Wenn das Loslassen zum inneren Widerspruch wird — Ambivalenz bei Angehörigen, Pflegenden und im medizinischen Umfeld

In meinem Blog habe ich viel über Ambivalenz geschrieben — die innere Zerrissenheit von Menschen, die über ihren eigenen Tod nachdenken. Gleichzeitig lebend-und-sterbend-wollend, gleichzeitig erschöpft und noch verankert. Diese Ambivalenz der sterbewilligen Person ist real, sie ist menschlich, sie verdient Raum.
Aber es gibt eine zweite Ambivalenz, über die wir kaum sprechen: die der Menschen, die danebenstehen. Daran erinnerte mich gestern die Vorträge, und anschließende Diskussion,  vom Netzwerk Suizidprävention und verantwortbarer Umgang mit Anfragen nach Assistenz bei der Selbsttötung in Sachsen-Anhalt (NEVAS) mit dem Titel Suizidalität und Suizidprävention im Kontext von Anfragen nach Suizidassistenz, durch Dr. Tim Krause, Prof. Dr. Stefan Watzke.


Angehörigen:
Zwischen Verstehen und Festhalten
Wer einen Menschen liebt, der den Weg der Sterbehilfe wählt, erlebt oft etwas, für das es keine einfache Sprache gibt: Man kann den Wunsch verstehen – und sich trotzdem verlassen fühlen. Man kann die Entscheidung respektieren – und sich gleichzeitig wünschen, dass sie anders ausfiele. Beides gleichzeitig.
Für den Partner oder die Partnerin bedeutet es, den Menschen zu begleiten, mit dem man das Leben geteilt hat – und gleichzeitig zu wissen, dass das gemeinsame Leben bald endet. Nicht durch einen Unfall, nicht durch ein schleichendes Sterben, sondern durch eine Entscheidung. Das ist eine andere Art des Abschieds. Einer, der zwar Würde hat aber der trotzdem weh tut. Viele Angehörige beginnen zu trauern, lange bevor der Tod eingetreten ist – eine antizipatorische Trauer, die gesellschaftlich kaum anerkannt wird, obwohl sie erschöpfend und real ist.
Kinder erleben den Sterbewunsch eines Elternteils oft als Riss in der eigenen Weltordnung. Das Elternteil war immer da. Und jetzt möchte es gehen – bewusst, gewollt. Selbst wenn man das intellektuell versteht, bleibt das Kind in einem zurück, das sich fragt: Bin ich nicht Grund genug zum Bleiben? Das ist keine Anklage. Es ist Menschlichkeit. Bei einer Betreuung einer Frau in einem Pflegeheim habe ich beim dritten Gesprächstermin bei dem die Kinder anwesend waren diesen Satz in ähnlicher Form von dem etwa 60 jährigen Sohn gehört.
Noch anders ist es für die Eltern, die ihr Kind überleben. Das widerspricht jeder natürlichen Ordnung. Ich habe erlebt, wie die Mutter meiner Frau dabei war, als ihre Tochter, meine Frau, die Augen schloss — etwas, das ich in meinem persönlichen Bericht (Sidenote, meine ersten Artikel auf diesem Blog waren nahezu alle in Englisch, da ich mich in dieser ersten Zeit in Englisch besser ausdrücken konnte) beschrieben habe.
Geschwister stehen oft in einer schwierigen Position: Manchmal sind sie sich untereinander nicht einig. Manche verstehen, manche lehnen ab. Und mitten im Abschied kommt es zu Konflikten, die vorher nie da waren — oder die schon lange da waren und jetzt keine Zeit mehr haben, gelöst zu werden.

Diese Kämpfe, Zerrissenheit, und auch Stärke der Angehörigen verdient tiefe Achtung — und sie trägt einen Schmerz, der sich kaum in Worte fassen lässt.


Pflegende:
Wenn Fürsorge auf die eigenen Grenzen stößt
Pflegende Angehörige, die über Monate oder Jahre einen Menschen begleitet haben, kennen jede Falte im Gesicht, jeden schlechten Tag, jede kleine Verbesserung. Pflege ist Liebe in Handlungen. Wenn der gepflegte Mensch dann sagt, er möchte nicht mehr — trifft das die pflegende Person auf eine ganz eigene Art. Habe ich nicht genug getan? Hätte ich mehr sein können? 
Auch das ist Ambivalenz: das Wissen, dass man alles gegeben hat, und die nagenden Zweifel, die trotzdem bleiben.
In professionellen Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten ist das nicht anders – auch wenn es weniger sichtbar ist. Pflegende bauen über Monate und Jahre Beziehungen auf. Sie kennen die Lieblingsmusik, sie wissen, wie jemand seinen Kaffee trinkt, sie sind oft mehr präsent als jeder Arzt. Wenn ein Mensch aus diesem Umfeld stirbt – durch assistierte Sterbehilfe, sind diese Fachkräfte oft nicht Teil des Abschieds. Niemand fragt sie, wie es ihnen dabei geht.
Als ich nach dem Tod meiner Frau den ambulanten Pflegedienst informierte, war die Reaktion Entsetzen. Nicht Böswilligkeit – Entsetzen. Sie hatten keine Kategorie dafür. Kein Protokoll, keine Trauerbegleitung für sich selbst, keinen Raum für die eigene Erschütterung. Sie trauerten still, während die Welt weiterlief.
darum biete ich Informationsveranstaltungen diesen Personen, wenn ich mich meist mit meinen Infoveranstaltungen auf die Blaulichtorganisationen , Blaulichtkolleg*innen und speziell auch PSNV Kräfte konzentriere die gerade in der PSNV-B solche Betreuungen haben.


Ärzte und medizinisches Umfeld:
Heilen als Berufsethos und nicht Hilfe beim Sterben
Ärztinnen und Ärzte werden ausgebildet, um Leben zu erhalten. Dieser Impuls ist selbstverständlicher und tief verwurzelter Teil des Berufsverständnisses. Wenn ein Patient oder eine Patientin sagt: Ich möchte sterben, und ich habe das Recht dazu – entsteht ein Riss zwischen dem ärztlichen Selbstverständnis, dem Schutzauftrag und dem Prinzip der Patientenautonomie. Beides hat Berechtigung. Beide stehen sich manchmal unversöhnlich gegenüber. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, warum es Ärztinnen und Ärzten oft schwerfällt, über Sterbewünsche zu sprechen  und welche strukturellen Bedingungen dazu beitragen.

Aber ich möchte hier über eine Gruppe sprechen, die dabei fast vollständig unsichtbar bleibt: die Medizinischen Fachangestellten / Arzthelfer*innen.
Sie sind die erste Stimme am Telefon, wenn jemand anruft und sagt, es geht ihm nicht gut. Sie nehmen Blut ab, impfen, erneuern Rezepte, begleiten Jahrzehnte. Während der Arzt eine Patientin vielleicht fünf Minuten im Sprechzimmer sieht, hat die MFA sie unzählige Mal in der Wartezone erlebt – wie sie auf dem Stuhl sitzt, was sie erzählt, ob sie heute anders wirkt als letzte Woche. Diese Nähe entsteht nicht durch Protokoll. Sie entsteht einfach, durch Wiederholung und Menschlichkeit.
Manchmal ahnen Medizinische Fachangestellte mehr als der behandelnde Arzt. Ein Patient, der plötzlich alle offenen Rezepte auf einmal abholen möchte. Jemand, der sich nach Monaten der Klage ungewohnt ruhig verabschiedet. Eine ältere Frau, die sagt: „Grüßen Sie den Doktor, ich glaube, ich komme nicht mehr so oft." Diese Signale landen bei den MFA  –  nicht immer, aber öfter als man denkt. Und was machen sie damit? Oft: nichts, weil es keinen Kanal gibt, in dem das Platz hat.
Wenn ein Stammpatient stirbt sei es durch assistierten Sterbehilfe oder auch durch lange Krankheit, erfahren Medizinische Fachangestellte es manchmal erst, wenn der nächste Termin nicht wahrgenommen wird und jemand aus der Familie zurückruft. Oder durch einen Eintrag im System. Es gibt keine Übergabe, keinen Abschluss, kein Ritual. Sie sind rechtlich und institutionell keine Trauernden. Dabei haben sie oft eine Beziehung getragen, die jahrelang verlässlich war.

Ich habe einmal eine niedergelassene Ärztin bei der Begleitung einer Sterbehilfe beratend unterstützt. Wir führten mehrere Gespräche, telefonierten gemeinsam mit einer Anwältin, um rechtliche Sicherheit zu schaffen, und ich erlebte, wie ernsthaft und verantwortungsvoll sie diesen Weg mitgegangen ist. Meine Empfehlung, frühzeitig ein Gespräch mit ihrem Team zu führen, nahm sie zur Kenntnis – hielt es aber nicht für dringend notwendig.
Zwei Wochen nach dem Sterbetag rief sie an. Ihre Stimme klang anders als sonst. „Bitte lassen Sie uns so bald wie möglich zusammenkommen. Ich habe zwei Krankmeldungen aus dem Team – beide aus psychischen Gründen."
Das Team hatte mitgetragen, ohne dass jemand gefragt hatte, wie es ihnen dabei geht.
Redet miteinander – und zwar bevor es so weit ist. Nicht nur danach.

Was fehlt, ist nicht nur Anerkennung – es fehlt ein Rahmen.

  • Supervision,
  • Nachsorge,
  • auch nur das Gespräch in der Praxis: Wie geht es euch damit?
Das ist in den meisten Teams, Institutionen, Praxen nicht vorgesehen. Dabei wäre es so wenig, und es würde so viel bedeuten. Besonders dann, wenn der Umgang mit Sterbewunsch, Freiverantwortlichkeit und dem eigenen Aushalten – wie ich hier beschrieben habe in einem Artikel den ich Zwischen Helfen und Aushalten – wenn medizinisches Personal mit Suizidalität oder auch einem Sterbewunsch konfrontiert werden nannte ... für alle Beteiligten eine Zumutung sein kann, für die niemand allein gerüstet ist.


Was all diese Menschen gemeinsam haben
Sie alle stehen vor derselben Herausforderung ... Sie sollen die Entscheidung eines anderen Menschen respektieren und haben gleichzeitig eigene Gefühle, moralische Einstellungen, Vorstellungen, Prädispositionen, die dieser Entscheidung, diesem Wunsch widersprechen.
Das ist kein Versagen. Das ist keine fehlende Akzeptanz. Das ist Menschlichkeit.

Ambivalenz muss nicht aufgelöst werden. Aber sie braucht Raum. Sie braucht Worte.
Und sie braucht die Anerkennung, dass auch der Schmerz derjenigen gilt, die nicht sterben – die zurückbleiben, weiterleben und tragen, was war.






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