeuge wurden beschafft, Warnsysteme modernisiert, Ausstattung verbessert und Konzepte entwickelt. Davon profitieren insbesondere das Technische Hilfswerk und Feuerwehren. Das ist richtig und notwendig. Niemand, der selbst im Bevölkerungsschutz aktiv ist, wird das infrage stellen.
Gleichzeitig erleben viele von uns im Rettungsdienst, in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und den Hilfsorganisationen seit Jahren eine andere Realität. Auch dort steigen die Anforderungen stetig.
- Die Einsätze werden komplexer.
- Die Menschen werden älter.
- Extremwetterlagen nehmen zu.
- Psychische Belastungen wachsen.
Und gleichzeitig fehlt vielerorts genau das, was sich nicht einfach bestellen oder beschaffen lässt: ausreichend Personal. Wir diskutieren häufig darüber, wie viele Einsatzfahrzeuge vorhanden sind. Viel seltener fragen wir, wer sie eigentlich besetzen soll. Dabei ist genau das die entscheidende Frage.
Bevölkerungsschutz beginnt nicht beim Blaulicht
Ein Appell für starke Strukturen, gesunde Einsatzkräfte und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Ein moderner Rettungswagen hilft niemandem, wenn Personal fehlt. Ein Krankenhaus kann nur so gut sein wie die Menschen, die darin arbeiten. Und auch die beste Krisenvorsorge bleibt Theorie, wenn Ehrenamtliche irgendwann nicht mehr die Kraft haben, immer neue Lücken zu schließen. Wenn Mitarbeitende nicht mehr die mentale Kraft haben.
Gerade die Hilfsorganisationen tragen in Deutschland einen erheblichen Teil des Rettungsdienstes, des Katastrophenschutzes, der Sanitätsdienste und der psychosozialen Versorgung. Tausende Ehrenamtliche engagieren sich zusätzlich zu Beruf und Familie – oft über Jahrzehnte. Ich selbst gehöre zu ihnen. Ich mache das gern. Aber ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft ehrlich bleiben.
Der Bevölkerungsschutz in Deutschland baut auf mehrere Säulen und eine besonders tragende Säule sind die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die mit ihrem Engagement, ihrer Zeit und Ihrer Fachkenntnis einen unverzichtbare Beitrag für die Sicherheit unserer Gesellschaft leisten.
Die außergewöhnliche Einsatztage, die wir jetzt diese Tage durch die Hitze hatten, Zeit, wie gut das Ehrenamt ergänzend unterstützend arbeitet, sich für die Gesellschaft einbringt und die hauptamtlichen Kräfte unterstützt. Ich bin meinen Kolleginnen und Kollegen vom Ehrenamt überaus dankbar, dass sie in dieser außergewöhnlichen Situation mit ihren Einsatz so viel mitgetragen haben.
Es darf und sollte jedoch nicht zur dauerhaften Kompensation struktureller Defizite werden.
Deshalb richtet sich mein Appell an Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen.
Investieren Sie nicht nur in Technik, Gebäude und Fahrzeuge. Ja das auch ... Aber. Investieren Sie vor allem in Menschen. Rettungsdienst, Krankenhäuser und Pflege, die Hilfsorganisationen stärken, die einen großen Teil unseres Hilfeleistungssystems tragen.
Und stärken Sie die Psychosoziale Notfallversorgung. Denn Mental Health ist längst keine individuelle Angelegenheit mehr. Wer Einsatzkräfte dauerhaft gesund erhalten möchte, muss ihnen dieselbe Aufmerksamkeit schenken wie der technischen Ausstattung.
Psychische Gesundheit ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie entscheidet mit darüber, ob Menschen auch morgen noch bereit und in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen.
Die Herausforderungen der kommenden Jahre werden größer werden
Mehr Hitzewellen. Mehr Extremwetter. Mehr ältere Menschen. Mehr komplexe Einsatzlagen. Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Und genau deshalb helfen uns auch einfache Parolen von falschen Alternativen nicht weiter. Weder Populismus noch Extremismus entlasten eine Notaufnahme.
Sie besetzen keinen Rettungswagen.
Sie begleiten keine Angehörigen.
Sie hören keinem erschöpften Kollegen nach einem belastenden Einsatz zu.
... Das tun Menschen. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religion und politischer Überzeugung. Menschen, die gemeinsam helfen, weil im Einsatz nicht zählt, woher jemand kommt oder wen er wählt, sondern ob er da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.
Vielleicht sollten wir uns gerade daran öfter erinnern.
Zusammenhalt ist keine romantische Idee. Es ist eine Voraussetzung dafür, dass unsere Gesellschaft auch in Krisen funktioniert. Nach mehr als vierzig Jahren im Ehrenamt glaube ich noch immer an diesen Zusammenhalt. Ich glaube an Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Und ich wünsche mir eine Politik, die ihnen dieselbe Verlässlichkeit entgegenbringt, die sie Tag für Tag unserer Gesellschaft schenken.
Denn Bevölkerungsschutz beginnt nicht erst, wenn Sirenen ertönen oder Blaulicht zu sehen ist.
Er beginnt dort, wo wir die Menschen stärken, die im entscheidenden Moment für uns alle da sind.
Schlussworte
Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage bleibt für mich deshalb eine Frage offen: Müssen wir uns mit dieser Entwicklung einfach abfinden – oder können wir von anderen lernen? Genau dieser Frage möchte ich im dritten Teil nachgehen.
Denn einige europäische Länder betrachten extreme Hitze längst nicht mehr nur als Wetterphänomen, sondern als gesundheitliche Krisenlage. Vielleicht lohnt es sich, genauer hinzusehen, welche Konsequenzen sie daraus gezogen haben – und was wir davon für Deutschland mitnehmen können.
Mehr zu
meinen aktuellen Gedanken zum Bevölkerungsschutz und frühere Artikel zum Bevölkerungsschutz, dem Ehrenamt

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