Eine Stimme der Menschlichkeit – Elisabeth Kübler-Ross (8. Juli 1926 – 24. Aug. 2004)
Am 8. Juli 2026 wäre Elisabeth Kübler-Ross 100 Jahre alt geworden. Für viele Menschen ist sie die Begründerin der modernen Sterbeforschung. Für mich ist sie jedoch weit mehr als das: Sie war eine Frau, die den Mut hatte, dorthin zu schauen, wo andere wegsahen – zu sterbenden Menschen.
Heute sprechen wir selbstverständlich über Palliative Care, Hospizarbeit, Patientenautonomie und würdevolle Begleitung am Lebensende. Doch das war nicht immer so. Elisabeth Kübler-Ross gehörte zu den ersten Ärztinnen, die nicht nur Krankheiten behandelten, sondern den Menschen hinter der Diagnose sahen. Sie hörte zu. Sie fragte nach den Ängsten, Hoffnungen und Bedürfnissen Sterbender – zu einer Zeit, in der Sterben in Krankenhäusern häufig hinter verschlossenen Türen stattfand.
Ihre berühmten fünf Phasen der Trauer werden bis heute oft zitiert. Leider werden sie manchmal zu stark vereinfacht oder als starres Modell verstanden. Dabei wollte Kübler-Ross nie Menschen in Schubladen stecken. Sie wollte vielmehr zeigen, dass Trauer, Sterben und Abschied zutiefst individuelle Erfahrungen sind. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg.
Diese Haltung begleitet auch mich.
Als Mental Health First Aider, PSNV-Peer, ehrenamtlicher Helfer im Deutschen Roten Kreuz und Arbeiter-Samariter-Bund sowie als Rettungssanitäter begegne ich Menschen in Ausnahmesituationen. Gleichzeitig arbeite ich seit vielen Jahren mit sterbewilligen Menschen und begleite sie auf ihrem letzten Lebensweg. Diese Arbeit ist für viele schwer vorstellbar und häufig mit Vorurteilen verbunden. Dabei erlebe ich immer wieder, wie wichtig es ist, zunächst zuzuhören, ohne vorschnell zu urteilen.
Meine persönliche Geschichte hat meinen Blick auf dieses Thema nachhaltig verändert. Meine Frau lebte elf Jahre mit einer hochaggressiven primär progredienten Multiplen Sklerose. Schritt für Schritt verlor sie ihre körperlichen Fähigkeiten, ihre Selbstständigkeit und schließlich nahezu jede Möglichkeit, ihr Leben selbst zu gestalten. Nach langem, reiflichem Abwägen entschied sie meine Fraui im Rahmen der geltenden deutschen Rechtslage für einen selbstbestimmten Freitod.
Diese Erfahrung hat mich gelehrt, wie komplex Entscheidungen am Lebensende sein können. Es gibt keine einfachen Antworten. Aber es gibt die Verantwortung, Menschen mit Respekt, Offenheit und Würde zu begegnen – unabhängig davon, welchen Weg sie gehen.
Heute arbeite ich in der Trauerbegleitung und begleite ich sterbewillige Menschen, berate Ärztinnen und Ärzte, Rettungsdienstorganisationen, Seelsorgende und Einsatzkräfte. Häufig fehlt dort die Möglichkeit, sich mit den Hintergründen eines Freitodwunsches auseinanderzusetzen. Das Thema ist noch immer mit Unsicherheit und gesellschaftlichen Tabus belegt. Umso wichtiger erscheint mir ein sachlicher, menschlicher und empathischer Austausch.
Nicht jede Situation lässt sich medizinisch lösen. Manchmal besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, da zu sein, auszuhalten und einem Menschen das Gefühl zu geben, gesehen zu werden.
Auch deshalb denke ich an Elisabeth Kübler-Ross mit großer Dankbarkeit.
Sie hat uns gelehrt, dass Sterben Teil des Lebens ist und dass Würde nicht erst am Lebensende beginnt, sondern den gesamten Menschen umfasst. Ihre Gedanken haben die Entwicklung der Hospizbewegung und der Palliativmedizin weltweit geprägt. Sie hat Generationen von Ärztinnen, Pflegenden, Seelsorgenden und Ehrenamtlichen inspiriert, Sterbende nicht allein zu lassen.
In meiner Arbeit mit älteren Menschen, in Pflegeeinrichtungen, Hospizen, der Palliativversorgung und im Rettungsdienst begegne ich ihrem Vermächtnis beinahe täglich – oft, ohne dass ihr Name genannt wird. Immer dann, wenn nicht nur gefragt wird:
„Was hat der Mensch?“, sondern: „Was braucht dieser Mensch jetzt?“
Das ist vielleicht Frau Elisabeth Kübler-Ross' größtes Vermächtnis - welches ich auch für mich und meine Arbeit übernommen habe.
An ihrem 100. Geburtstag möchte ich deshalb einfach Danke sagen.
Danke für Ihren Mut.
Danke dafür, dass Sie den Sterbenden eine Stimme gegeben haben.
Danke dafür, dass Sie gezeigt haben, dass Menschlichkeit und Medizin zusammengehören.
Und danke dafür, dass Ihr Denken bis heute Menschen inspiriert, die andere in den schwierigsten Momenten ihres Lebens begleiten.
Ihr Vermächtnis lebt weiter – überall dort, wo Menschen einander mit Würde, Mitgefühl und Respekt begegnen.
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