Psychosoziale Notfallversorgung – Podcast Teil 2: PSNV in Großschadenslagen

Ich wollte auch kurz den Titel nennen: Psychosoziale Notfallversorgung hautnah – Podcast Teil 2: Wenn jede Einsatzlage individuell ist - habe mich aber dann umentschieden.
Mit dem zweiten Teil des Podcasts „PSNV in Großschadenslagen“ setzt das BayZBE das Gespräch mit Andrea Hirth, Einsatzleiterin der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) beim Anschlag in München am 13. Februar 2025, fort.

Während sich der erste Teil vor allem mit den Strukturen und der Organisation der PSNV beschäftigte, geht es diesmal noch stärker um die praktische Arbeit im Einsatz, die Zusammenarbeit mit anderen Blaulichtorganisationen sowie die Menschen, die hinter der Psychosozialen Notfallversorgung stehen. Einen wichtigen Schwerpunkt bildet außerdem die Psychosoziale Akuthilfe (PSAH), die Andrea Hirth mehrfach anspricht und deren Bedeutung für die ersten Stunden nach einem belastenden Ereignis eindrucksvoll beschreibt.

Jede Einsatzlage ist besonders – Eine Aussage von Andrea Hirth ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: „Für uns ist jeder Einsatz besonders, weil er unfassbar individuell ist.“'
Dieser Satz beschreibt die Arbeit der Psychosozialen Notfallversorgung aus meiner Sicht perfekt.

Anders als in vielen Bereichen der Notfallmedizin gibt es bei psychischen Belastungen keine Standardlösung. Hinter jeder Einsatzstelle stehen Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, ihren Ängsten, ihrem sozialen Umfeld und ihrer ganz persönlichen Art, mit einer außergewöhnlichen Situation umzugehen.
Natürlich gibt es Großschadenslagen mit hunderten Betroffenen – wie den Anschlag in München, bei dem die PSNV rund 450 bis 500 Betreuungen durchführte. Doch auch Einsätze mit zehn oder fünfzehn Betroffenen können für die Psychosoziale Notfallversorgung bereits eine besondere Einsatzlage darstellen.
Diese Gedanken kann ich aus meiner eigenen Tätigkeit in der PSNV-E sowie aus dem Rettungsdienst nur unterstreichen. Auch medizinische Notfälle sind niemals völlig gleich. Doch wenn es um die Psyche geht, stehen immer der individuelle Mensch, seine Lebenssituation und seine persönlichen Ressourcen im Mittelpunkt. Genau das macht die Arbeit der PSNV und der Psychosozialen Akuthilfe so wertvoll – und gleichzeitig so anspruchsvoll.

Psychosoziale Akuthilfe – Stabilisierung direkt nach dem Ereignis. Im Podcast wird mehrfach die Psychosoziale Akuthilfe (PSAH) angesprochen. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der psychosozialen Versorgung und beginnt unmittelbar nach einem belastenden Ereignis.
Ihr Ziel ist es, Menschen in den ersten Stunden nach einem Notfall zu stabilisieren, Orientierung zu geben und ihnen in einer Situation, in der oft alles unwirklich erscheint, Halt zu vermitteln. Die PSAH bildet häufig den ersten Baustein der psychosozialen Versorgung. Je nach Bedarf schließen sich anschließend weiterführende Maßnahmen der PSNV-B oder andere Unterstützungsangebote an.
Gerade bei Großschadenslagen wird deutlich, wie wichtig diese abgestuften Versorgungsstrukturen sind. Sie sorgen dafür, dass Betroffene genau die Hilfe erhalten, die sie in ihrer jeweiligen Situation benötigen.

Zusammenarbeit funktioniert nur gemeinsam  –  Andrea Hirth beschreibt sehr anschaulich die enge Zusammenarbeit zwischen PSAH, PSNV, Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei und den weiteren Blaulichtorganisationen. Ebenso hebt sie hervor, dass die Psychosoziale Notfallversorgung nicht von einer einzelnen Organisation getragen wird. In vielen Regionen arbeiten ASB, DRK, Malteser, Johanniter sowie die Notfallseelsorge eng zusammen. Jede Organisation bringt ihre Kompetenzen ein – gemeinsam mit einem Ziel: Menschen in außergewöhnlichen Situationen bestmöglich zu begleiten.
Gerade bei Großschadenslagen zeigt sich, wie wichtig funktionierende Schnittstellen, gegenseitiges Vertrauen und eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten sind.

PSNV gehört in Übungen und Ausbildung – Ein weiterer Punkt, den Andrea Hirth anspricht, ist mir persönlich besonders wichtig. Sie berichtet, dass die PSNV in München inzwischen sich bemüht wird in die Planung größerer Übungen eingebunden wird. Dadurch lernen Führungskräfte und Einsatzkräfte die Arbeitsweise der Psychosozialen Notfallversorgung kennen, Abläufe können gemeinsam trainiert und Schnittstellen verbessert werden. Genau diesen Ansatz halte ich für unverzichtbar.
Beim DRK Mannheim konnten wir bereits an einer solchen Übung durchführen, welchen Mehrwert dies für alle Beteiligten bietet. Gleichzeitig habe ich aber auch den Eindruck, dass die Bedeutung der PSNV und der Psychosozialen Akuthilfe vielerorts noch immer unterschätzt oder schlicht vergessen wird.
Großschadenslagen bestehen eben nicht nur aus körperlich Verletzten. Sie hinterlassen häufig auch psychische Verletzungen – bei Betroffenen, Angehörigen und nicht zuletzt bei Einsatzkräften. Deshalb gehören PSAH und PSNV aus meiner Sicht selbstverständlich in Einsatzkonzepte, Führungsstrukturen und realitätsnahe Übungen. Nur wenn wir auch psychische Belastungen trainieren und berücksichtigen, können wir Menschen ganzheitlich versorgen.

Über Belastungen sprechen ist Stärke – Ein weiterer Gedanke aus dem Podcast hat mich besonders angesprochen. Andrea Hirth beschreibt, dass sich in den vergangenen Jahren etwas verändert hat. Gerade junge Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sprechen heute deutlich offener über belastende Einsätze und fragen aktiv nach Unterstützung. Diese Entwicklung ist enorm wichtig.

Belastende Einsätze gehören zwar zum Berufsalltag vieler Einsatzkräfte – normal werden sie dadurch aber nicht  –  Oft genügt bereits das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen auf der Rückfahrt, beim gemeinsamen Getränk nach dem Dienst oder im Rahmen einer strukturierten Einsatznachbesprechung. Entscheidend ist, belastende Erlebnisse nicht dauerhaft mit sich allein auszumachen.
Ein Bild aus dem Podcast ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Belastungen sammeln sich wie Wasser in einem Fass. Irgendwann läuft es über. Genau deshalb braucht jeder Mensch ein Ventil – sei es durch Gespräche, kollegiale Unterstützung oder professionelle psychosoziale Begleitung.
Ich bin überzeugt, dass wir genau diese offene Gesprächskultur in allen Hilfsorganisationen weiter fördern müssen.

PSNV ist ein Angebot, das jeder annehmen darf  –  Zum Ende des Podcasts formuliert Andrea Hirth eine Botschaft, die aus meiner Sicht gar nicht oft genug wiederholt werden kann.
Die Einsatzkräfte der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) und der Psychosozialen Akuthilfe (PSAH) sind speziell ausgebildete und qualifizierte Helferinnen und Helfer. Ihre Aufgabe ist es, sich insbesondere um körperlich unverletzt Betroffene zu kümmern – Menschen also, die äußerlich vielleicht keine Verletzungen haben, innerlich aber gerade eine außergewöhnliche Belastung erleben. Natürlich begleiten PSNV-Teams auch verletzte Menschen oder deren Angehörige. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der psychosozialen Unterstützung nach belastenden Ereignissen.
Dabei ist eines besonders wichtig: Die Unterstützung der PSNV ist immer ein Angebot.
Niemand wird gezwungen, dieses anzunehmen. Genauso ist es völlig in Ordnung, ein Gespräch nach wenigen Minuten wieder zu beenden oder erst später festzustellen, dass man doch Unterstützung möchte.

Für mich steckt darin eine ganz wichtige Botschaft  – die ich selber immer wieder betone: Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche.

Wer nach einem außergewöhnlichen Ereignis Unterstützung in Anspruch nimmt, handelt nicht schwach, sondern verantwortungsvoll – sich selbst und seinem Umfeld gegenüber.
PSNV und PSAH sollen und können keine Therapie ersetzen. Ihre Aufgabe ist es, Menschen in einer Ausnahmesituation aufzufangen, zuzuhören, Orientierung zu geben, zu stabilisieren und dabei zu helfen, Schritt für Schritt wieder in die Realität zurückzufinden, wenn sich gerade alles unwirklich anfühlt.



Der zweite Teil des Podcasts vermittelt eindrucksvoll, wie vielfältig die Arbeit der Psychosozialen Notfallversorgung und der Psychosozialen Akuthilfe tatsächlich ist.

Neben den Erfahrungen aus dem Einsatz nach dem Anschlag in München geht es unter anderem um:
  • die Aufgaben von PSAH und PSNV bei Großschadenslagen,
  • Psychische Erste Hilfe sowie kurz-, mittel- und langfristige Begleitung,
  • die Unterschiede zwischen PSAH, PSNV-B und PSNV-E,
  • die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen,
  • Ausbildung und Qualifizierung von Einsatzkräften,
  • Selbstfürsorge und Strategien zum Umgang mit belastenden Einsätzen,
  • sowie die Möglichkeiten, sich selbst in der Psychosozialen Notfallversorgung zu engagieren.

Dieser Podcast „PSNV in Großschadenslagen“ ist weit mehr als ein Rückblick auf einen Großeinsatz. Er zeigt, wie wichtig es ist, psychische Gesundheit im Bevölkerungsschutz, im Rettungsdienst und in allen Blaulichtorganisationen mitzudenken. Körperliche Verletzungen sind sichtbar – psychische Verletzungen oft nicht. Beide verdienen die gleiche Aufmerksamkeit.

Ich kann euch den zweiten Teil deshalb nur empfehlen. Egal ob ihr im Rettungsdienst, bei Feuerwehr, Polizei, Hilfsorganisationen oder im Katastrophenschutz tätig seid oder euch einfach für mentale Gesundheit interessiert – der Podcast vermittelt wertvolle Einblicke direkt aus der Praxis und zeigt eindrucksvoll, warum Psychosoziale Akuthilfe und Psychosoziale Notfallversorgung heute unverzichtbare Bestandteile moderner Gefahrenabwehr sind.

Den ersten Teil findet man hier Psychosoziale Notfallversorgung hautnah - Podcast Ein Blick hinter die Kulissen von PSNV-B, PSNV-E

Comments

Popular posts from this blog

Q&A - Wo findet man Sterbehilfe in Deutschland?

Q&A - Sterbehilfe, Freitod und Selbstbestimmung: Antworten auf mehr als der 15 meistgestellten Fragen

Hilfe finden ...

Sterbehilfe in Deutschland - Erläutert in 3 bis 4 Minuten (Lesezeit)

Sterbehilfe - Organisation, Hilfe finden, Kosten