Selbstbestimmung am Lebensende – Wie gehen wir als Gesellschaft mit Leid um, das wir nicht vollständig lösen können?
Seit diesem Tag engagiere ich mich dafür, über Selbstbestimmung am Lebensende, über Suizidalität, über Sterbewünsche und über die Menschen zu sprechen, die von solchen Entscheidungen betroffen sind. Ich versuche Verständnis zu fördern, Informationen bereitzustellen und auch jene sichtbar zu machen, die häufig im Hintergrund bleiben: die Helfenden.
Denn unabhängig davon, wie man persönlich zu diesen Themen steht – sie berühren Menschen auf eine Weise, die existenzieller kaum sein könnte.
Und mit jedem Jahr, das seit dem Tod meiner Frau vergangen ist, beschäftigt mich eine Frage mehr als viele andere:
Wie gehen wir als Gesellschaft mit Leid um,
das wir nicht vollständig lösen können?
Es ist ein ethisches Spannungsfeld ... Die Diskussion über Selbstbestimmung am Lebensende bewegt sich in einem Spannungsfeld unterschiedlicher Werte. Hier treffen Überzeugungen und Verantwortlichkeiten aufeinander:
- das Recht auf Selbstbestimmung
- der Schutz des Lebens
- die Fürsorgepflicht
- die Menschenwürde
- die Berufsethik von Helfenden
Oft wird versucht, diese Werte gegeneinander abzuwägen. Nicht selten entstehen dabei Kontroversen, die sehr emotional geführt werden. Doch vielleicht oder ich bin mir recht sicher – liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, eine endgültige Antwort zu finden.
Vielleicht besteht sie darin anzuerkennen, dass manche Situationen keine vollständig zufriedenstellende Lösung erlauben. Und die Antwort, die Lösung und Entscheidung individuell ist.
Die bekannten Perspektiven ... In der öffentlichen Diskussion werden Fragen rund um Suizidalität, Sterbewünsche und Selbstbestimmung am Lebensende meist aus drei oder vier Perspektiven betrachtet.
- Da sind zunächst die betroffenen Menschen selbst.
- Da sind die Angehörigen, die Entscheidungen mittragen, begleiten oder mit deren Folgen leben müssen.
- Da sind die professionellen Helfenden – Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Psychologinnen und Psychologen, Seelsorgende, Hospizmitarbeitende und viele andere.
Und schließlich sprechen wir über Prävention, Versorgung und gesetzliche Rahmenbedingungen.
All diese Perspektiven sind wichtig. Doch zunehmend frage ich mich, ob in dieser Debatte nicht noch weitere Beteiligte übersehen werden.
Die vierte Perspektive: Die Verantwortung von Organisationen ... Wenn nach belastenden Ereignissen Unterstützung organisiert wird, richtet sich der Blick meist auf Betroffene und Angehörige.
Das ist richtig und notwendig. ... Deutlich seltener wird gefragt:
- Wer unterstützt die Ärzte*innen und Behandlungsteams?
- Gibt es Supervision?
- Gibt es strukturierte Nachbesprechungen?
- Gibt es psychologische Begleitung für Mitarbeitende?
- Welche Möglichkeiten bestehen, belastende Erfahrungen professionell zu verarbeiten?
Dabei wissen wir aus vielen Hochrisikobereichen längst, wie wichtig solche Strukturen sind. In der Luftfahrt, bei Polizei, Feuerwehr, Militär oder im Katastrophenschutz gehören Nachsorge, kollegiale Unterstützung und psychologische Begleitung vielerorts zum Standard.
Im Gesundheitswesen hängt dies dagegen häufig noch von einzelnen Einrichtungen, Führungskräften oder engagierten Personen ab.
Dabei sollte die Frage, wie Helfende unterstützt werden, kein Zufall sein. Sie ist eine organisatorische Verantwortung.
Wer fehlt noch in der Debatte?
Wenn wir über die gesellschaftliche Verantwortung sprechen, lohnt sich, so denke ich, nein ich bin davon überzeugt, ein Blick auf weitere Akteure.
Führungskräfte ... In meiner Arbeit in der psychosozialen Notfallversorgung für Unternehmen und Einsatzkräfte sowie in der Trauerbegleitung erlebe ich immer wieder, wie entscheidend Führungskräfte für den Umgang mit belastenden Situationen sind.
Das gilt ebenso für den medizinischen Bereich – Chefärztinnen und Chefärzte, Stationsleitungen, Pflegedienstleitungen oder Klinikleitungen gestalten die Rahmenbedingungen, unter denen Mitarbeitende arbeiten.
Sie entscheiden über Ressourcen, Personalbesetzung, Fortbildungen und Unterstützungsangebote. Auch wenn sie nicht immer unmittelbar am und beim Betroffenen , Patienten stehen, tragen sie Verantwortung dafür, wie mit Belastungen umgegangen wird.
Wissenschaft und Forschung ... Ebenso wichtig sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen:
- Suizidforschung
- Medizinethik
- Gesundheitssoziologie
- Arbeits- und Organisationspsychologie
- Pflegewissenschaften
Diese Wissenschafts- und Forschungsfelder helfen uns zu verstehen, welche Belastungen entstehen, welche Schutzfaktoren wir kennen (sollten) und welche Strukturen langfristig wirksam sind. Gerade die Frage, wie Helfende mit moralischen und emotionalen Belastungen umgehen, verdient aus meiner Sicht noch deutlich mehr Aufmerksamkeit. Schon länger beschäftige ich mich mit dem Thema der moralischer Verletzlichkeit (auch moralische Vulnerabilität) worunter man die menschliche Anfälligkeit, in Situationen zu geraten oder zu handeln, versteht, die den eigenen tief verwurzelten ethischen und moralischen Überzeugungen widersprechen. Dies führt häufig zu einem tiefen, identitätserschütternden Gefühl von Schuld, Scham oder Verrat.
Medien ... Auch die Medien spielen eine zentrale Rolle. Journalistinnen und Journalisten prägen mit ihrer Wortwahl und ihrer Berichterstattung die gesellschaftliche Wahrnehmung von Suizidalität, Suizid, Sterbewünschen und dem Lebensende. Worte sind nicht neutral. Sie beeinflussen, wie Menschen denken, fühlen und diskutieren. Deshalb braucht es eine sensible und differenzierte Berichterstattung, die weder vereinfacht noch dramatisiert.
Politik, Religionsgemeinschaften und gesellschaftliche Institutionen ... Die Diskussion wird häufig als Frage individueller Rechte geführt. Das ist verständlich und dies sehe ich ebenso – aber sie ist zugleich eine Frage gesellschaftlicher Verantwortung.
- Welche Unterstützungssysteme stellen wir bereit?
- Welche Hilfen bieten wir Menschen in Krisen an?
- Welche Begleitung erhalten Angehörige?
Und welche Unterstützung bekommen die Menschen, die diese Prozesse professionell begleiten?
Die Grenzen des Helfens
Viele Berufsgruppen werden ausgebildet, um Menschen zu helfen.
- Zu heilen
- Zu retten
- Doch nicht jedes Leid lässt sich beseitigen
- Nicht jede Krankheit kann geheilt werden
- Nicht jede Krise kann verhindert werden
Und nicht jede Situation endet mit einer Lösung, die für alle Beteiligten richtig erscheint. Gerade in der Begleitung von Menschen mit Suizidalität, schwerem Leiden oder einem wohlerwogenen Sterbewunsch stoßen Helfende immer wieder an diese Grenzen.
Die eigentliche oder persönliche Belastung entsteht dabei oft nicht allein durch das Leid anderer Menschen. Sie entsteht durch die Erfahrung, dass Verantwortung nicht immer Kontrolle bedeutet. Dass professionelle Kompetenz nicht jede Entwicklung verhindern kann. Dass eigene moralische Grundhaltungen berührt oder gar verletzt werden.
Und dass es Situationen gibt, in denen mehrere Werte gleichzeitig richtig erscheinen – und dennoch miteinander in Konflikt geraten.
In der Fachliteratur wird hierfür häufig der Begriff des „moralischen Stresses“ verwendet. Gemeint ist die Belastung, die entsteht, wenn Menschen Verantwortung tragen, obwohl es keine vollständig befriedigende Lösung gibt.
Genau diese Erfahrung begegnet vielen Helfenden im Gesundheitswesen immer wieder.
Warum die Helfenden Teil der Prävention sind
Aus meiner Sicht wird die Perspektive der Helfenden noch immer zu oft als Randthema behandelt. Dabei ist sie ein zentraler Bestandteil jeder nachhaltigen Prävention, Krisenintervention und Begleitung in Krisen und auch am Lebensende.
Wer Menschen in existenziellen Krisen begleiten soll, braucht selbst Möglichkeiten zur Reflexion, zum Austausch und zur professionellen Verarbeitung. Ich glaube und hoffe, dass bei diesen Worten meinen Leser*innen aus den PSNV Bereichen die Ohren klingeln 😉
Wer dauerhaft Verantwortung übernimmt, braucht Strukturen, die diese Verantwortung mittragen. Andernfalls entstehen langfristig Risiken:
- Überforderung
- Moralischer Stress
- Erschöpfung
- Burnout
Und letztlich auch eine Verschlechterung der Versorgungsqualität. Die Unterstützung von Helfenden ist deshalb kein Luxus. Sie ist eine Voraussetzung für gute Begleitung.
Eine gesellschaftliche Frage
Fünf Jahre nach dem Tod meiner Frau und mehr als sechs Jahre nachdem Sterbehilfe in Deutschland wieder möglich ist, denke ich oft an die vielen Menschen, die sich beruflich oder privat mit Leid, Krankheit, Sterben und Tod auseinandersetzen - und neben der Suizidalität auch sich wieder einstellen müssen auf das selbstbestimmte Sterben.
- Angehörige
- Pflegende
- Ärztinnen und Ärzte
- Psychologinnen und Psychologen
- Hospizmitarbeitende
- Seelsorgende
- Führungskräfte
- Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Viele von ihnen begegnen Situationen, in denen es keine einfachen Antworten gibt. Vielleicht, ich denke es wäre und ist wichtig, wir sollten deshalb die Diskussion erweitern.
Die Frage lautet nicht nur: Wie helfen wir Menschen, die leiden?
Sondern auch: Wie unterstützen wir diejenigen, die dieses Leid begleiten?
Denn eine Gesellschaft zeigt ihre Haltung zum Leben nicht nur darin, wie sie Menschen in Krisen begegnet. Sie zeigt sie auch darin, wie sie mit den Menschen umgeht, die Tag für Tag Verantwortung übernehmen – selbst dort, wo Leid nicht vollständig gelöst werden kann.
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