September: Hinschauen, zuhören, ansprechen – bevor aus dunklen Gedanken eine Krise wird

Der September steht vielerorts im Zeichen der Suizidprävention und der psychischen Gesundheit. Ein besonderer Ankerpunkt ist dabei der Welttag der Suizidprävention am 10. September.
Das internationale Motto für 2024 bis 2026 lautet „Changing the Narrative on Suicide“ – die Wahrnehmung über Suizid verändern,  den Umgang mit Suizid, die Art, wie wir über Suizid sprechen, verändern. Dazu gehört vor allem eines meiner Ansicht nach: darüber sprechen und miteinander sprechen.

Und genau darum geht es für mich in diesem Monat. Ich schreibe seit vielen Jahren über Freitod, Freitodbegleitung, Selbstbestimmung und das Recht eines Menschen, über sein eigenes Lebensende nachzudenken. Dabei ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig: Suizidprävention darf nie bedeuten, einen freiverantwortlichen und über lange Zeit wohlüberlegten Freitod zu blockieren, zu erschweren oder grundsätzlich verhindern zu wollen. Wenn ich in meinem Blog von einem Freitod spreche, meine ich eine dauerhafte, informierte und freie Entscheidung, bei der ein Mensch die Möglichkeiten für das Leben ebenso betrachtet und abgewogen hat wie seine Entscheidung, nicht weiterleben zu wollen.
Aber bei meinen Gesprächen über Freitodbegleitung begegnen mir eben auch Menschen, bei denen etwas ganz anderes spürbar wird.

Menschen, die sagen: „Ich will nicht mehr.“ Und wenn man ihnen länger zuhört, wird manchmal daraus: „Ich will eigentlich nicht tot sein. Ich will nur so nicht mehr weiterleben.“
Da ist Verzweiflung. Depression. Einsamkeit. Überforderung. Verlust. Manchmal dieser sprichwörtliche schwarze Hund, der sich neben einen Menschen gesetzt hat, einen Schatten wirft neben und hinter einem Menschen und ihm jede Aussicht auf ein Morgen verstellt. Genau hier brauchen wir Suizidprävention.

Vielleicht beginnt Prävention mit Wahrnehmen, so denke ich.

Wir denken bei Suizidprävention schnell an Psychiatrie, Krisendienst, Rettungsdienst und Notruf. Natürlich brauchen wir all das. Aber Prävention sollte sehr viel früher beginnen. Wahrnehmen und Aufmerksamskeit und Achtsamkeit für sich und andere. Bei der Kollegin, die plötzlich stiller geworden ist. Bei dem Freund, der Treffen immer häufiger absagt. Bei dem Nachbarn, der sich zurückzieht. Bei jemandem, der beiläufig sagt oder bei dem man wahrnimmt - Sätze oder Haltungen wie: „Es hat doch sowieso alles keinen Sinn mehr.“ Oder bei einem Menschen, bei dem wir einfach spüren: Irgendetwas ist anders. Wir müssen keine Psychologinnen oder Psychologen sein, um das wahrzunehmen.
Wir dürfen und sollten fragen: „Wie geht es dir wirklich?“ Oder: „Du wirkst in letzter Zeit anders. Ich habe das etwas wahrgenommen.“ Und wenn jemand von Suizidgedanken spricht, dürfen und sollten wir auch darüber sprechen. Nicht ausweichen. Nicht beschwichtigen. Nicht sofort bewerten.
Zuhören. Fragen. Dableiben. Und wenn notwendig gemeinsam Hilfe suchen.

Awareness bedeutet für mich Achtsamkeit
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses Septembers: Wir müssen nicht jeden Menschen retten. Aber wir können viel öfter wahrnehmen, wenn jemand Hilfe braucht. Suizidprävention beginnt nicht erst beim Suizidgedanken.

Sie beginnt ...
... bei Einsamkeit.
... bei Depression.
... bei Hoffnungslosigkeit.
... bei Überforderung.
... bei sozialem Rückzug.
Und manchmal beginnt Hilfe mit etwas scheinbar sehr Kleinem ... Ein Mensch sieht einen anderen Menschen – und schaut nicht weg.

Der September kann uns daran erinnern.
Aber hinschauen sollten wir auch im Oktober, November und an jedem anderen Tag des Jahres. Denn manchmal braucht ein Mensch keine große Antwort. Manchmal braucht er zunächst nur jemanden, der merkt:
Da ist gerade ein schwarzer Hund neben dir. Du musst nicht allein mit ihm laufen, sitzen bleiben.






Kontakte - Hilfe Im Fall von psychiatrischer Krisen

Notfall

Notaufnahme in der Akutpsychiatrie: In größeren psychiatrischen Kliniken existieren Notaufnahmen mit Fachärzt*innen, die ähnlich funktionieren wie die körperliche Notfallmedizin. Diese sind 24 Stunden täglich erreichbar.
Schnelle Hilfe im Notfall: 112 (Rettungsdienst)

Bei Vergiftungen:

Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen etc. rufen Sie bitte direkt den Notarzt – in Deutschland über die Nummer 112

Giftnotruf

Kostenfreie Informationen bei Verdacht auf Vergiftungen geben rund um die Uhr folgende Giftnotrufe:

Giftnotruf der Charité: 030 19240

Giftnotruf der TU München: 089 19240

Vergiftungs-Informations-Zentrale: 0761 19240



Hilfe - Rufnummern und Websites

Sozialpsychiatrische Dienste
Die Sozialpsychiatrischen Dienste unterstützen in der ambulanten Versorgung und Hilfe von Menschen mit chronischen psychischen Störungen. Sowohl Betroffene als auch Angehörige können sich beraten lassen. Die Psychiatrischen Dienste sind lokal organisiert und am besten durch eine Eingabe über eine Suchmaschine wie google.com mit den Suchbegriffe:
  • Sozialpsychiatrischer Dienst
  • eigenen Wohnort


SeeleFon/Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK)
Bundesweite Telefon- und Mail-Beratung für Angehörige von psychisch erkrankten Menschen. Die beratenden Personen, die selber Angehörige sind, können aus eigener Erfahrung viele nützliche Hilfestellungen geben und wissen, wie wichtig es ist, verständnisvoll zuzuhören. 
Telefon: 0228 71002424


Telefonseelsorge, bundeseinheitliche Nummern
Die Telefonseelsorge bietet kostenfreie Beratung per Telefon, Mail, Chat oder vor Ort. Sie ist für jeden da, für alte und junge Menschen, Berufstätige, Nicht-Berufstätige, Auszubildende, Rentner, für Menschen jeder Glaubensgemeinschaft und natürlich auch Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit. Die Gespräche sind anonym und die Mitarbeiter*innen rund um die Uhr erreichbar.
Telefon. 116 123

http://www.telefonseelsorge.de/

Evangelisch.: 0800  111 0 111 

Katholisch: 0800  111 0 222


Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche und Eltern
Nummer gegen Kummer e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern ein kompetenter Ansprechpartner zu sein bei kleinen und großen Sorgen, Problemen und Ängsten. 
Telefon Beratung für Kinder und Jugendliche: 116 111
Elterntelefon: 0800 111 0 550

https://www.nummergegenkummer.de/


Nationale Kontakt- und Informationsstelle (NAKOS) zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
Die NAKOS ist die zentrale bundesweite Anlaufstelle in Deutschland rund um das Thema Selbsthilfe. Als Knotenpunkt vernetzt NAKOS die relevanten Akteure. Interessierte, Betroffene und Angehörige finden hier alle notwendigen Informationen. Dabei zeigt NAKOS die Vielfalt und Möglichkeiten gemeinschaftlicher Selbsthilfe auf und fördert und vertritt sie gegenüber Politik und Gesellschaft.
Telefon: 
030 - 31 01 89 60

https://www.nakos.de/



Weitere Hilfe - Gesprächsangebote und Suizidprävention

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 - 443 509 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Hebräischsprachige Hotline "Matan": ‚Matan‘ ist ein Projekt der Beratungsstelle ‚OFEK‚ e. V. und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).  Telefonnummer: 0800  - 000 16 42  Hotline-Zeiten: Jeden Tag der Woche 20:00-22:00 - Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Kirchlichen Telefonseelsorge (KTS) durchgeführt und durch die Deutsche Fernsehlotterie gefördert.

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de




 





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