Wer sind die Menschen, die sich für den Freitod entscheiden – obwohl sie noch Jahre zu leben hätten?
Ein Blick nach Belgien und eine Reflexion aus deutscher Perspektive
Seit 2020 ist in Deutschland – nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts – die Möglichkeit der assistierten Selbstbestimmung am Lebensende wieder rechtlich eröffnet. Seitdem begleitet mich eine Frage, die auch ein aktueller Artikel der Brussels Times aufgreift:
Wer sind die Menschen, die Sterbehilfe erwägen und beantragen, obwohl sie eigentlich noch Jahre zu leben hätten?
Belgien zeigt eine stille Entwicklung
Belgien hat seit 2002 Erfahrung mit gesetzlich geregelter aktiver Sterbehilfe. Der Artikel beleuchtet eine Zahl, die aufhorchen lässt: 2025 betraf fast jeder vierte Fall (24,9 %) Menschen, deren Tod nicht unmittelbar bevorstand. Es sind also nicht nur sterbende Krebspatienten im Endstadium – es sind Menschen mit Polypathologien, mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, mit beginnender Demenz oder psychischem Leid.
Die große Mehrheit (73 %) ist über 70 Jahre alt. Manche hätten, rein medizinisch betrachtet, noch zehn Jahre vor sich. Auch meiner Frau sagte ein Arzt einmal: ... Sie könnten mit ihrer PPMS nach vieleJahre oder Jahrzehnte existieren ... die Antwort meiner Frau kam trotz einer bereits existierenden Muskelschwäche in der Zunge schnell ... ja, sie sagen es richit, ich könnte damit existieren ... aber nichtmein Leben leben ...
Was mich daran bewegt
Was mich am belgischen Zugang überzeugt: Der Gesetzgeber hat bewusst keine Restlebenserwartung, so wie in Frankreich, festgelegt. Nicht die Frage „Wie lange noch?" steht im Zentrum, sondern das Leiden und die Lebensqualität. Jacqueline Herremans, Mitvorsitzende der belgischen Kontrollkommission, bringt es im Artikel auf den Punkt: Es gehe um ein Leiden, „das die Qualität deines Lebens betrifft".
Das deckt sich mit meiner Erfahrung aus über fünf Jahren Arbeit zum Thema mentale Gesundheit: Leiden ist mehr als körperlicher Schmerz. Der schleichende Verlust von Autonomie, Würde und Selbstbestimmung kann ebenso unerträglich werden.
Besonders stark finde ich eine Beobachtung aus dem Text: Sobald ein Antrag angenommen und ein Datum gesetzt war, schienen die Menschen „ins Leben zurückzukehren" - das ist auch meine durchgängige Erfahrung, die auch Vereine wie die DGHS und Dignitas nennen. Die Gewissheit, einen würdevollen Freitod wählen zu dürfen, nahm den Druck – und schenkte Lebenszeit mit Qualität.
Die Schattenseiten ehrlich benennen
Eine sterbehilfe-offene Haltung darf nicht naiv sein. Der Artikel spricht auch die unbequemen Fragen an, die mich bewegen:
- Demenz: Wann ist eine Entscheidung noch frei und wohlüberlegt?
- Psychisches Leid: Wie unterscheiden wir eine behandelbare Krise von einem dauerhaften, freiverantwortlichen Entschluss?
- Einsamkeit und Armut: Herremans mahnt zu Recht: „Nicht das Sterbehilfegesetz schafft Prekarität." Aber wir müssen sicherstellen, dass niemand den Freitod wählt, weil die Gesellschaft an Fürsorge spart.
Genau hier liegt die Verantwortung: Selbstbestimmung ja – aber eingebettet in echte Alternativen, soziale Sicherheit und gute Begleitung.
Ein Wort zur Sprache: Warum ich „Euthanasie" meide
Der englische Originaltext spricht von „euthanasia". Im Deutschen verwende ich dieses Wort bewusst nicht – und ich halte das für geboten. Der Begriff ist historisch schwer belastet: In der NS-Zeit stand „Euthanasie" für die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Was damals ein zynischer Euphemismus für ein Verbrechen war, lässt sich nicht unbefangen auf eine selbstbestimmte, freiverantwortliche Entscheidung übertragen. Deshalb spreche ich präzise von aktiver Sterbehilfe, assistiertem Sterben oder – wo es um die wohlüberlegte, freie Entscheidung geht – vom Freitod. Sprache ist nicht neutral. Sie entscheidet mit, ob wir an Krise und Gefahr denken oder an Autonomie, Abwägung und Gespräch.
Mein Fazit
Belgien zeigt, dass ein regulierter, von Schutzvorkehrungen begleiteter Umgang mit dem selbstbestimmten Sterben möglich ist – mit Mehrfach-Begutachtung, Wartefristen und nachträglicher Kontrolle. Für Deutschland bleibt die Aufgabe, einen eigenen, würdevollen und sprachlich sensiblen Weg zu finden.
Herremans sagt einen Satz, der mich nicht loslässt:
„An dem Tag, an dem es keine Debatten mehr über Sterbehilfe gibt, werde ich mir Sorgen machen – denn wir müssen uns immer Fragen stellen."
Dem schließe ich mich an.

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