Zahlen, die uns angehen - RKI-Daten über seelische Gesundheit
Zahlen, die zunächst still daherkommen – und doch so laut von dem erzählen, was ich in meiner, was so viele in deren Arbeit täglich erleben.
Was die Daten zeigen – Eine erhebliche seelische Belastung
Das Robert Koch-Institut beobachtet die psychische Gesundheit der Bevölkerung mit unterschiedlichen Datenquellen – unter anderem durch regelmäßige Bevölkerungsbefragungen und durch Auswertungen von Routinedaten aus der medizinischen Versorgung.
Das RKI-Panel „Gesundheit in Deutschland“ (aktuell Stand: 23.09.2026) erhebt dabei unter anderem psychisches Wohlbefinden, depressive und Angstsymptomatik sowie Hilfebedarf aufgrund psychischer Probleme.
Die aktuellen Ergebnisse zeigen eine erhebliche psychische Belastung in der erwachsenen Bevölkerung.
Die Befunde im Überblick:
Depressive Symptomatik:
Im Jahr 2024 wiesen 21,9 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine depressive Symptomatik auf. Das entspricht rund 22 Prozent. Dabei handelt es sich um ein Ergebnis eines Screenings und nicht um eine ärztlich gestellte Depressionsdiagnose.
Diagnostizierte Depressionen:
Parallel zeigen die Versorgungsdaten, dass 2024 bei 17,0 Prozent der gesetzlich versicherten Erwachsenen eine Depression in der ärztlichen oder psychotherapeutischen Versorgung dokumentiert wurde.
Diese beiden Zahlen sind allerdings nicht unmittelbar miteinander vergleichbar:
Die 21,9 Prozent beschreiben eine in einer Bevölkerungsbefragung erfasste depressive Symptomatik.
Die 17,0 Prozent beziehen sich dagegen auf dokumentierte Diagnosen in GKV-Versorgungsdaten.
Sie erzählen also unterschiedliche Teile derselben Geschichte.
Psychisches Wohlbefinden:
2024 wiesen 28,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ein eher niedriges psychisches Wohlbefinden auf. Das RKI betrachtet dabei nicht nur das persönliche Befinden, sondern unter anderem auch die Bewertung des eigenen Lebens, das Erleben von Sinn und Wirksamkeit sowie die Zufriedenheit mit sozialen Beziehungen. Das RKI weist zugleich darauf hin, dass die 2024er Daten zur depressiven Symptomatik mit den Vorjahren nur eingeschränkt vergleichbar sind. Für die Jahre zuvor von 2020 bis 2023 wurde leider ein sehr markanter Anstieg der depressiven Symptombelastung beobachtet; ob sich dieser Trend 2024 fortgesetzt hat, lässt sich aufgrund der veränderten Methodik nicht abschließend beurteilen. Ich bin kein Statistiker aber lese die Zahlen wie ich es nun mal sehe, genau deshalb möchte ich bei diesen Zahlen nicht vorschnell von einem weiteren Anstieg sprechen. Aber ich kann auch nicht anders das zu sehen, was ich sehe.
Denn fast jede/r dritte Erwachsene hat ein eher niedriges psychisches Wohlbefinden und mehr als jede/r Fünfte mit depressiver Symptomatik – Und ich sehe diese Zahlen, jede Zahl ist ein Mensch, ein Schicksal, ein Kampf und Leiden – Und das geht uns alle an.
Mensch nicht Zahlen oder Prozente
In meiner Arbeit in der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV), als Mental Health First Aider (MHFA) und PSNV-U, in der Trauerbegleitung und in meinem persönlichen Engagement sehe ich die Menschen hinter den Prozentwerten.
Diese 22 Prozent sind keine Fremden.
Es ist die Kollegin und der Kollege, die/der sich zurückzieht.
Der Angehörige, der dauerhaft überfordert ist.
Der Mensch, der leise sagt: „Ich kann einfach nicht mehr.“
Ich kann mit Zahlen etwas anfangen. Aber ich sehe Zahlen nicht als Zahlen. Hinter und für die Zahl steht immer ein Mensch mit einer eigenen Geschichte ... ein Mensch, der ...
... vielleicht schon lange versucht, klar zu kommen.
... vielleicht niemanden belasten möchte.
... nicht weiß, an wen er sich wenden kann.
oder einer, der längst gelernt hat, seine Not so gut zu verbergen, dass sie für andere kaum noch sichtbar ist. Genau hier beginnt es für mich ... es ist nicht die Zahl oder die Zahlen, nicht die Statistik ... sondern bei der Frage: Was macht man daraus?
Neben vielen Faktoren ist es in meinen Augen, das frühzeitige Erkennen und Agieren ... Niedrigschwellig und Menschennah ist das was ich sehe.
Wenn mentale Belastungen so weit verbreitet sind, dann reicht es nicht, ausschließlich auf die Versorgung im engeren Sinne zu schauen. Es braucht früher ansetzende Strukturen, die Menschen erreichen, bevor aus Belastung eine Krise wird. Angebote, Ansprechpersonen, Strukturen, die nicht voraussetzen, dass jemand bereits verbalisieren kann oder weiß, was mit ihr / ihm los ist. Und Angebote und Optionen, die es leichter machen, überhaupt den ersten Schritt zu gehen.
So wie wir lernen, bei einem physischen Verletzung und einem Notfall Erste Hilfe leisten, braucht es Menschen die auch bei psychischen Belastungen hinsehen, hinhören und handeln können und eine Gesellschaft und Arbeitswelt die das trägt. Und in meinen Augen sind es MHFAider, Mentale Ersthelfende die da eine wichtige Rolle spielen können. Menschen die für Menschen da sind - um leise Signale wahrzunehmen, zu erkennen, bevor aus einer Belastung eine Krise wird. Helfende die emphatisch, mit offenen Ohren und Herzen fragen, zuhören und Sorgen ernst nehmen. Man muss keine Diagnose haben, damit Not gesehen wird - man muss einfach Leiden ernst nehmen.
Dann braucht es das Wissen, wo die nächsten Schritte liegen – eine Beratungsstelle, ein Krisendienst, eine Selbsthilfegruppe oder eine andere passende professionelle Unterstützung.
Bei Mentalen Ersten Hilfe geht es nicht darum, psychische Erkrankungen selbst zu diagnostizieren oder gar zu behandeln.
Es geht darum, hinzusehen - anzusprechen - zuzuhören. Und den Weg zu weiterer Hilfen aufzuzeigen - und nicht allein zu lassen.
Niedrigschwelligkeit ist deshalb kein Luxus. Sie ist, so wie ich es sehe, eine wichtige Voraussetzung für Prävention. Wie ich bereits in meinem Beitrag „Suizidprävention beginnt nicht erst in der Krise“ beschrieben habe: Wir dürfen nicht erst dann zuhören, wenn jemand keinen Ausweg mehr sieht.
Es zählt der Mensch - Jede Psyche zählt – jeden Tag.

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