Des Lebens satt? Warum wir genauer hinschauen – und genauer sprechen – müssen

Es gibt Sätze, die bleiben. Einer davon stammt aus einem Antrag, den eine Frau an einem Novembermorgen an ihrem Computer tippte: „Ich habe all die Jahre gerne gelebt, das Leben genossen und viel erlebt." Marion Tiede, seit 37 Jahren im Rollstuhl, formulierte ihren Wunsch nach einer Freitodbegleitung in Worten, die nichts Verzweifeltes haben, sondern etwas zutiefst Bedachtes.

Ich habe den SPIEGEL-Artikel von Martin Schlak („Begleiteter Suizid – Des Lebens satt") gelesen. Und wie so oft, wenn ich über dieses Thema schreibe, treibt es mich um. Nicht, weil mir die Fragen fremd wären – sondern weil ich sie aus meiner eigenen Arbeit so gut kenne.

Etwas was Wenige überblickt – und ein Weg, den zu wenige kennen

Der Artikel beleuchtet die Sterbehilfe und beleuchtet dabei auch 'Ungeregeltes'. Das kann ich nachvollziehen, und ja, auch ich habe auf diesem Blog schon über Regelverstöße berichtet. Mir ist wichtig, möglichst viele Perspektiven auf dem Radar zu haben.
Aber eine Sache möchte ich ergänzen, weil sie in solchen Berichten oft untergeht: Der naheliegendste Weg ist meist nicht der teure oder vermeintlich teure Verein, sondern der eigene Arzt. In meinen Fällen wurden 90–95 % der Menschen von ihrer vertrauten Hausärztin, Neurologin oder Onkologin begleitet – im vertrauten Umfeld, mit vertrauten Menschen. Die Kosten lagen dabei meist deutlich unter denen der Vereine.
Dass dieser Weg so selten gegangen wird, liegt an einem hartnäckigen Missverständnis. Noch immer höre ich von Mediziner*innen: „Das ist doch verboten", „Da darf ich nicht helfen.".
Das ist schlicht nicht richtig. Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 unmissverständlich klargestellt: Das Recht, um Hilfe zu bitten – und die Freiheit der Ärzte, sie zu geben – besteht. Ich denke an Heinz M., dem seine Ärztin erst nach einem Gespräch mit einer Fachanwältin guten Gewissens helfen konnte.


„Lebenssatt" – ist das wirklich neu?
Der Artikel stellt die große Frage: Verschiebt sich unsere Idee davon, was lebenswert ist? Ein Viertel der Sterbewilligen, heißt es, bezeichne sich als „lebenssatt".
Hier bin ich nachdenklich – aber anders, als der Artikel es nahelegt. Ich frage mich: Ist das wirklich eine neue Verschiebung? Oder wurde darüber früher nur nicht so offen gesprochen? Lebenssattheit war schon 2023 mit rund 22 % einer der häufigsten Gründe bei der DGHS – einem Verein, der sehr gewissenhaft und im doppelten Vier-Augen-Prinzip prüft. Auch sein wir ehrlich, auch wenn man das Wort Lebenssattheit in den 80zigern oder 90zigern, vor 30 Jahren verwendet hätte, wäre man ohne Umschweife als Suizidal eingeordnet worden.

Und doch: „Lebenssatt" und „lebensmüde" sind nicht dasselbe. Das ist für meine Arbeit die entscheidende Grenze. Wenn ich bei einem Menschen Lebenssattheit spüre, spreche ich über seine Lebensfreuden, über Wünsche, die waren oder noch sind – und immer auch über Alternativen: Therapie, Altenpflege, Palliativmedizin, Hospiz. Wenn ich aber Lebensmüdigkeit spüre, jene Leere, die oft gar keine Leere ist, sondern voller Seelenschmerz und Selbstablehnung – dann komme ich immer zur Suizidprävention. Diese Unterscheidung ist keine Formalie. Sie ist Verantwortung. (Siehe auch: Antonymie und Gegensätzlichkeit von Lebenssattheit und Lebensmüdigkeit)


„Erzählen Sie mir mehr" – die Haltung, die zählt
Zwei Stimmen aus dem Artikel bestärken mich zutiefst. Der Mediator Klaus Neander fragt nicht sofort zustimmend, sondern: „Was könnte Ihrem Leben wieder Sinn geben?" Sinn, sagt er, kann in Kleinem liegen – im Hund der Nachbarn, in einer Vereinschronik. Und der Palliativmediziner Raymond Voltz bringt es auf den Punkt: „Wenn ein Patient äußert, er wolle nicht mehr leben, sollte die erste Reaktion sein: 'Erzählen Sie mir mehr!'  Und nicht: 'Ich schicke Ihnen Freitodbegleiter vorbei.' "
Genau das ist die Haltung, für die ich stehe.
Zuhören, ergebnisoffen. Nicht abwiegeln, nicht drängen – weder zum Leben noch zum Tod.


Ein Wort, das alles verändert
Mir ist eine gute Wortwahl wichtig, weil sie über gute Kommunikation entscheidet. In einer kleinen Befragung habe ich 105 Menschen denselben Satz vorgelegt – einmal mit dem Wort „Suizid", einmal mit „Freitod". Das Ergebnis war eindeutig: „Suizid" löste Schock, Angst und den Reflex zum Notruf aus. „Freitod" führte eher zu Zuhören, Nachfragen, Verstehenwollen.
Ein einziges Wort verschiebt den gesamten Interpretationsrahmen. Deshalb ist es nicht egal, welches wir wählen. Und genau diese falsche Wortwahl macht solche oft guten Artikel aschwer zu lesen und zu verstehen. Wie nutzen Journalisten keine Kommunikationsfördernde Sprache und Wortwahl?


„Normalität" oder „normal"? – Hier liegt das Missverständnis
Der Artikel warnt, Sterbehilfe dürfe nicht zur Normalität werden. Das kann ich nachvollziehen – und doch folgt hier aus meiner Sicht der falsche Gedanke.
Für mich gibt es einen feinen, aber entscheidenden Unterschied: „Normalität" meint das Gewöhnliche, Erwartungskonforme. „Normal" meint das Akzeptierte, Tolerierte – eine Option unter mehreren. Und genau das wünsche ich mir: dass jedes würdige Sterben als „normal" anerkannt wird – der natürliche Tod, das Sterben auf der Palliativstation, im Hospiz oder das selbstbestimmte Sterben. Nicht, dass das eine zur erwartbaren Normalität wird. Sondern dass alle Wege als würdig anerkannt und gesellschaftsfähig sind.


Ermöglichen – nicht fördern
Darauf läuft für mich alles hinaus. Autonomie ist ein hohes Gut, und die Geschichten von Marion Tiede und Irmgard Munterjan verdienen tiefen Respekt. Zugleich brauchen wir ein gestärktes System: Psychotherapie, Altenpflege, Palliativ- und Hospizpflege – und einen guten, open-minded Zugang zu allen Alternativen und allen Informationen ohne Hürden und ohne Informationseinschränkungen wie sie durch die Gesetzentwürfe 2023 anvisiert wurden.
Gerade deshalb beunruhigt mich, dass ein Gesetzentwurf , der Strafgesetzbuch-Entwurf von Lars Castellucci, Ansgar Heveling und weiteren Abgeordneten, diese freie Information einschränken wollte. Wir dürfen Menschen die Wahl nicht erschweren – in keine Richtung.
Eine Gesellschaft, die diese Freiheit anerkennt, sagt nicht „Du sollst leben" und nicht „Du sollst sterben". Sie sagt: „Dein Leben gehört dir."
Und unsere Aufgabe – als Begleiter, als Zuhörende, als Mitmenschen – ist es, genau hinzuschauen. Und genau zu sprechen.


Ich habe unter dem Hastag:

Sterbehilfefälle einige meiner Fälle und Erfahrungen gesammelt, wie auch Erfahrungsberichte, und reale Freitodbegleitungen




Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen?
Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber.

Es gibt – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen, per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Du brauchst Hilfe hier und jetzt? Hilfsangebote:

🚨 Notfall (akute Gefahr)

Rettungsdienst / Notarzt: 112

Akutpsychiatrie: Notaufnahme in psychiatrischen Kliniken, 24 h erreichbar

Universitätsklinikum Heidelberg: 06221 56-4466 (24 h)

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de

☎️ Seelische Krisen (für alle)

Telefonseelsorge: 116 123 (rund um die Uhr, anonym)

Evangelisch: 0800 111 0 111

Katholisch: 0800 111 0 222


👶 Kinder & Jugendliche

Nummer gegen Kummer: 116 111 (Mo–Sa, 14–20 Uhr)

Elterntelefon: 0800 111 0 550

Online: krisenchat.de · u25-deutschland.de    nummergegenkummer.de.


👵 Senioren

Silbernetz: 0800 470 80 90 (ab 60 Jahren)


🕌✡️ Spezielle Angebote

Muslimisches Seelsorge-Telefon: 030 443 509 821 (24 h)   „Matan“

Jüdische Hotline: 0800 000 16 42 (täglich 20–22 Uhr)


☠️ Vergiftung

Giftnotruf Charité: 030 19240

Giftnotruf TU München: 089 19240


👪 Für Angehörige

SeeleFon (BApK): 0228 71002424



🫂 Akute Krisen & Psychische Probleme:
Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg Terminservicestelle (116 117) vermittelt zeitnah Therapieplätze (bundesweit, rund um die Uhr).
Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg Therapeutensuche nach Ort und Fachgebiet
Psychiatrische Institutsambulanz (PIA): Lokale Anlaufstellen in Krankenhäusern.
Sozialpsychiatrischer Dienst: Kostenlose Beratung durch Ämter, oft auch kurzfristig.


📍 Beratung vor Ort (Region Heidelberg/Mannheim)

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim - Klinik & Ambulanz für psychische Erkrankungen

Universitätsklinikum Heidelberg in Heidelberg - Psychiatrische und psychosomatische Ambulanzen
06221 56-4466 24h geöffnet
Gebäude 44 Ebene Haus 1   -   Voßstraße 4  -  69115 Heidelberg

Caritasverband Rhein-Neckar Beratungsstelle für psychische Belastungen
06202 9314-26
Psychosoziale Betreuung und allgemeine Lebensberatung
Carl-Benz-Straße 3  -  68723 Schwetzingen

Diakonie Baden  -  Psychosoziale Beratungs- und ambulante Behandlungsstelle
06221 / 149 - 820
Plöck 16 - 18  -  69117 Heidelberg
http://www.stadtmission-hd.de



Weitere Wege zur Therapeutensuche:

  • Online-Portale (z. B. über Krankenkassen oder Arztsuche-Dienste)
  • Empfehlung durch Hausarzt / Facharzt
  • Selbsthilfegruppen (oft lokal organisiert)


Nationale Kontakt- und Informationsstelle (NAKOS) zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
Telefon: 
030 - 31 01 89 60

https://www.nakos.de/

    

📱 App

KrisenKompass – digitaler „Notfallkoffer“ der Telefonseelsorge KrisenKompass - AppDer KrisenKompass ist eine App, die die Funktionsweise eine Art Notfallkoffer für Krisensituationen darstellt.
In den Notfallkoffer können Sie positive Gedanken oder Fotos, Erinnerungen oder Lieder packen.
Das Rüstzeug, der Notfallkoffer für schlechte Momente. Dazu dienen etwa die Tagebuchfunktion und die persönlichen Archive.



Notfall

Notaufnahme in der Akutpsychiatrie: In größeren psychiatrischen Kliniken existieren Notaufnahmen mit Fachärzt*innen, die ähnlich funktionieren wie die körperliche Notfallmedizin. Diese sind 24 Stunden täglich erreichbar.
Schnelle Hilfe im Notfall: 112 (Rettungsdienst)

Bei Vergiftungen:

Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen etc. rufen Sie bitte direkt den Notarzt – in Deutschland über die Nummer 112

Giftnotruf

Kostenfreie Informationen bei Verdacht auf Vergiftungen geben rund um die Uhr folgende Giftnotrufe:

Giftnotruf der Charité: 030 19240

Giftnotruf der TU München: 089 19240

Vergiftungs-Informations-Zentrale: 0761 19240






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