Notfall-Palliativversorgung: Wenn Rettung nicht immer Transport bedeuten muss

Ich denke, dass Notfall-Palliativversorgung Schule machen sollte.Vor einigen Wochen hatte ich ein Vorgespräch zu einem Vortrag mit dem leitenden Arzt des Zentrums für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf. Wir sprachen dabei auch über Notfall-Palliativversorgung.
Ich habe mich sehr über das gefreut, was er mir dazu erzählt hat. Denn damit lief er bei mir offene Türen ein.

Wenn im Notfall die Nummer 112 gewählt wird, zählt jede Sekunde. Es geht um schnelle Hilfe und ein starkes Team – ob wir vom Rettungsdienst mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Rettungsdienst oder aus den Krankenhäusern zusammenarbeiten oder mit Feuerwehr und Polizei.
Mit meinen inzwischen doch einigen Jahren Erfahrung im Rettungsdienst ist mir dabei eines immer wichtiger geworden: der ganzheitliche Blick auf den Menschen. Nicht nur auf seine Vitalwerte und die akute Erkrankung, sondern auch auf Lebensqualität, Würde und den Willen der Patientinnen und Patienten.
Und das betrifft nicht nur die Betroffenen selbst. Es betrifft auch Angehörige, andere Beteiligte und letztlich die Helfenden.
Unser Rettungssystem ist hochgradig darauf optimiert, Leben zu retten, Vitalfunktionen zu stabilisieren und Menschen schnellstmöglich in die nächste geeignete Notaufnahme zu bringen. Für akute medizinische Notfälle ist das überlebenswichtig.

Doch was passiert, wenn die betroffene Person unheilbar schwerstkrank ist und sich in ihrer letzten Lebensphase befindet?

Genau an dieser Schnittstelle entsteht im Alltag oft eine Lücke. Wenn ein Mensch in einer palliativen Krise – geplagt von akuter Atemnot, Schmerzen, Angst oder Panik – den Notruf wählt, läuft zunächst die gewohnte Rettungskette an. Das kann zu einer Krankenhauseinweisung führen, obwohl diese vielleicht gar nicht dem Wunsch der betroffenen Person entspricht.
Schwerstkranke Menschen werden dann aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen und verbringen ihre letzten Stunden möglicherweise in einer Notaufnahme oder sogar auf einer Intensivstation.
Dabei kann der ausdrückliche Wunsch ein ganz anderer sein: zu Hause bleiben, Beschwerden lindern und die verbleibende Zeit in Würde verbringen.


Ein wichtiger Schritt: Notfall-Palliativversorgung
Umso wichtiger finde ich das Signal, das von der Notfall-Palliativversorgung ausgeht.
Nach dem Vorbild des Hamburger Pilotprojekts „NotfallPalli“, das am 1. Mai 2026 gestartet ist, beginnt am 1. Oktober 2026 auch in Düsseldorf ein Pilotprojekt zur Notfall-Palliativversorgung.
Das Hamburger Projekt ist zunächst bis zum 28. Februar 2027 angelegt und verfolgt das Ziel, Menschen in einer palliativen Notfallsituation auch zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung versorgen zu können, anstatt sie automatisch in ein Krankenhaus zu bringen. Für mich ist das ein wichtiger Schritt.

Ein Wendepunkt wie ich finde, Von der transportorientierten Rettung zur lindernden Krisenintervention
Das Düsseldorfer Projekt – getragen von der Feuerwehr Düsseldorf, dem Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin der Uniklinik Düsseldorf und dem Düsseldorfer Hospiz- und Palliativforum – setzt genau an dieser Schnittstelle an.
Das Hamburger Modell (unter anderem geprägt durch das PalliativQuartier und das PalliativPflegeteam) hat bewiesen, was möglich ist, wenn Rettungsdienst, spezialisierte Palliativmedizin und ambulante Hospizdienste Hand in Hand arbeiten.
Dabei geht es nicht darum, die klassische Notfallrettung zu ersetzen.
Es geht darum, sie sinnvoll zu erweitern.

Aus einer Situation, die bisher häufig automatisch zu einem Transport ins Krankenhaus führt, kann eine aufsuchende und lindernde Krisenintervention im häuslichen Umfeld werden.

Im Mittelpunkt stehen dann zum Beispiel:

  • Symptomkontrolle vor Ort: Akute Beschwerden wie Schmerzen oder Atemnot können möglichst schnell und fachgerecht gelindert werden.
  • Respekt vor dem Patientenwillen: Patientenverfügungen, Notfallpläne und andere vorausgeplante Entscheidungen können berücksichtigt und umgesetzt werden.
  • Entlastung der Angehörigen: Menschen, die in einer solchen Situation häufig überfordert und verängstigt sind, bekommen unmittelbar fachliche und menschliche Unterstützung.
  • Nahtlose Weiterversorgung: Wenn kein Krankenhausaufenthalt notwendig oder gewünscht ist, kann die weitere Versorgung beispielsweise über ein SAPV-Team oder andere ambulante palliative Strukturen organisiert werden.

Damit verändert sich auch unser Verständnis davon, was „Rettung“ in einer solchen Situation bedeuten kann.
Rettung muss nicht immer bedeuten, einen Menschen möglichst schnell ins Krankenhaus zu bringen.

Manchmal kann Rettung auch bedeuten, Leid zu lindern, Sicherheit zu geben und den Menschen dort zu lassen, wo er sein möchte.


Warum mir diese Erweiterung so am Herzen liegt

Als Rettungssanitäter – heute wieder ehrenamtlich im Einsatz – kenne ich beide Welten. Meine Wurzeln im Rettungswesen reichen rund 40 Jahre zurück. Gleichzeitig beschäftige ich mich seit vielen Jahren intensiv mit Hospizen, Altenpflegeeinrichtungen und Palliativversorgung.
Aus dieser Erfahrung heraus bin ich überzeugt: Palliativversorgung gehört auch in den Notfall.

Wenn Rettungskräfte vor Ort nicht mehr allein vor der Frage stehen, ob sie einen schwerstkranken Menschen transportieren müssen, sondern auf ein gut funktionierendes palliativmedizinisches Netzwerk zurückgreifen können, verändert das die Situation für alle Beteiligten.
Es kann Patientinnen und Patienten unnötige Belastungen ersparen, Angehörige entlasten und auch die Notaufnahmen entlasten.
Und es kann den Einsatzkräften helfen, ihre Aufgabe ganzheitlicher zu verstehen: Nicht jede Situation lässt sich durch eine medizinische Intervention lösen. Manchmal besteht die beste Hilfe darin, Beschwerden zu lindern und den Willen eines Menschen zu respektieren.


Und auch die Helfenden dürfen nicht vergessen werden

Hier sehe ich noch eine weitere wichtige Dimension: die Helfenden selbst.
Auch für Einsatzkräfte können und sind oft solche Situationen emotional belastend.

Sie kommen mit dem Auftrag, zu helfen und Leben zu retten – und treffen möglicherweise auf einen Menschen, bei dem es nicht mehr um Lebensverlängerung geht, sondern um Linderung, Würde und den bereits geäußerten Willen. Oder in den Fällen eines Freitod, gerufen durch die Polizei, oder anderen Personen, dass die Rettungskräfte gar nichts mehr tun sollen.

Das kann Fragen und Unsicherheit auslösen. Auch deshalb halte ich Vorträge zum Freitod bei allen Organisationen und Einrichtungen die daran Interesse haben, ihre Mitarbeitenden informieren und Vorbereiten wollen und darum halte ich die Verbindung zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) für wichtig. PSNV kann nicht nur nach besonders belastenden Einsätzen eine Rolle spielen. Sie sollte auch Teil eines Systems sein, das die unterschiedlichen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Einsatzkräften mitdenkt.

Ein gutes Versorgungssystem sollte nicht nur fragen:
Was können wir medizinisch noch tun?
Es sollte auch fragen:
Was braucht dieser Mensch jetzt?
Was möchte sie oder er?
Und was brauchen die Menschen, die ihn begleiten und versorgen?


Blick nach vorn
Dass die Feuerwehr Düsseldorf, das Universitätsklinikum Düsseldorf und die Düsseldorfer Hospiz- und Palliativstrukturen diesen Weg einschlagen, halte ich für eine wichtige und längst überfällige Weiterentwicklung unseres Rettungswesens.
Die Schnittstelle zwischen Notfallmedizin, Palliativversorgung und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Lebensende beschäftigt mich nicht nur im Einsatz.
Im ersten Halbjahr 2027 werde ich in Düsseldorf auch selbst zu dieser Thematik sprechen – über das Spannungsfeld von Freitod, Sterbehilfe und Rettungsdienst und über die Frage, wie wir als Gesellschaft und als Helfende mit unterschiedlichen Formen von Sterbewünschen umgehen können.
Für mich zeigen Projekte wie Hamburg und Düsseldorf deshalb einen wichtigen Weg in die Zukunft:
Notfallmedizin und Palliativversorgung sind kein Widerspruch.
Sie können sich sinnvoll ergänzen,
wenn alle Beteiligten gemeinsam handeln ...
und wenn nicht nur die Krankheit,
sondern der Mensch im Mittelpunkt steht.


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