Begrifflichkeit Suizid und Freitod – Sprache, Bilder und die Wirkung einzelner Begriffe

Gute Kommunikation entsteht, wenn Sprache so gewählt wird, dass sie nicht nur Informationen vermittelt, sondern auch Bedeutung verständlich macht.
Dazu gehören eine klare Wortwahl, der Kontext, die Struktur einer Aussage, die Berücksichtigung des Vorwissens der Zuhörenden sowie die Bereitschaft, nachzufragen und zuzuhören - und als Designer der nun einmal immer auch mit Kommunikation zu tun hat ist es die Prädisposition des Empfängers bzw. die Empfänglichkeit für die Information.
Worte sind Träger für eine Kommunikation. Mit ihnen übertragen wir gedankliche Bilder, Vorstellungen und Bedeutungen. Je ähnlicher diese Bilder bei Sender und Empfänger sind, desto erfolgreicher ist Kommunikation.
Der Gedanke, das Wissen darum, dass Wörter innere Bilder erzeugen, findet sich unter anderem in der Designtheorie, der Kommunikationspsychologie und der Linguistik.
Ich bin studierter Architekt und Stadtplaner – und auch Gebäude kommunizieren. Seit vielen Jahrzehnten arbeite ich als Designer. Daher ist mir bewusst, wie stark Zeichen, Formen, Begriffe und Kontexte unsere Wahrnehmung beeinflussen und die Bereitschaft und Empfänglichkeit.

Kommunikation ist deshalb nie nur der Austausch von Wörtern. Sie ist vor allem ein Abgleich mentaler Modelle – also jener Vorstellungen, die Menschen mit denselben Begriffen verbinden. Gute Kommunikation gelingt dann, wenn diese inneren Bilder möglichst weit übereinstimmen.


Assistierter Suizid – zwei Worte, die für mich nicht zusammenpassen

Wenn ich mit Medizinerinnen, Psychologinnen, Psychiaterinnen, aber auch mit Politikerinnen oder anderen Menschen spreche, wird häufig der Begriff „assistierter Suizid“ verwendet. Für mich sind das zwei Worte, die nicht wirklich zusammenpassen.
Der Begriff „Suizid“ wird in Medizin, Psychiatrie, Recht und Wissenschaft neutral für jede absichtliche Selbsttötung verwendet. Ich habe oft gehört auch gelernt, dass der Begriff „Suizid“ nicht ausschließlich eine psychisch bedingte oder „getriebene“ Handlung bezeichne. Er bezeichne auch nicht zwingend Gewalt gegen sich selbst oder einen sogenannten Brutalsuizid.
Das ist mir bewusst. Ich kenne diese fachliche Verwendung und habe sie auch so gelernt. Aber dazu kommt im weiteren Artikel ein großes ABER ...

Ebenso wird häufig gesagt, dass „Freitod“ kein klar definierter Fachbegriff sei. Der Begriff werde eher verwendet, um einen selbstbestimmten Entschluss sprachlich hervorzuheben.

Für meinen Blog ist meine Wortwahl bewusst unterschiedlich. Auch wenn es in einzelnen Fällen Mischformen gibt, zeigen meine Erfahrungen mit Suiziden und Freitoden, dass diese Mischformen eher die Ausnahme sind. Deshalb differenziere ich bewusst zwischen „Suizid“ und „Freitod“. Denn Sprache muss immer im Kontext gesehen werden oder bereitet den Kontext, siehe meine kleine Befragung am Ende.

Sprache ist mehr als Sprache. Sie ist Verständnis, Kommunikation, Erinnerung, Assoziation und inneres Bild. Entscheidend ist nicht nur, was ein Wort fachlich bedeuten soll, sondern auch, welche Bilder, Gefühle und Reaktionen es bei anderen Menschen auslöst.


Euthanasie

In manchen Ländern wird im Zusammenhang mit assistiertem Sterben auch von „Euthanasie“ gesprochen. Für mich persönlich ist dieser Begriff im Deutschen kaum verwendbar. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen: eu bedeutet „gut“, thanatos bedeutet „Tod“. Ursprünglich meinte „Euthanasie“ also einen „guten“, „leichten“ oder „friedlichen“ Tod. In der Antike wurde der Begriff häufig mit einem würdevollen oder sanften Sterben verbunden.
Heute wird der Begriff international unterschiedlich verwendet. In vielen englischsprachigen Ländern bezeichnet euthanasia die gezielte Lebensbeendigung auf Wunsch eines Patienten oder einer Patientin.

Im Deutschen ist der Begriff jedoch historisch schwer belastet. In der Zeit des Nationalsozialismus stand „Euthanasie“ für die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen und anderen von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ diffamierten Menschen. Gerade wegen dieser historischen Bedeutung ist der Begriff für mich im deutschen Sprachraum nicht geeignet. Stattdessen sollte präziser von „aktiver Sterbehilfe“, „assistiertem Sterben“ oder anderen klar definierten Begriffen gesprochen werden.

Suizid

Auch das Wort „Suizid“ hat für mich eine problematische sprachliche Wirkung. Es stammt aus dem Lateinischen: sui bedeutet „seiner selbst“, caedere bedeutet „erschlagen“, „niederhauen“ oder „töten“. Wörtlich lässt sich „Suizid“ also als „sich selbst töten“ oder ursprünglicher sogar als „sich selbst erschlagen“ verstehen.
Allein deshalb kann ich dieses Wort nur schwer mit einer freiverantwortlichen, wohlüberlegten und sich um sich selbst sorgenden Haltung verbinden. Noch schwieriger wird es, wenn man die gesellschaftliche und historische Verwendung betrachtet. Im Deutschen wurde und wird „Suizid“ häufig im Austausch mit „Selbstmord“ verwendet. Der Begriff „Selbstmord“ enthält jedoch eine moralische und religiöse Wertung, weil „Mord“ ein schweres Verbrechen bezeichnet.


Wertneutralität 

Zwar wird in Wissenschaft, Medizin und Medien überwiegend der Begriff „Suizid“ verwendet, weil er sachlicher und wertneutraler wirken soll. Für mich erreicht er diese Wertneutralität jedoch nicht vollständig. Denn ein Wort wirkt nicht nur durch seine Definition, sondern auch durch seine Geschichte, seine Assoziationen und die Reaktionen, die es auslöst.
Deshalb sollte man aus meiner Sicht sprachlich deutlicher unterscheiden: Wenn es um eine freie, dauerhafte, wohlüberlegte und freiverantwortliche Entscheidung geht, kann der Begriff „Freitod“ passender sein. Nicht, weil dieser Begriff unproblematisch wäre, sondern weil er einen anderen Bedeutungsrahmen öffnet.
Es geht mir dabei nicht nur um Ethik, sondern auch um sprachliche und kommunikative Genauigkeit.


Ein Gedankenexperiment

Testen Sie es einmal selbst – oder stellen Sie es sich zumindest vor.
Was ist der erste Gesichtsausdruck Ihres Gegenübers?
Welche Reaktion bekommen Sie?

Wenn Sie sagen:
„Du, ich habe mir Gedanken gemacht, mein Leben betrachtet und meine Entscheidung ist: Ich will einen Suizid.“

Und nun stellen Sie sich denselben Satz vor, nur mit einem ausgetauschten Wort:
„Du, ich habe mir Gedanken gemacht, mein Leben betrachtet und meine Entscheidung ist: Ich will einen Freitod.“

Der Inhalt der Aussage ist nahezu gleich. Und doch verändert ein einziges Wort den Interpretationsrahmen.


Meine kleine Befragung

Um diese Wirkung zu überprüfen, habe ich 105 Personen befragt. 54 Personen erhielten die erste Version mit dem Wort „Suizid“, 51 Personen die zweite Version mit dem Wort „Freitod“.

Die eigentliche Frage war nahezu identisch. Es wurde nur ein Wort ausgetauscht.

Ich fragte die Teilnehmenden:

  1. Was wäre deine erste Rückfrage?
  2. Was wäre deine erste spontane Reaktion?
  3. Was würdest du als Erstes tun?
  • Würdest du jemanden verständigen? Wenn ja, wen? 
  • Gibt es noch etwas, das du dieser Person unmittelbar sagen würdest?


Version 1: „Ich will einen Suizid“
Die erste Gruppe erhielt folgende Aussage:
„Du, ich habe mir Gedanken gemacht, mein Leben betrachtet und meine Entscheidung ist: Ich will einen Suizid.“

Die häufigsten Rückfragen waren:

  • „Warum? Was ist passiert?“ – sehr häufig
  • „Hast du schon einen Plan?“ – sehr häufig
  • „Seit wann denkst du so?“ – häufig
  • „Wieso Suizid?“ oder „Wieso Selbstmord?“ – häufig
  • „Kann ich dir helfen?“ – häufig

Auffällig war, dass mehrere Personen in ihren Antworten statt „Suizid“ das Wort „Selbstmord“ verwendeten.


Die häufigsten ersten Reaktionen waren:

  • Schock und Angst – sehr häufig
  • Die Aussage sofort ernst nehmen – sehr häufig
  • Beruhigen und zuhören – häufig
  • Die Person davon abbringen wollen – häufig
  • Die Person nicht allein lassen – häufig

Als erste Handlungen wurden besonders häufig genannt:

  • Psychiater*in oder psychiatrische Klinik kontaktieren – sehr häufig
  • Angehörige verständigen – häufig
  • Krisendienst oder psychiatrische Hilfe einschalten – häufig
  • Notruf 112 oder Rettungsdienst rufen – häufig
  • Freund*innen oder Familie informieren – häufig



Version 2: „Ich will einen Freitod“
Die zweite Gruppe erhielt folgende Aussage:
„Du, ich habe mir Gedanken gemacht, mein Leben betrachtet und meine Entscheidung ist: Ich will einen Freitod.“

Die häufigsten Rückfragen waren:
  • „Warum hast du diese Entscheidung getroffen?“ – sehr häufig
  • „Bist du schwer krank?“ – häufig
  • „Was meinst du mit Freitod?“ – häufig
  • „Hast du dir das gut überlegt?“ – häufig
  • „Meinst du Sterbehilfe?“ – häufig


Die häufigsten ersten Reaktionen waren:

  • Zuhören und verstehen wollen – sehr häufig
  • Betroffenheit – häufig
  • Ein zunächst respektvollerer Umgang mit der Entscheidung – häufig
  • Nach den Gründen fragen – häufig
  • Weniger Panik als bei dem Wort „Suizid“ – häufig


Als erste Handlungen wurden genannt:

  • Das Gespräch suchen – sehr häufig
  • Nach Krankheit, Leid oder Lebenssituation fragen – häufig
  • Angehörige einbeziehen – häufig
  • Informationen über Sterbehilfe suchen – eher häufig
  • Seltener sofort Notruf oder Krisendienst verständigen – eher häufig


Der stärkste Unterschied
Der deutlichste Unterschied lag im Bedeutungsrahmen, den das jeweilige Wort auslöste.

Der Begriff „Suizid“ aktivierte bei den meisten Menschen eine Art Notfall-Setting: psychische Krise, Depression, akute Gefahr, sofortiges Handeln, Rettung. Einige Teilnehmende beschrieben sogar, dass sie sich durch den Begriff unter Stress gesetzt fühlten – obwohl sie wussten, dass es sich nicht um mich oder eine reale akute Situation handelte.

Der Begriff „Freitod“ aktivierte dagegen eher einen Autonomie- und Entscheidungskontext: selbstbestimmte Entscheidung, Abwägung, Krankheit, Leid, Sterbehilfe, Gesprächsbedarf. Die Reaktionen waren häufiger auf Verstehen, Nachfragen und Einordnen ausgerichtet als auf unmittelbare Intervention.

Für mich war dies ein interessantes und aufschlussreiches Experiment. Es zeigt, wie stark Sprache Wahrnehmung beeinflusst. Ein einziges Wort verändert den Interpretationsrahmen – also das Framing –, obwohl der Inhalt der Aussage nahezu gleich bleibt.


Zur Info - Mein verwendete Anschreiben

Die Teilnehmenden erhielten folgendes Anschreiben:

Subject-Line: Befragung – Spontane Reaktionen auf eine Aussage

Bitte beantworte die folgende Situation möglichst spontan.
Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Mich interessiert ausschließlich deine erste, intuitive Reaktion.

Situation: Stell dir vor, eine dir nahestehende Person sagt zu dir und sagt sehr unvermittelt:
„Du, ich habe mir Gedanken gemacht, mein Leben betrachtet und meine Entscheidung ist: Ich will einen Suizid.“

Bitte beantworte anschließend folgende Fragen:
  • Was wäre deine erste Rückfrage?
  • Was wäre deine erste spontane Reaktion?
  • Was würdest du als Erstes tun?
  • Würdest du jemanden verständigen? Wenn ja, wen?
  • Gibt es noch etwas, das du dieser Person unmittelbar sagen würdest?

Bitte antworte möglichst ohne lange nachzudenken und so, wie du in dieser Situation tatsächlich reagieren würdest.



Die zweite Gruppe erhielt dasselbe Anschreiben, allerdings mit dem Begriff „Freitod“ statt „Suizid“.



Mein methodisches Vorgehen

  • Jede Person erhielt nur eine der beiden Versionen. Die Befragung erfolgte per WhatsApp, per E-Mail oder persönlich.
  • Bei schriftlichen Befragungen vereinbarte ich vorher, dass ich nach wenigen Minuten anrufe. Bei persönlichen Befragungen entfernte ich mich kurz aus dem Raum oder vom Tisch und kam anschließend wieder zurück. So wollte ich möglichst spontane Reaktionen ermöglichen.
  • Erst nach der Befragung erklärte ich, worum es mir ging: nämlich um die Frage, welchen Einfluss einzelne Begriffe auf Wahrnehmung, Interpretation und spontane Reaktion haben.
  • Danach erklärte ich den Teilnehmenden, dass eine andere Gruppe dieselbe Frage erhalten hatte – jedoch mit dem jeweils anderen Begriff.


Fazit

Sprache ist nicht neutral. Begriffe tragen Assoziationen, Erinnerungen, Geschichte, Bilder, Gefühle und Erwartungen in sich. Gerade bei existenziellen Themen wie Sterben, Selbstbestimmung, psychischer Krise und assistiertem Sterben ist es deshalb entscheidend, welche Worte wir verwenden.


Für mich zeigt diese kleine Befragung deutlich:

„Suizid“ und „Freitod“ lösen unterschiedliche Assoziationen und innere Bilder aus. Sie führen zu unterschiedlichen Rückfragen, unterschiedlichen Emotionen und unterschiedlichen Handlungen.

Deshalb ist es nicht egal, welches Wort wir wählen. Sprache entscheidet mit darüber, ob Menschen sofort an Krise, Gefahr und Rettung denken – oder an Autonomie, Abwägung und Gespräch.

Gerade deshalb sollten wir bei diesen Themen besonders sorgfältig, bewusst und kontextsensibel sprechen.



Ich habe mich schon sehr oft über Sprache und eine gute Wortwahl ausgelassen ...

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