Wenn Psychotherapie zum Luxus wird – warum die geplanten Kürzungen uns alle betreffen
Die Daten zeigen seit Jahren einen steigenden Bedarf an Unterstützung, Therapie und Prävention. Gleichzeitig sprechen Menschen heute offener über ihre psychischen Belastungen und suchen häufiger professionelle Hilfe.
Ausgerechnet die psychotherapeutische Versorgung könnte in den kommenden Jahren erheblich eingeschränkt werden.
Ich musste die Nachrichten und Bericht der letzten Zeit mehrmals lesen und auch das Kleingedruckte, was ja so oft im Leben entscheidend ist. Ich fragt mich, in welcher Gesellschaft wollen wir leben?
Und JA mir sind die finanziellen Herausforderungen unseres Gesundheitssystems recht klar und ich unterschätze diese nicht.
Während wir einerseits immer deutlicher erkennen, welche Bedeutung psychische Gesundheit für unsere Gesellschaft hat, diskutieren wir andererseits darüber, genau dort zu sparen, wo Menschen Hilfe finden sollen.
Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder schwere Belastungsreaktionen können jeden Menschen treffen – unabhängig von Alter, Beruf oder Einkommen. Dennoch steht ausgerechnet die psychotherapeutische Versorgung vor erheblichen Einschnitten.
Mit dem beschlossenen Beitragsstabilisierungsgesetz sollen ab 2027 die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen begrenzt werden.
Nach Einschätzung der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerks (DPNW) sowie weiterer Berufsverbände könnten durch die geplanten Änderungen 20 bis 30 Prozent der psychotherapeutischen Behandlungskapazitäten für gesetzlich Versicherte wegfallen.
Die KBV spricht davon, dass die Kürzungen unmittelbar zu weniger Terminen und einer Verschlechterung der ambulanten Versorgung führen werden. Das Bündnis aus mehreren Berufsverbänden Aktionsbündnis Psychotherapie – hat in Stellungnahmen und Kampagnen ebenfalls vor einem deutlichen Rückgang der Versorgung gewarnt.
Für viele Menschen bedeutet das Krise und Engpass/Engpässe. Es klingt zunächst nach einer gesundheitspolitischen Maßnahme oder einer notwendigen Sparentscheidung. Aus meiner Sicht ist es deutlich mehr.
Ich sehe, kenne, höre, aber auch begleite seit vielen Jahren Menschen in psychischen Ausnahmesituationen. In der Psychosozialen Notfallversorgung begegne ich Menschen nach schweren Unfällen, plötzlichen Todesfällen, Suiziden oder anderen traumatischen Ereignissen. Ich begleite Angehörige, Einsatzkräfte und Mitarbeitende in Unternehmen, die noch vor oder nach belastenden Erlebnissen wieder einen Weg finden müssen.
Und ich bin kein Therapeut. Aber aus meinem Tun, Reden, Zuhören - aus diesen Erfahrungen weiß ich, dass psychische Krisen nicht verschwinden, nur weil Hilfe auf sich warten lässt. Im Gegenteil.
Je länger notwendige Unterstützung ausbleibt, desto größer wird das Risiko, dass sich Belastungen verfestigen und aus einer behandelbaren Krise eine chronische Erkrankung wird. Was anfangs vielleicht wenige therapeutische Gespräche gebraucht hätte, entwickelt sich mitunter zu einem langen Leidensweg – für die Betroffenen, ihre Familien und oft auch für ihr berufliches Umfeld.
Je länger ich über diese Entwicklung nachdenke, desto mehr beschäftigt mich eine andere Frage.
Vielleicht sollten wir uns gar nicht zuerst fragen, wie teuer Psychotherapie ist.
Vielleicht sollten wir uns fragen, wie teuer es wird, wenn sie nicht stattfindet.
Denn die Kosten verschwinden nicht. Sie verlagern sich ...
... in Krankmeldungen
... in längere Arbeitsunfähigkeiten.
... in Frühverrentungen.
... in stationäre Behandlungen.
... in Angehörige, die an ihre Belastungsgrenzen kommen.
Zahlen ud Meldungen des RKI Robert-Koch-Institut
Bislang sorgt die sogenannte Angemessenheitsprüfung dafür, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten eine angemessene Mindestvergütung erhalten. Diese Regelung soll künftig entfallen. Gleichzeitig werden Honorare gedeckelt und finanzielle Anreize für Kurzzeittherapien oder kurzfristig vergebene Termine reduziert.
Die Folgen könnten weit über einzelne Praxen hinausreichen.
Wenn wirtschaftlicher Druck dazu führt, dass weniger gesetzlich Versicherte behandelt werden können oder Praxen ihre Tätigkeit einschränken, verlängern sich die Wartezeiten weiter. Dabei erleben wir schon heute, wie schwer es vielen Menschen fällt, überhaupt einen Therapieplatz zu finden.
Besonders nachdenklich macht mich jedoch etwas anderes.
Psychische Erkrankungen sind häufig unsichtbar.
Vielleicht behandeln wir sie deshalb noch immer anders als körperliche Erkrankungen.
Niemand würde akzeptieren, dass ein Mensch mit einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall monatelang auf eine notwendige Behandlung warten muss.
Bei psychischen Erkrankungen scheinen lange Wartezeiten dagegen fast zur Normalität geworden zu sein.
Das sollte uns als Gesellschaft nachdenklich machen.
Natürlich müssen Krankenkassen wirtschaftlich handeln. Niemand wird bestreiten, dass finanzielle Stabilität wichtig ist. Doch dort zu sparen, wo Menschen dringend professionelle Hilfe benötigen, erscheint mir der falsche Weg. Psychotherapie ist kein Luxus.
- Sie hilft Menschen, ihre Gesundheit zurückzugewinnen.
- Sie stabilisiert Familien.
- Sie ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe.
- Sie erhält Arbeitsfähigkeit.

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